European Film Gateway 1914 Paradoxien einer Zeit

„Wanda’s Trick“ von Rosa Porten, Deutschland 1918, (Szenenbild)
„Wanda’s Trick“ von Rosa Porten, Deutschland 1918, (Szenenbild) | © Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen

Krieg, Komödien, Alltag: Auf der Website „European Film Gateway 1914“ sind Filme aus der Zeit des Ersten Weltkriegs frei zugänglich. Kerstin Herlt über ein außergewöhnliches Projekt.

Seit 100 Jahren schlummern tausende Filme aus der Zeit des Ersten Weltkriegs in Archiven und Sammlungen. In der Vergangenheit waren sie oft sogar für Experten nicht sichtbar, weil ihr Erhaltungszustand eine Vorführung nicht zuließ. Umso größer ist die Überraschung, dass viele dieser Filme dank des Filmdigitalisierungsprojekts European Film Gateway 1914 (EFG1914) nun leicht zugänglich sind. Kerstin Herlt leitet für den Verband der europäischen Filmarchive und Kinematheken (ACE) und das Deutsche Filminstitut (DIF) die Öffentlichkeitsarbeit des Projekts.

Frau Herlt, was ist das Besondere am „European Film Gateway 1914“?

Das EFG1914 ist eine wirklich europäische Angelegenheit. 21 Archive in vielen europäischen Ländern sind beteiligt. Darunter Staaten, die selbst am Ersten Weltkrieg beteiligt waren, wie Frankreich, Großbritannien, Österreich, Italien und Serbien. Aber auch Archive aus damals neutralen Ländern wie Dänemark, den Niederlanden, Norwegen und Spanien haben am Projekt mitgewirkt. Mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union haben diese Archive ihre Bestände neu erschlossen und insgesamt 2.500 Filmtitel mit einer Länge von insgesamt 650 Stunden digitalisiert und auf der Website Europeanfilmgateway.eu veröffentlicht. Auf deutscher Seite waren neben dem Deutschen Filminstitut auch die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, die Deutsche Kinemathek und das Bundesarchiv-Filmarchiv dabei. Wenn so viele verschiedene Partner an einem Strang ziehen, dann ist das schon sehr außergewöhnlich!

Spuren der Zersetzung

Welche Probleme haben sich im Verlauf des Projekts ergeben?

Bei der Arbeit mit so alten und empfindlichen Filmen stößt man immer wieder auf Material, dessen chemische Zersetzung bereits begonnen hat. Neben Kratzern und Sprüngen sind deshalb auf einigen Filmen schon Spuren der Zersetzung sichtbar. Da diese Filme wichtige historische Quellen sind, wollten wir nicht auf sie verzichten und haben auch Fragmente digitalisiert. Eine Schwierigkeit ist dabei, das beste verfügbare Material zu finden, wenn ein bestimmter Film in mehreren Archiven in unterschiedlicher Länge und technischer Qualität überliefert ist. Das ist umso schwieriger, als die Herkunft der überlieferten Filme oft unklar ist, die Titel nicht immer stimmen und nicht zuletzt auch nach den Inhabern der Urheberrechte gesucht werden muss.

Wodurch zeichnen sich die nun veröffentlichten Filme aus?

Obwohl nur ein Bruchteil der damaligen Gesamtproduktion überliefert ist, fällt als erstes die immense Vielfalt der Filme ins Auge: Wir haben es mit Wochenschauen zu tun, mit Produktionen der Militärbehörden, mit Trickfilmen, die beispielweise für Kriegsanleihen werben, und Spielfilmen, darunter Krimis, Komödien und Melodramen, die den Krieg fast ganz ausblenden. Es finden sich jedoch auch etliche propagandistische Spielfilme, die vor feindlichen Agenten und Aufrührern warnen. Wir haben außerdem Amateurfilme digitalisiert, die Aufnahmen vom Leben der Zivilbevölkerung im Krieg zeigen – Aufnahmen, die ihren ganz eigenen Reiz besitzen und sehr authentisch wirken. Wichtig war es uns auch, nicht allein Filme aus der Kriegszeit vorzustellen, sondern auch solche aus der Vor- und Nachkriegszeit. Das EFG1914 will auf diese Weise Einblicke in die Vor- und Nachgeschichte des Krieges ermöglichen – und zwar aus verschiedenen nationalen Perspektiven.

Paradoxien der Zeit

Geben diese Filme Auskunft über eine historische Wirklichkeit?

Das ist eine schwierige Frage, weil Filme ja generell gestaltet sind – in dem, was sie zeigen und wie sie es zeigen, und auch in dem, was sie weglassen. Zu den Voraussetzungen dieser Filme gehört etwa, dass die Kameras damals schwer und bei den Aufnahmen meist auf einem Stativ befestigt waren. Aufnahmen, die eine Angriffsszene aus nächster Nähe zeigen, gibt es deshalb kaum. Gleichwohl schauen uns aus den dokumentarischen Filmen ganz reale, wirkliche Menschen an, keine Schauspieler: Wenn zum Beispiel die Kamera in einer Wochenschau an einer schier unübersehbaren Menge zum Abmarsch bereiter Soldaten vorbeischwenkt, dann sehen wir auch in Gesichter von Bauern und Arbeitern, die vom Leben gezeichnet und alles andere als euphorisch sind. Und wenn dann im nächsten Schnitt eine Gruppe von Offizieren in schmucken Uniformen zu sehen ist, die in die Kamera lachen und die Mützen schwenken, so sagt uns das eine Menge über Hierarchien in Staat und Militär und über Formen der Selbstdarstellung.

Insofern können solche Filme immer auch Überraschungen bereithalten. Das gilt genauso für viele Spielfilme: Während der Krieg Familien auseinanderreißt und täglich Tausende sterben, entstehen in Deutschland hervorragende Komödien, meist mit weiblichen Stars. Einerseits sollen sie die Menschen vom Krieg ablenken, andererseits stellen sie auch ein neues weibliches Selbstbewusstsein aus – von Frauen, die nun ihr eigenes Geld verdienen und sich nicht mehr alles sagen lassen. Ein schönes Beispiel dafür ist Wanda’s Trick (1918) – inszeniert von einer der ersten Regisseurinnen, Rosa Porten, und mit der so frechen wie erotischen Wanda Treumann in der Hauptrolle. Es gehört zu den Paradoxien der Zeit, dass der Weltkrieg so ungeheures Leid über die Menschen gebracht hat und zur gleichen Zeit wunderbare Filme gedreht wurden, die auch 100 Jahre später noch sehenswert sind.