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100 Jahre Bauhaus
Bauhaus in Australien: Eine Geschichte der Einwanderer

Rose Seidler Haus in Sydney, Australien
Rose Seidler Haus in Sydney, Australien | © Justin Mackintosh

Die Entwicklung des Bauhaus in Australien war eng mit der Migration aus Europa verbunden. Ausländische Pädagogen und Architekten spielten eine zentrale Rolle, und so finden sich verschiedene Bauhaus-Methoden auch heute noch in den Kunst- und Industriedesignschulen wieder.

Von André Leslie

Auch wenn das Bauhaus bereits kurz nach seiner Gründung 1919 weltweit gefeiert wurde, brauchten seine Ideale eine Weile, um nach Australien durchzusickern. Der Architekt Henry Pynor soll der erste Australier gewesen sein, der die Bauhaus-Schule im deutschen Dessau 1927 tatsächlich besuchte. Nach seiner Rückkehr nach Australien schrieb er für das bahnbrechende Designmagazin „The Home“ eine begeisterte Besprechung und nahm eine Seite mit ausgewählten Designs der Schule in seinen Artikel auf. 
 
Drei Jahre später gehörte Elanora Langer zur ersten Welle von Europäerinnen und Europäern, die in Australien die Vorzüge der Bauhaus-Methoden predigten, wie Andrew McNamara erläutert. Der Kunsthistoriker aus Queensland ist einer der Co-Autoren des kürzlich erschienenen Buchs „Bauhaus Diaspora and Beyond“, das die zentrale Rolle von Migranten mit Bauhaus-Ideen in der Entwicklung von Design und Kunst in Australien untersucht.
 
„Lange studierte zwar nie am Bauhaus, wurde aber in Frankfurt geboren und war sehr an Reformpädagogik interessiert,“ erklärt McNamara. „Sie interessierte sich für Farbenlehre und Farbstudien und wollte rein farbenbasierte Arbeiten erstellen.“
 
Überraschen mag, dass der eigentliche australische Bauhaus-Schub mitten im Zweiten Weltkrieg erfolgte, nachdem eine Reihe sogenannter deutscher Sympathisanten, viele von ihnen geflohene Juden, hauptsächlich aus Großbritannien nach Australien deportiert wurden. Wichtige australische Designpioniere wie Ludwig Hirschfeld Mack (aus Deutschland) und Georg Teltscher (aus Österreich) befanden sich an Bord des berüchtigten Schiffs HMT Dunera und wurden, kaum waren sie an Land gegangen, umgehend in ein Internierungslager im Westen von New South Wales transportiert. 
 
„Einige der ersten Bauhaus-Lektionen fanden in einem Internierungslager in Hay statt, mitten im Staub“, erklärt McNamara.  Gerard Herbst entwickelte einen Kurs für industrielles Design am RMIT, das den Bauhausstil widerspiegelt Gerard Herbst entwickelte einen Kurs für industrielles Design am RMIT, das den Bauhausstil widerspiegelt | Photographer unknown / Collection: Museum of Applied Arts and Sciences

BLEIBEN ODER GEHEN?

Während Teltscher umgehend nach Europa zurückging, sobald er die Erlaubnis dazu erhalten hatte, entschieden sich andere Designer, die nach Australien ankamen, sich ein Leben Down Under einzurichten. Hirschfeld Mack unterrichtete später Kunst am Gymnasium in Geelong, Victoria, während der auch aus Deutschland stammende Gerard Herbst ebenfalls blieb und an der Melbourner Universität RMIT Industriedesign unterrichtete. 
 
„Herbst baute den Industriedesign-Studiengang am RMIT so auf, dass er tatsächlich das Bauhaus widerspiegelte“, erklärt Malte Wagenfeld, derzeit Dozent an der Universität und selbst Enkel des Bauhaus-Schülers Wilhelm Wagenfeld. „Ich denke, das passierte überall in den australischen Design-Studiengängen. Sie wurden stark vom Bauhaus-Modell inspiriert.“
 
Dieses Modell erlaubte Studierenden, sich gleichzeitig mit mehreren Designbereichen zu beschäftigen, anstatt sich auf klassische Fachgebiete zu konzentrieren. Es bedeutete zudem, dass einfache, alltägliche Materialien für die Herstellung von Artikeln neu interpretiert werden konnten, und regte zu breiterem Denken und Experimentieren an. 
 
