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Berlinale-Blogger antworten
Starke Frauen – eine „andere“ Berlinale?

Juliette Binoche
Juliette Binoche ist seit 2019 Jury-Präsidentin der Berlinale. | Foto (Ausschnitt): © Fred Meylan

In der Presse war zu lesen, die diesjährige Berlinale sei ein „Festival der Frauen“. Hat die starke weibliche Perspektive in diesem Jahr schon zu Änderungen vor oder hinter den Kulissen geführt? 


Philipp Bühler Foto: © Privat Philipp Bühler - Deutschland: Bei sieben von sechzehn Wettbewerbsfilmen führte eine Frau Regie, insgesamt war an knapp der Hälfte aller 400 Filme eine Frau führend beteiligt. Über die Qualität sagt das nichts aus. Nora Fingscheidts Systemsprenger war großartig, Isabel Coixets Elisa y Marcela über eine lesbische Liebe anno 1900 schlimmer Kitsch. Dennoch ist die gegenwärtige Politik natürlich richtig. Im Kino geht es um Sichtbarkeit, Festivals haben hier eine wichtige Vorbildfunktion.

Sarah Ward Foto: © Privat Sarah Ward - Australien: Die deutlichen Bemühungen der Berlinale, sich für Frauen einzusetzen, sollten für den Beginn eines ständigen Bestrebens stehen. Einerseits ist es toll, zu sehen, wie viel Aufmerksamkeit Charlotte Rampling (Empfängerin des Ehrenbärs), Juilette Binoche (Jurypräsidentin des Wettbewerbs) und Lone Scherfig (Regisseurin des diesjährigen Eröffnungsfilms ) erfahren. Wichtiger ist es auf der anderen Seite vielleicht, jene Frauen zu fördern, die in der Filmindustrie bislang noch keinen Erfolg vorweisen konnten. Die Filmauswahl ist von enormer Bedeutung. Ein Drittel der im Wettbewerb laufenden Filme dieses Jahres wurde von Frauen gedreht. Und es müssen unbedingt noch mehr werden. 


Egor Moskvitin Foto: © Privat Egor Moskvitin - Russland: Ich glaube nicht an die Existenz von „Männerfilmen und „Frauenfilmen – zum Glück leben wir in einer Welt, in der Kathryn Bigelow Zero Dark Thirty drehen konnte, und Pedro Almodóvar Alles über meine Mutter. Mir gefällt, was kürzlich bei der Abschlusszeremonie des Sundance Film Festivals zu hören war: „Die männliche Dramaturgie ist so ähnlich wie der männliche Orgasmus: Sie besteht aus Eröffnung, Entwicklung und Kulmination. In einer Dramaturgie, die von einer Frau gestaltet wurde, gibt es eine climax (das Wort climax steht im Englischen für den weiblichen Orgasmus und auch den dramaturgischen Höhepunkt einer Geschichte) nach der anderen – und das bis in die Unendlichkeit.“ Übrigens: Im neuen russischen Filmwesen sind weibliche Regisseurinnen viel aktiver als ihre männlichen Kollegen. So sind schon im Jahr 2014 etwa 70 % der Filme auf unserem großen Independent-Filmfestival von Frauen gedreht worden. Doch die Vorauswahl-Jury der internationalen Festivals zieht es vor, Männer aus Russland einzuladen – mit seltenen Ausnahmen wie den Regisseurinnen Natalja Merkulowa (The Man Who Surprised Everyone) und Natalja Meschtschaninowa (Core of the World). Ich hoffe, dass eines Tages auch diese Ungerechtigkeit ausgeglichen wird. 

Camila Gonzatto Foto: © Privat Camila Gonzatto - Brasilien: Es ist noch ein langer Weg bis zur wirklichen Gendergerechtigkeit in der Filmindustrie, aber mit dieser Bewegung lässt sich schon eine graduelle Zunahme von Frauen in technischen Funktionen wie Produktion, Drehbuch, Kameraregie, Ton und Schnitt beobachten, von denen einige historisch gesehen männerdominiert sind. Auch eine Zunahme weiblicher Protagonisten mit weniger stereotypen Rollen lässt sich feststellen.

Joseph Walsh Foto: © Privat Joseph Walsh - Vereinigtes Königreich: 
In diesem Jahr kann das Festival von sich behaupten, mehr weibliche Filmemacherinnen im Programm zu haben als jedes andere hochrangige Pendant. Darauf sollte die Berlinale stolz sein. Allerding gibt es noch keine Statistiken über die Geschlechteraufteilung der anwesenden Journalisten, aber wenn man sich die meisten Vorführungen so ansieht, findet man hier vorrangig weiße Männer mittleren Alters. Dies ist ein Problem, das weit über die Berlinale hinausgeht. Berlin hat hier die Chance, richtungsweisend zu sein. Chatrian muss nicht nur Initiativen und Programme, die Frauen in den Branchen Film, Kritik und Journalismus fördern, aktiv unterstützen. Er muss auch bei der Filmauswahl starke Frauenstimmen zu Wort kommen lassen, wenn die Berlinale ihre Rolle als eins der führenden Filmfestivals der Welt aufrecht erhalten will. Es geht jedoch nicht nur um Geschlechterrollen. Auch Themen wie Rassen- und Klassenaufteilungen sollte Chatrian in seiner neuen Position ganz oben auf der Agenda stehen haben, denn diese verdienen sehr viel Aufmerksamkeit. Wir sollten immer daran denken: Es geht nicht um die Statistik, sondern darum, die Realität um uns herum widerzuspiegeln.


