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Berlinale-Blogger 2020
"Stateless" sieht einer Realität ins Auge, der sich niemand entziehen kann

Szene aus Cate Blanchetts TV-Produktion "Stateless
© Ben King

Mit Cate Blanchett als Co-Creator, Co-Produzentin und Schauspielerin geht diese herausragende sechsteilige Fernsehserie, die auf der Berlinale ihre Premiere feiert, ein Thema an, das auf australischen Bildschirmen und Leinwänden mehr Aufmerksamkeit verdient hat.

Von Sarah Ward

Für ein Land, in dem sich eine Regierung nach der anderen stolz damit brüstet, „die Boote zu stoppen“, hat Australien dem Thema Flüchtlings-Internierungslager weder auf der Fernseh- noch auf der Kinoleinwand viel Aufmerksamkeit gezollt. Oder jedenfalls nicht auf vielschichtige und durchdachte Art, wenn man von ausgewählten Dokumentarfilmen wie Chasing Asylum, Chauka, Please Tell Us the Time und Die Insel der hungrigen Geister absieht – was zur Folge hat, dass sich die von der Australian Broadcasting Corporation produzierte sechsteilige Serie Stateless, die auf der Berlinale ihre Premiere feiert, unmittelbar abhebt.

Stateless folgt dicht auf den Film Below aus dem Jahr 2019, der seinen Schauplatz, ein Flüchtlingslager, als Quelle für düstere Satire nutzte – aber in diesem Drama wird man nach Gags oder dystopischer Comedy lange suchen. Stattdessen erkundet Stateless, kreiert von Cate Blanchett, Tony Ayres (Walking on Water) und Elise McCredie (Jack Irish), geschrieben von McCredie und Belinda Chayko (Ein sicherer Hafen), unter der Regie von Emma Freeman (Glitch) und Jocelyn Moorhouse (The Dressmaker – Die Schneiderin) unbeirrbar und aufrüttelnd die Wege, die vier Fremde in das fiktionale Flüchtlings-Internierungslager Barton geführt haben, das politische Klima rund um das Thema Migration und die weitreichenden Konsequenzen einer auf Strafmaßnahmen basierenden Grenzpolitik.

Ein aufsehenerregender Anfang

In einer der aufsehenerregendsten Einstellungen, die im australischen Fernsehen in jüngerer Zeit zu sehen waren, beginnt die Serie mit einer Frau, die durch die trockene australische Landschaft läuft. Mit Staub bedeckt und sichtlich aufgewühlt liefert Sofie (Yvonne Strahovski) den Einstiegspunkt in die verwobene Erzählstruktur der Serie. Wie genau die ehemalige Flugbegleiterin in diese Situation geriet, ist eine der Hauptfragen von Stateless – die Serie zeichnet ihr unglückliches Privatleben nach, ihre Suche nach Trost in einer kultähnlichen Tanzschule, die von der Unbehagen auslösenden Pat Masters (Blanchett) und ihrem Mann Gordon (Dominic West) geleitet wird, und ihren Weg nach Barton in einem entlegenen Winkel des Bundesstaats South Australia, wo sie behauptet, deutsche Staatsbürgerin zu sein, und ihre Abschiebung zurück nach Europa fordert. Yvonne Strahovski in der australischen Fernsehserie "Stateless" DieDie australische Schauspielerin Yvonne Strahovski spielt an der Seite von Blanchett in "Stateless". | © Ben King Sofies Geschichte ist an die wahre Geschichte von Cornelia Rau aus dem Jahr 2004 angelehnt. In den anderen Protagonist*innen von Stateless dagegen laufen breitere Realitäten in Figuren zusammen, die klar auf zu vielen realen Personen basieren, um sie alle zu erwähnen. Der afghanische Vater Ameer (Fayssal Bazzi) versucht zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern, der Verfolgung zu entkommen, der gutmütige, vor Ort in Port Augusta lebende Cam Sandford (Jai Courtney) arbeitet im Internierungslager, um seine junge Familie zu ernähren, und die soeben erst eingetroffene neue Generaldirektorin Claire Kowitz (Asher Keddie), die auf der bürokratischen Karriereleiter den einzigen sich ihr bietenden Schritt nach oben macht, wurde angewiesen, die Einrichtung aus den Nachrichten herauszuhalten, während tamilische Flüchtlinge auf dem Dach protestieren.

Ein nachdenkliches Drama

McCredie und ihr Team verflechten die Wege von Sofie, Ameer, Cam und Claire, ihre Vorgeschichten und Motivationen sowie verschiedene Zeitachsen mit enormer Intelligenz, großem Können und hoher Sensibilität. Ein dringend notwendiges Maß an Nachdenklichkeit, Sorgfalt und Detail wurde nicht nur in die Frage investiert, wer im australischen Einwanderungs-Internierungssystem die ganz normalen Akteur*innen direkt vor Ort sind, sondern auch darin, wie ihre Geschichten im Alltagsleben nachhallen. Auch wenn Stateless schildert, statt zu urteilen, richtet die Serie ihre Aufmerksamkeit – und das ist entscheidend – auf diejenigen, die tagtäglich von den inneren Abläufen in Barton betroffen sind – nicht auf die Politiker*innen, die Tausende von Kilometern entfernt die Fäden ziehen und die Lorbeeren einheimsen, oder auf die „Schickt sie zurück“-Rhetorik von oben, die zwar alle Australier*innen kennen, bei der aber nur wenige innehalten und sich fragen, was das in der Praxis wirklich bedeutet.

Das Ergebnis: eine gewichtige, herausragend gemachte und erstklassig gespielte Serie, die einer düsteren Realität ins Auge sieht, der sich niemand entziehen kann. Zeitungsschlagzeilen lassen sich ignorieren, insbesondere, wenn sie häufig genug dasselbe Lied singen. Internierungslager in benachbarten Ländern oder entlegenen Regionen lassen sich ebenfalls verdrängen, selbst wenn sie voller leidender Menschen sind, die lediglich versuchen, auf der Suche nach einem besseren Leben und Zuhause unermesslichen Schrecken zu entfliehen. Aber über Strahovskis, Bazzis, Courtneys und Keddies nuancierte Darstellungen derjenigen hinwegzusehen, die im Geflecht der australischen Einwanderungspolitik gefangen sind, ist weitaus schwieriger.

Stateless wird in Australien ab Sonntag, 1. März, auch auf ABC TV ausgestrahlt.

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