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Berlinale-Blogger 2019
Von komplexer Historie zum makellosen Bild

'Never Look Away'.
'Werk ohne Autor'. | © Sony Pictures

Filmemacher Florian Henckel von Donnersmarck präsentiert eine Pseudo-Biografie des gefeierten Künstlers Gerhard Richter, die als bester fremdsprachiger Film für den diesjährigen Oscar nominiert wurde. Aber während der Film im Ausland viel Lob findet, wird ‚Werk ohne Autor‘ in Deutschland kontrovers diskutiert.
 

Von Sarah Ward

Gerhard Richter ist ein Künstler vieler Stilrichtungen, von abstrakten Formen über Stillleben-Kompositionen bis hin zu fotorealistischen Gemälden, bei denen er realitätsgetreue Bilder detailliert nachbildet, nur um die Werke vor ihrer Fertigstellung mit dem Pinsel zu verwischen. Damit legt er einen verhüllenden Schleier über den Blick auf die Wirklichkeit und reflektiert so ein Gefühl, das wir alle kennen. Fotos mögen eine exakte Darstellung der Vergangenheit liefern, aber im Nachdenken über sie weisen unsere Erinnerungen nicht annähernd dieselbe Genauigkeit auf.


WENN EINE BIOGRAFIE KEINE BIOGRAFIE IST

Indem er eine Pseudo-Biografie über Richter vorlegt, bildet Filmemacher Florian Henckel von Donnersmarck diesen Prozess ab, der einen Wendepunkt in der Karriere des Künstlers markiert. Leider schöpft der Autor und Regisseur zwar mit Gefühl und Intention aus der Geschichte seines Subjekts, fühlt sich dann aber dem, was der Künstler damit sagen will, weniger verpflichtet. Im Ausland gelobt und als bester fremdsprachiger Film für den diesjährigen Oscar nominiert, versucht Werk ohne Autor, Richters Geschichte in einen schärferen, saubereren Fokus zu bringen. Der im Inland kontrovers diskutierte Film, von dem sich die Figur, die ihn inspirierte, distanziert hat, scheitert daran, das komplexe Gefüge von Richters Leben zu akzeptieren.
 

Das Ergebnis erinnert an einen Schlüsselmoment des Films: Eine gestochen scharfe Nachbildung mag ins Auge fallen, wie der an Richter angelehnte Kurt Barnert (Tom Schilling) bei der Betrachtung seines Werks im Stillen bemerkt; aber tiefer einzutauchen, über das Offensichtliche hinaus, verleiht ihm mehr Kraft. Werk ohne Autor ist ein fesselnder, ausladender, ansprechend gedrehter Film, der sich jedoch nur nach dem ersten Teil dieses Gedankens richtet; etwas überraschend, wenn man seine fiktionalisierte Natur bedenkt. Mehr als ein Jahrzehnt nach seinem Oscar-gekrönten Debut Das Leben der Anderen kehrt Donnersmarck nach Deutschland zurück und kokettiert mit ausgesuchten Fakten, um statt einem kniffligeren, komplexeren Film einen glatteren, einfacheren zu erzählen. Dementsprechend funktioniert sein Film am besten, wenn man ihn als breit angelegtes Drama über Deutschland im Zweiten Weltkrieg, die Zeit danach und die Rolle betrachtet, die die Kunst beim Navigieren der Katastrophe, dem Wiederaufbau nach Gräueltaten und die Suche nach Authentizität spielt, und weniger als filmische Biografie eines der berühmtesten Künstler des Landes.

GRANDIOS, GROSSARTIG, ABER MALEN NACH ZAHLEN

Als breites Drama ist Werk ohne Autor so grandios wie von Donnersmarck beabsichtigt und beschreibt Barnerts schmerzhafte Kindheit zu Beginn des Konflikts, seine westdeutschen Jahre des Malens sozialrealistischer Wandbilder und sein Überlaufen in den Osten, um dort die Kunstakademie zu besuchen und sich als Künstler zu etablieren. Zwei Frauen prägen seinen Weg nicht weniger als der Krieg: seine geliebte Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl), die sein künstlerisches Können förderte, an einer psychischen Erkrankung litt und von den Nazis erbarmungslos eingesperrt wurde; und Ellie (Paula Beer), eine Kommilitonin und Tochter eines Arztes (Sebastian Koch), der im Dritten Reich dafür zuständig war, dass „unwerte“ potentielle Mütter keine Kinder bekamen.

 
'Never Look Away'. 'Never Look Away'. | © Sony Pictures
Mit seiner Gabe für Erzählkunst, der die Filmlaufzeit von 188 Minuten wie im Flug vergehen lässt, erzählt Donnersmarck, wie ein traumatisierter Junge einer der ganz Großen der Kunst wird und die Auseinandersetzung mit dem Grauen eine kreative Abrechnung befeuern kann. Die durchweg herausragenden schauspielerischen Darbietungen leisten dem souverän Vorschub, und die spektakulären visuellen Kompositionen von Kameramann Caleb Deschanel (ebenfalls für einen Oscar nominiert, eine Seltenheit für einen nicht-englischsprachigen Film) wettstreiten in ihrer Pracht oft mit den dargestellten Kunstwerken. Dennoch fühlt sich Werk ohne Autor, von Elisabeths früher Äußerung des englischsprachigen Titels des Films (Never Look Away, Schau niemals weg) gegenüber dem fünfjährigen Kurt über die Nennung auch des deutschen Filmtitels bis hin zu seinem Ende stets an wie Malen nach Zahlen – etwas, das weder seine wirklichen noch seine erfundenen Figuren je tun würden. Der eindringliche Film verfügt über Wucht und Ambition ebenso wie über außergewöhnliche Darstellungen und Bildsprache; aber er weist für ein so komplexes Stück Geschichte dann doch zu viel Makellosigkeit auf.
 

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