Berlinale-Blogger Alva Gehrmann Foto (Ausschnitt): Einar Aslaksen Alva Gehrmann - Norwegen: Ihr Selbstbewusstsein und ihr kritischer Umgang mit männlicher Dominanz in Filmen verunsichern noch immer den einen oder anderen. Bei der Pressekonferenz für Elisa & Marcela, der auf einer wahren Liebesgeschichte zweier Frauen basiert, und in dem die Männer keine glorreichen Helden sind, wie ein Journalist anmerkte, beruhigte die spanische Regisseurin Isabel Coixet ihn, dass sie im Allgemeinen Männer durchaus möge – und verwies auf ihren im Publikum sitzenden Partner. 

Berlinale-Blogger Gerasimos Bekas Foto (Ausschnitt): Vangelis Patsialos

Gerasimos Bekas - Griechenland: Nicht wirklich. Auf der einen Seite bekommen Filme von Frauen mehr Aufmerksamkeit, vor allem weil es mittlerweile endlich negativ auffällt, wenn sie fehlen. Auf der anderen Seite sind auch die Berlinale-Filme durchzogen von dezidiert männlichen Fantasien von Gewalt gegen Frauen. Bei den Pressekonferenzen sind Frauen selten mehr als schmuckes Beiwerk. Das Patriarchat ist zäh. Es wird noch eine Weile dauern, bis sich wirklich etwas ändert.


Berlinale-Bloggerin Noha Abdelrassoul Foto (Ausschnitt): Privat Noha Abdelrassoul - Ägypten: Für mich war insbesondere bei dem Film Flesh Out die weibliche Perspektive präsent. In dem Film geht es darum, dass eine Frau ihren Körper nicht den Vorschriften der Männer und der Gesellschaft anpassen soll.


Berlinale-Bloggerin Jutta Brendemühl Foto (Ausschnitt): © Goethe-Institut Jutta Brendemühl - Kanada: Ich habe gute Filme von Frauen gesehen (etwa den österreichischen Film Der Boden unter den Füßen von Marie Kreutzer), aber auch enttäuschende wie den Eröffnungsfilm The Kindness Of Strangers von Lone Scherfig. Ich habe gute Filme von Männern gesehen, z. B. die kanadische Ghost Town Anthology von Denis Côté, aber auch enttäuschende wie Edward Bergers All My Loving. Stark erzählte Geschichten, Menschlichkeit und Humor sind nicht geschlechtsabhängig, aber es ist wichtig, dass in der Filmbranche tätige Frauen bei Festivals deutlich mitmischen und dabei genauso erfolgreich oder erfolglos sein können wie ihre männlichen Kollegen. Ich habe zufällig gehört, wie ein (männlicher) britischer Kritiker seine jüngste Interview-Erfahrung zusammenfasste: „Die Filmemacherinnen haben nicht so ein großes Ego wie die Männer, und das ist sehr erfrischend“. Vielleicht erleben wir zuerst, wie sich die generelle Filmkultur verändert, bevor wir diese Veränderungen auch auf der Leinwand sehen.


Berlinale-Blogger Andrea D'Addio Foto: © Privat Andrea D'Addio - Italien: Bei den Filmen selbst habe ich in diesem Jahr keine andere Perspektive auf die Rolle der Frau beobachten können. Es ist aber schön zu sehen, dass Frauen im Filmbereich immer mehr herausgehobene Positionen einnehmen.

Man Jung Ma © Privat Man Jung Ma - Taiwan: Frauen waren in diesem Jahr auf der Berlinale stark vertreten. Juliette Binoche war Jurypräsidentin, und im Wettbewerb liefen sieben von Regisseurinnen gedrehte Filme – ein Rekord für das Filmfestival. Dieter Kosslick unterzeichnete die Erklärung „5050 x 2020“, um die Gleichberechtigung in Zukunft verbindlich durchzusetzen. Auf der Leinwand wurden in diesem Jahr bereits verschiedene Blickwinkel auf Frauen sichtbar: Nicht nur die Filmemacherinnen haben weibliche Themen im Blick, auch die Männer erzählen viele Geschichten über Frauen und leisten somit einen Beitrag zu mehr Vielfalt.

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