Ein differenziertes Bild – Fachbücher zum Ersten Weltkrieg

Bücher zum Ersten Weltkrieg Fachliteratur zum Thema Erster Weltkrieg | © normanposselt.com 100 Jahre nach den tödlichen Schüssen auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger in Sarajevo flammen die Diskussionen über die Ursprünge des Ersten Weltkrieges neu auf. Bereits vor dem Jahrestag des Attentats auf den Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Gemahlin am 28. Juni 1914 sind zahlreiche Sachbücher zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts erschienen.

Historiker machen in den aktuellen Publikationen beispielsweise die Frage nach der Schuld am Kriegsausbruch zum Thema. Aber auch Einzelschicksale von Soldaten und der Bevölkerung in der Heimat sind Gegenstand aktueller Veröffentlichungen. Wissenschaftlichen Spezialuntersuchungen und Übersichtsdarstellungen gemein ist heute der globale Blick auf die Ereignisse, die zur Entfesselung des Krieges geführt haben. Mit seinem Buch Griff nach der Weltmacht hatte Fritz Fischer 1961 dem „Hineinschlittern“ der Mächte die These einer gezielten Kriegspolitik des Deutschen Reiches entgegengestellt und löste damit eine der bedeutendsten historischen Debatten in der Bundesrepublik aus: die Fischer-Kontroverse. Die These des Hamburger Historikers, dass Deutschland die Hauptschuld trage, wird heute differenzierter betrachtet.

Politisches Unvermögen und Panik

Die wohl wichtigste Neuerscheinung zum Jubiläum befreit die Schulddebatte von der nationalen Perspektive und sieht die Ursachen des Ersten Weltkrieges in der damaligen politisch-mentalen Kultur. Am Schluss seines Bestsellers Die Schlafwandler erklärt der australische Historiker Christopher Clark, was er damit meint: „So gesehen waren die Protagonisten von 1914 Schlafwandler – wachsam, aber blind, von Albträumen geplagt, aber unfähig, die Realität der Gräuel zu erkennen, die sie in Kürze in die Welt setzen sollten.“

Nach Ansicht des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler glaubten viele Europäer, dass ein Krieg langfristig unvermeidbar gewesen wäre. In seiner Schilderung Der Große Krieg springt Münkler von Generalstäben zu einfachen Soldaten an der Front und zeigt, wie die Schlachtfelder – insbesondere das von Verdun – zum Symbol für menschenverachtenden Zynismus wurden.
  Weitreichende Informationen bietet daneben die Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Die Überblicksdarstellung von 2014 ist eine erweiterte Neuausgabe. Rund 150 Historiker aus 15 Ländern widmen sich in Aufsätzen und über 650 Lexikoneinträgen nahezu allen Facetten des Krieges. Wer vor allem wissen möchte, wie die Deutschen die vier Kriegsjahre erlebten, kann zu Deutschland im Ersten Weltkrieg greifen. Ausgewählte Briefe und Tagebucheinträge lassen damalige Akteure zu Wort kommen. Von einer bewussten Marschroute der deutschen Politik in einen europäischen oder gar einen Weltkrieg kann laut Gerhard Hirschfeld und Gerd Krumeich nicht die Rede sein. Vielmehr hätten Verantwortungslosigkeit und widersprüchliche bis panische Handlungen zur Katastrophe geführt.

Vielfältige Perspektiven

Niall Ferguson wendet sich mit Der falsche Krieg ungewöhnlicheren Überlegungen zu. Was wäre gewesen, wenn Großbritannien nicht in den Krieg eingetreten wäre? Die kurzen Essays des britischen Historikers erstaunen, können aber aufgrund ihres spekulativen Charakters nicht immer überzeugen.

Aus einem anderen Winkel blickt der ehemalige Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien auf den Kriegsausbruch. Manfried Rauchensteiner zeigt mit Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie, dass Österreich-Ungarn auf mehr als bloße Genugtuung für die Ermordung des Thronfolgers aus war. Insbesondere Rauchensteiners Einschätzung der Rolle des Kaisers Franz Joseph rückt den Vielvölkerstaat ins Zwielicht.
  Auch das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr hat einen Sammelband herausgegeben. Anschaulich präsentiert Der Erste Weltkrieg 1914–1918 die Entwicklung der Kriegsführung. Karten mit ausführlichen Erläuterungen zu großen Schlachten sowie Kurzbeiträge zu militärischer Ausrüstung zeichnen den Weg der deutschen Armee in und durch den Ersten Weltkrieg nach.

 

Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog; Deutsche Verlags-Anstalt, 2013.

Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914–1918; Rowohlt Berlin, 2013.

Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich und Irina Renz (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg; Schöningh UTB, 2014.

Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich: Deutschland im Ersten Weltkrieg; S. Fischer, 2013.

Niall Ferguson: Der falsche Krieg. Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert; Pantheon Verlag, 2013.

Manfried Rauchensteiner: Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie; Böhlau Wien, 2013.

Markus Pöhlmann, Harald Potempa und Thomas Vogel (Hg.): Der Erste Weltkrieg 1914–1918. Der deutsche Aufmarsch in ein kriegerisches Jahrhundert; Bucher Verlag, 2013.