Theater und Erster Weltkrieg Schlachtfeld Europa

„Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus, Regie: Georg Schmiedleitner / Burgtheater Wien in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen;
„Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus, Regie: Georg Schmiedleitner / Burgtheater Wien in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen; | Foto: Georg Soulek

Der Erste Weltkrieg beschäftigt die deutschsprachigen Theater. Wie zeigt man den Schrecken, wie stellt man den Untergang dar?

„Immer noch Krieg“ könnte man in Abwandlung der Shakespeare-Regieanweisung „immer noch Sturm“ im König Lear sagen. Denn die deutschsprachigen Bühnen sind in die große Schlacht gezogen: Das Theater versucht mit seinen ästhetischen Mitteln die Fragen nach Schuld und Leiden beim Zusammenbruch des alten Europas zu stellen und zu beantworten. Doch die Bühne ist kein Schützengraben und das Sterben keine abendfüllende Unterhaltung.

Mit dem Abstand von 100 Jahren zeigt sich allenthalben, dass das Theater dieses epochale und eine Epoche beendende Ereignis nur illustrieren kann. Es zeigt und zitiert die – zeitgenössischen – Dichter und gibt sich betroffen und hilflos: Es erfindet sich Bilder zwischen blankem Schrecken und morbider Schönheit, lässt es dazu krachen und scheppern, viele Tode sterben, und immer ist man ein wenig wehmütig, weil seinerzeit eine doch irgendwie gute alte Zeit zu Ende ging.

„Die letzten Tage der Menschheit“

Dass es der österreichische Kaiser Franz Josef heute noch einmal zur Bühnenfigur bringen kann, ist Karl Kraus und seinem Monumentaldrama Die letzten Tage der Menschheit zu verdanken. Darin tritt der Kaiser – neben ungefähr 400 anderen Figuren – auf, wenn auch längst nicht nur als moralisch ausgedienter Heerführer. Gleich drei Theater haben sich des eigentlich unspielbaren Stückes angenommen. Zwischen kabarettistischer Gefälligkeit und dem Versuch, Parallelen zu aktuellen Krisen durchblitzen zu lassen, wird der Rahmen fantasiereich abgesteckt: In Dresden spielt das Stück in einer Turnhalle und endet in barock-bombastischer Ratlosigkeit, im Wiener Burgtheater beginnt es auf der Beerdigung des in Sarajewo ermordeten Thronfolgers und im Wiener Volkstheater wird es gleich ins Irrenhaus verlagert, wo man anscheinend die gesamte damalige Gesellschaft verortet. Kraus’ noch immer nicht veraltete gallige Satire-Bosheit aber bleibt bei allen Versuchen zugunsten mitunter wunderbarer Schauspieler-Kapriolen meist auf der Strecke.

Wunder Punkt oder tiefe Wunde: Sarajewo war ein Schicksalsort – und ist es bis heute. Das zeigt der Dokumentartheatermacher Hans Werner Kroesinger in seiner detailversessenen Textcollage Schlachtfeld Erinnerung 1914/2014 im Berliner HAU (Hebbel am Ufer), in der er es schafft, den Bogen von 1914 bis zu den mörderischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien vor nur wenigen Jahren zu spannen. Der Balkan, das ist die warnende Botschaft solch eines eher pädagogischen als theatralischen Abends, hat als Pulverfass längst nicht ausgedient.

Pomp und Schrecken

So kammerspielerisch geht es freilich nicht immer zu, wenn im Theater der Krieg ausbricht. Eine echte Militärklamotte hatte da schon 2013 Martin Kušej für die Wiener Festwochen und das Münchner Residenztheater gebastelt. Mit lautem Pomp und Tamtam, Kanonenlärm, Blechdonner und Regengüssen inszenierte er drei Stücke des kroatischen Dichters Miroslav Krleža und fasste sie unter dem griffigen und jene Welt von gestern wohl am genauesten bezeichnenden Motto In Agonie zusammen: Weltuntergangsstimmung vom Feinsten und sechs Stunden Scharmützel im realistisch nachempfundenen galizischen Osten – viel Blut auf dem Bretterboden.

