Klimablog Minimalismus in Zeiten des globalen Konsummaximums

Minimalistisches Flatlay: das Aushängeschild einer minimalistischen Lifestyle-Bloggerin.
Minimalistisches Flatlay: das Aushängeschild einer minimalistischen Lifestyle-Bloggerin. | © Gina Robilliard

Das vergangene Jahrhundert hat ein breites Spektrum extremer finanzieller Umwälzungen erlebt: von Zeiten äußerster Armut und Verzweiflung zu Zeiten von Überfluss und jeder nur erdenklichen Annehmlichkeit. In einer Podiumsdiskussion über Unternehmensverantwortung gab Ikeas Chief Sustainability Officer Steve Howard kürzlich zu, dass wir als Gesellschaft das ‚globale Konsummaximum‘ erreicht haben. Angesichts der starken Verknüpfung von persönlichem Erfolg und dem Erwerb materieller Gegenstände wäre die Annahme wohl nicht komplett vermessen, dass wir folglich zusammen mit unserem ‚globalen Konsummaximum‘ auch ein ‚globales Erfolgsmaximum‘ und ein ‚globales Glücksmaximum‘ erleben sollten.

Dies spiegelt sich jedoch in keiner wissenschaftlichen Studie wider, die mir trotz meines absolut gar nicht problematischen Hangs zu Ted Talks und soziokulturellen Dokumentarfilmen je begegnet wäre. Tatsächlich kommen zahlreiche Studien zu dem Schluss, dass ein erhöhter Fokus auf materiellen Gütern zu verringerter Zufriedenheit im Leben und zu reduzierter Empathie für Umwelt und Mitmenschen führt.
  Minimalisten legen Wert darauf, Schlichtheit zu schätzen. Minimalisten legen Wert darauf, Schlichtheit zu schätzen. | © Gina Robilliard Viele Menschen haben mittlerweile angefangen, diese Zusammenhänge zu sehen, und sortieren mit der Absicht, sich zu entstressen und wieder stärker auf das zu konzentrieren, was im Leben wirklich wichtig ist, ihre materiellen Gegenstände en masse aus. Diese Menschen kennen wir heute als ‚Minimalisten‘, und die gute Nachricht ist, dass dieses Label nicht mehr nur für Hanf tragende Hippies reserviert ist, die in Selbstversorger-Kommunen tief im Wald leben. Die Vordenker dieser Bewegung sind nämlich tatsächlich Lifestyle-Blogger, professionelle Organisierer, Autoren und Podcast-Moderatoren – #LeuteWieWir!
 
Minimalisten, die diesen Weg einschlagen, berichten häufig, dass sie von zu vielen materiellen Gegenständen umgeben waren und diese ihrem Leben im Weg standen. Oder dass sie nicht die Befriedigung erzielten, die sie sich von der Verfolgung kommerzieller Erfolge versprachen. Das Konzept ist insofern ziemlich flexibel und offen, als die Entwicklung hin zum Minimalisten jede beliebige Art eines bewussten Lebensstil-Wandels umfasst, der unser Leben vereinfacht. Das kann so extrem sein wie beispielsweise mit nur 100 Gegenständen zu leben, einfach nur unnötige Stressfaktoren zu entfernen, unsere negativen Auswirkungen auf die Umwelt zu reduzieren oder unseren Kleiderschrank zu entschlacken. Von da ab wird Konsum ein bewusster Prozess. Statt sich durch die Filialen großer Billigketten treiben zu lassen und alles zu kaufen, was ihnen ins Auge sticht, sind Minimalisten häufig viel wählerischer und entscheiden sich für qualitativ hochwertige Gegenstände oder nachhaltig erzeugte Güter.
   Städtisches Design, wie es sein soll. Djurgården in Stockholm bietet Städtern einen Ausgleich, indem Raum für Natur und bewusstere Formen der Erholung reserviert wird. Städtisches Design, wie es sein soll. Djurgården in Stockholm bietet Städtern einen Ausgleich, indem Raum für Natur und bewusstere Formen der Erholung reserviert wird. | © Gina Robilliard Einer der bemerkenswertesten Aspekte dieses kulturellen Trends ist der Schwerpunkt auf der Verringerung des eigenen Konsums der Ressourcen dieser Welt. Das ist deshalb interessant, weil die Bewegung einen hohen Anteil an Millennials aufweist: einer Generation, die auf einem verseuchten, sterbenden Planeten geboren wurde und im digitalen Zeitalter aufwuchs. Was also ist es an den Millennials, das sie dazu getrieben hat, dem Status quo gegenüber kritisch genug zu werden, um ihre eigenen Ausgabegewohnheiten zugunsten einer stärker (wenn man das so sagen darf) organischen Erfahrung einzuschränken?
 
Die Antwort könnte womöglich in der Öko-Psychologie liegen, einem Zweig des Denkens, der die Verbindung zwischen Menschheit und Erde und die mögliche Entstehung psychischer Störungen aus der Zerstörung unserer natürlichen Umwelt erforscht. Öko-Psychologe Theodore Roszak konstatiert, dass Menschen über etwas verfügen, das er als „ökologisches Bewusstsein“ bezeichnet, und dass auf einer unterbewussten Ebene „die menschliche Psyche auf den Planeten aufgepfropft ist, aus dem wir hervorgegangen sind“. Er glaubt, dass wir uns durch unseren exzessiven Verbrauch von Ressourcen und unser Verschulden der Klimaerwärmung heute in einer Ära der unterbewussten Trauer über die langsame Degeneration unseres Planeten befinden.
 
Wenn man bedenkt, wie viel von dem, was wir heute kaufen, auf fragwürdige Weise und so gut wie sicher unter Ausbeutung unseres Planeten und unserer Mitmenschen hergestellt wurde, ist es nicht überraschend, dass junge Menschen anfangen, die ungesunden Systeme, die wir geerbt haben, abzulehnen und durch transparentere zu ersetzen.