McNamara zufolge war diese Veränderung entscheidend: „Es gibt heute kaum Kunsthochschulen, die irgendeinen auch nur annähernd klassischen Ansatz haben, es geht nur um Farben oder Formen.“ Bauhaus inspirierte Laternen, hergestellt von australischen Studierenden, sind im Buxton Contemporary zu sehen Bauhaus inspirierte Laternen, hergestellt von australischen Studierenden, sind im Buxton Contemporary zu sehen | © Christian Capurro

ARCHITEKTONISCHE EINFLÜSSE

Aber abgesehen von den Generationen des Einflusses, der von diesen frühen Bauhaus-Pädagogen ausging, trug auch die Rolle einiger wichtiger Architekten dazu bei, das Bauhaus in Australien in den Mainstream zu katapultieren. Während der australischstämmige Robin Boyd eine wichtige Rolle spielte, war der Wiener Migrant Harry Seidler der bekannteste vom Bauhaus inspirierte Architekt und half sogar mit, 1954 den Gründer der Schule, Walter Gropius, nach Australien zu bringen. 
 
Seidler, der zum Zeitpunkt der Schließung des Bauhaus erst 10 Jahre alt war, floh ebenfalls mit seiner Familie vor den Nazis, bevor er schließlich an einer vom Bauhaus inspirierten Schule, dem Black Mountain College in den USA, studierte. 1946 zog seine Familie nach Australien um.
 
„Während seiner Karriere in Australien von 1948 bis 2006 war (Seidler) ein entschiedener Verfechter der Ideale und Aspirationen des Bauhaus“, erklärt Philip Goad, ein weiterer Co-Autor des Buchs „Bauhaus Diaspora and Beyond“. 
 
„Sein Rose-Seidler-Haus in Wahroonga in Sydney, das er für seine Eltern baute, gilt international als eines der besten Beispiele für den sogenannten ‚East Coast Bauhaus‘-Stil – ein Amalgam aus den Lehren von Gropius, Albers und Breuer in ein und demselben Gebäude.“ Hocker aus den 50er Jahren vom australischen designer Clement Meadmore Hocker aus den 50er Jahren vom australischen designer Clement Meadmore | Foto: Penelope Clay / Sammlung: Museum of Applied Arts and Sciences

DER AUSTRALISCHE TOUCH

Wie Goad erläutert, sah Bauhaus inspirierte Architektur in Australien jedoch etwas anders aus als die original Bauhaus-Gebäude. Es gab eine Tendenz, lokale Materialien wie Sichtziegel einzusetzen und in Fällen, wo Flachglas nicht in den erforderlichen Mengen verfügbar war, Fenster in kleinere Abschnitte aufzuteilen. 
 
„Andere spezifisch australische Merkmale waren die Einbindung von Elementen, die die Wirkung von Australiens starker Sonneneinstrahlung einschränken oder abmildern sollten, wie etwa verlängerte Traufen, verlängerte Lamellen an den Seiten des Hauses, Sonnenblenden mit horizontalen Latten und verstellbare Jalousien“, erklärt Goad. 
 
Industrielles Bauhaus-Design blieb in Australien jedoch seinen Wurzeln treu und bot erschwingliche Produkte für den Durchschnittsverbraucher an, selbst wenn die obere Mittelklasse die Ideen eher anzunehmen schien als die Arbeiterklasse.  
 
„Ich denke, es ging um Gestaltung für die Massen und um kulturelle Gleichberechtigung“, erklärt Malte Wagenfeld. „Die Grundidee war echt gutes Design für die Massen, und ich würde sagen, in Australien ist das auch passiert.“
 

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