Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Berlinale Blogger 2018
Genderrollen unterwandern

Bixa Travesty
Bixa Travesty | Foto: Nube Abe

„Bixa Travesty“ (Tranny Fag) dokumentiert das Leben der brasilianischen Trans-Künstlerin Linn da Quebrada und ihren leidenschaftlichen Einsatz gegen Rassismus, Homophobie und für die Konstruktion von Trans-Identität.

Von Camila Gonzatto

Mithilfe von Konzertausschnitten, Archivbildern und dem Zeigen zahlreicher intimer Momente mit Freundinnen und der Familie haben die brasilianischen Dokumentarfilmer Claudia Priscilla und Kiko Goifman einen vielschichtigen Film über die Aktivistin Linn da Quebrada gedreht. Im Interview berichten die Regisseure über Gender-Identitäten in Brasilien und ihr Verständnis von Dokumentarfilmen.

Linn beschäftigt sich in dem Film mit Genderfragen und spricht von Transvestitismus im Verhältnis zu Weiblichkeit. Wie seht ihr die Konstruktion von Gender-Identitäten in Brasilien?

Claudia Priscilla: Brasilien ist das Land, in dem die meisten Trans-Menschen und Homosexuelle getötet werden, und gleichzeitig ist es das Land, in dem die Nachfrage nach Filmen mit Trans-Leuten auf Redtube am größten ist. Ein absurdes Paradox. Seit einiger Zeit gibt es eine Gruppe von Sängern und Sängerinnen wie Linn, die etwas sichtbarer sind. Es existiert ein sehr großes, sehr schönes Universum, das nicht nur ein LGBT-Publikum anspricht. Da verändert sich etwas. Selbst wenn es noch keine Revolution ist, erhebt sich doch eine Stimme. Im Kinofilm ist Linn mit der Macht der Erzählerrolle ausgestattet und wird so als Person existent. Und wir beginnen, Linn mit diesem Wunsch und mit diesem Verständnis zu sehen, was zu Respekt und Sichtbarkeit führt. Wenn sie „um pau de mulher“ (einen Frauenpenis) besingt, ist das bezeichnend und beispielhaft. Es geht um Linns Körper und nicht mehr wie bislang um einen, der das Ideal einer Frau imitiert. Es gibt einen neuen Rahmen, um Körper und Gender zu denken. Linn bringt dies sehr bejahend zum Ausdruck.

Kiko Goifman: Wir erleben gerade eine sehr konservative Bewegung, sehr stark und extrem rechts. In Brasilien werden Theaterstücke und Ausstellungen zensiert. Es ist nicht so, dass Trans-Leute mehr Raum bekämen, sie erstreiten ihn sich mit viel Kraft und viel Auseinandersetzung. Es ist ein Kampf. Es gibt Statistiken, dass 90 Prozent der Trans-Frauen irgendwann einmal gezwungenermaßen als Prostituierte tätig sein mussten. Transsexuelle werden nicht eingestellt. Wir wollten ein Trans-Team zusammenstellen, aber wir konnten keine Leute finden, weil sie vom formalen Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. Also haben wir uns für ein Frauen-Team entschieden. Der für uns gangbare Weg im Rahmen eines Diskurses gegen den weißen Alpha-Mann, wie ihn auch Linn führt. Eine andere Statistik gibt die Lebenserwartung von Trans-Personen in Brasilien mit 35 Jahren an. Das ist weniger als die Hälfte der durchschnittlichen Lebenserwartung, die bei 75 Jahren liegt.

Bixa Travesty Bixa Travesty | Foto: Nube Abe Was ist für Euch beim Drehen eines Dokumentarfilms besonders wichtig?

Kiko Goifman: Wenn wir mit wenigen Protagonisten arbeiten, ist das Herstellen von Intimität extrem bedeutsam, auch um die Aussagen nicht immer gleich klingen zu lassen. Es ist ebenfalls wichtig, einen Zeitplan zu erstellen, der Raum für Zufälliges und Entdeckungen lässt. Fundamental ist zudem, dass wir ein Team von kreativen Leuten zusammenstellen und diese Kreativität auch zulassen. Wir wollen den anderen zuhören, nicht nur den Protagonisten, sondern auch dem Team. Außerdem diskutieren wir ausführlich vorab über den Film und schauen uns viele Ausschnitte und Beispiele an.

Claudia Priscilla: Wir haben eine Grundprämisse: Das Leben der Hauptfigur ist größer als der Film. Es wird niemand geopfert, und wir achten sehr auf diese Grenze. Der Film rechtfertigt keine Respektlosigkeit.
 

Dies ist die bearbeitete und gekürzte Fassung eines Gesprächs mit Claudia Priscilla und Kiko Goifmann. Das gesamte Interview finden Sie hier.

Top