Im Hamburger Thalia Theater wählte Luc Perceval da demonstrativ den anderen Weg. Er glaubt nicht daran, dass sich die kriegerische Realität auf einer Bühne adäquat zeigen lässt. Für ihn steht bei FRONT – Im Westen nichts Neues das Wort der Dichter im Mittelpunkt. Hauptsächlich sind das Erich Maria Remarque und Henri Barbusse, die selber beim großen Schlachten dabei waren. Ausgehend von ihren blutigen Erfahrungen schufen sie eine Literatur, die ebenso erschreckend brutal wie sprachlich faszinierend ist, eine geradezu ekelerregende Literatur, weil sie aus den Schreien, dem Verrecken, dem Ekel geboren wurde. Und auch in der statischen Kühle, in der bei Perceval diese Sätze klingen, haben sie noch immer eine irre machende Wirkung.

Salzburg: Jahrmarkt und Varieté

Zum ganz großen Schlag holten schließlich die Salzburger Festspiele aus. Gleich sechs neue Produktionen im Schauspiel hatten den Ersten Weltkrieg zum Thema, wobei es eine Mischung aus bekannten und unbekannten Stücken sowie neuen Arbeiten zu sehen gab. Kaum war das satirische „Bumsti“ aus Karl Kraus’ Letzten Tagen verklungen (Regie: Georg Schmiedleitner), machte sich Hinkemann von Ernst Toller auf, sein Pech in einer entmoralisierten Nachkriegsgesellschaft zu suchen. Doch gerät das selten gespielte, expressiv ätzende Heimkehrer-Stück in der Inszenierung des jungen serbischen Regisseurs Miloš Lolić zu einem mutlosen Jahrmarkts-Ringelspiel, bei dem mehr mit der Sprache als mit den Widrigkeiten einer aus den Fugen geratenen Epoche gekämpft wird.

Die britische Medien-Virtuosin Katie Mitchell verliert sich und ihr Kriegsthema The Forbidden Zone dagegen völlig im verbissen perfekten Spiel mit den medialen Möglichkeiten und präsentiert eine Feier des Kunstwerkes im Zeitalter aller nur denkbaren technischen Produzierbarkeiten: Der Krieg und seine Auswirkungen sind hier nur noch ein ästhetisch angekokeltes Passepartout, wie es Andreas Kriegenburg auch verwendet für seine Deutung von Ödön von Horváths Don Juan kommt aus dem Krieg. Er inszeniert das Stück als groteskes Kostümfest für neun Frauen und ein Weichei. Alles ist auf optische Opulenz gerichtet, der Krieg verpufft als böser Anlass für alptraumhafte Varieté-Szenen. In rhythmischer Sprach- und Körpergymnastik erschöpft sich das zu Kirmes-Klängen und Mozart-Schmelz. Irgendwann knattert noch ein Granätchen im Hintergrund, aber eigentlich ist die Schlacht hier so weit weg wie Kriegenburg von Horvath.

Biografien statt Kunstfiguren

Ganz nah dran, und damit zu dicht an der simplen biografischen Wahrheit, richtet sich im Gegenzug Georg-Büchner-Preisträger Walter Kappacher mit seinem Monolog über Georg Trakls Abschied ein: Der Dichter erschütternder lyrischer Seelenpein angesichts des tausendfachen Todes rings um ihn, der schon im November 1914 sich vermutlich selbstmörderisch dem Grauen entzog, erscheint dann auch noch in der anspruchslosen Regie des jungen Nicolas Charaux als irrender Allerwelts-Pappkamerad.

So bleibt nach all diesen Erinnerungs-Attacken eigentlich nur die Arbeit 36566 Tage der Salzburger Mozarteum-Studenten wirklich positiv im Gedächtnis, die mit einer theatralischen Reise – in Szenen von durchaus unterschiedlicher Qualität – durch die Räume einer alten Kaserne den Schicksalen einzelner, ganz konkret benannter Menschen nachforschten, die der sinnlose Krieg um ein sinnvolles Leben gebracht hat. Da wurde zumindest versucht, Biografien zu befragen, statt Kunstfiguren zu kreieren, damit wir heute vielleicht eine Lehre aus der geistigen Leere ziehen können, die vor hundert Jahren die Wege auf die Schlachtfelder Europas ebnete.