Kultur der Macher Verbindungen herstellen

'Do Extraordinary Shit'
'Do Extraordinary Shit' | © Gina Robilliard

Überall in Sydneys Innerem Westen richten lokale kreative Köpfe kleine Betriebe ein, die uns wieder mit unseren Händen vertraut machen möchten – und mit den Gestaltungsmöglichkeiten, die sie uns eröffnen. Sie sind Teil einer größeren globalen Bewegung von Machern und Kreativen, die durch das Reparieren und Upcycling von Alltagsgegenständen den Weg in eine schönere und nachhaltigere Zukunft freimachen.

Als Bewegung tritt die Makerkultur den Auswirkungen der Konsumkultur entgegen, die uns „von unseren Händen getrennt hat“, wie es Jacques Peretti in seinem Dokumentarfilm The Men Who Made Us Spend (Die Männer, die uns zum Geldausgeben brachten) nennt. Wenn Verbraucher nicht wissen, wie sie ihre eigenen Kleidungsstücke herstellen, wissen sie auch nicht, wie man gute Qualität von schlechter unterscheidet, und wenn diese Kleidungsstücke dann kaputtgehen, wissen sie nicht, wie man sie ausbessert. Folglich kehren sie ins Einkaufszentrum zurück und kaufen das nächste minderwertige Kleidungsstück, mit dem es ihnen genauso ergeht.

Melissa Tan-Lu, die Gründerin von Sew Make Create, hat eine Leidenschaft für Handarbeit, Mode und Nachhaltigkeit. Melissa Tan-Lu, die Gründerin von Sew Make Create, hat eine Leidenschaft für Handarbeit, Mode und Nachhaltigkeit. | © Gina Robilliard Ihre Begeisterung für Ökomode hatte für Melissa Tan-Lu, die Gründerin von Sew Make Create, großen Einfluss auf die Gründung ihres Ladens: „Seine eigenen Kleider zu nähen ist äußerst nachhaltig. Man produziert ein sorgfältig verarbeitetes Kleidungsstück, das man liebt, bis es im wahrsten Sinne des Wortes auseinanderfällt! Das liegt daran, dass man zu dem Teil ein ganz besonderes Verhältnis und bleibende Erinnerungen an seine Herstellung hat.“ Trotz ihrer Tätigkeit in der Modebranche ist sie enttäuscht von deren Folgen für die Umwelt und sieht den einzigen Ausweg in der Aufklärung unserer Gesellschaft über eine bewusste Konsumkultur.

In den Diskussionen über Fast Fashion taucht sehr häufig die Idee der Mikro-Saison auf. Bekleidungsketten schaffen zum Teil sogar jede Woche stapelweise neue Modelle herbei. Für die Verbraucher ist ein Mithalten unmöglich, weil ihre Kleider, kaum gekauft, schon fast wieder aus der Mode sind. Models und Modedesigner propagieren gerne die Vorzüge des weißen Hemds als Grundausstattung, aber selbst das ‚klassische‘ weiße Hemd ändert von Jahr zu Jahr seinen Stil. Den Verbrauchern ist häufig nicht bewusst, dass sich dieser Prozess seit den 1950er Jahren beschleunigt hat.

Damals lief die Ästhetik der Funktionalität den Rang ab. In der Nachkriegszeit war dies am häufigsten bei Autos zu beobachten, bei denen sich der technische Fortschritt verlangsamte, während gleichzeitig die Abstände zwischen Neuerungen im äußeren Erscheinungsbild kürzer wurden. Die Auswirkungen wurden damals von Charles F. Kettering, Forschungsleiter bei General Motors, am treffendsten formuliert: „Der Schlüssel zu wirtschaftlichem Wohlstand ist die organisierte Schaffung von Unzufriedenheit.“

Die Kunst des Amigurumi. Die Kunst des Amigurumi. | © Gina Robilliard Die Macher von The True Cost – Der Preis der Mode, einem Dokumentarfilm, der die Umweltauswirkungen der Modeindustrie untersucht, vertreten die Theorie, dass unsere Wirtschaft mittlerweile von dieser weit verbreiteten ‚Neophilie‘ und dem daraus resultierenden impulsiven Geldausgeben abhängig ist.

Millennials leben in einer Wegwerfgesellschaft

Weit entfernt von Generationen, die in Zeiten von Sparsamkeit und endlosem Ausbessern geboren wurden, leben Millennials in einer extremen Wegwerfwelt, in der es wesentlich einfacher und billiger ist, etwas zu ersetzen, als es zu reparieren. Die Töchter von Müttern, von denen erwartet wurde, dass sie ihre eigenen Kleider nähen lernen, können sich nun zum Preis eines einzigen handgemachten Kleidungsstücks ein komplettes Outfit zulegen. Nichtsdestotrotz sitzen an einem Samstagmorgen vier junge Frauen an einem Tisch im Sew Make Create-Studio in Chippendale und lernen die Grundlagen der Benutzung einer Nähmaschine. Ihnen gegenüber sitzen drei weitere Frauen, die die japanische Kunst des Amigurumi erlernen, bei dem man hinreißende ausgestopfte Häkeltiere herstellt. Überall in Sydneys Innerem Westen richten lokale kreative Köpfe kleine Betriebe ein, die uns wieder mit unseren Händen vertraut machen möchten – und den Gestaltungsmöglichkeiten, die sie uns eröffnen. Sie sind Teil einer größeren Bewegung, die sich Makerkultur nennt und zum Ziel hat, den Menschen beizubringen, wie sie Alltagsgegenstände herstellen und reparieren können.

Amigurumi, kreiert von Amanda Jackson. Amigurumi, kreiert von Amanda Jackson. | © Gina Robilliard Matt Branagan startete seinen Work-Shop 2013 zusammen mit seinem Freund und Mitgründer Chester Garcia. Work-Shop bietet Schnellkurse an, die von ortsansässigen Künstlerinnen und Künstlern unterrichtet werden und für jeden zwischen sechs und sechzig offen sind. Wer sich anmeldet, kann alles Mögliche erlernen, vom Brauen des eigenen Gins bis hin zur Textilfärberei im Tauchbad. Ihr Firmenmotto „Do Extraordinary Shit“ („Mach außergewöhnliches Zeug“) gibt einen Einblick in ihre Haltung. Wie Matt erklärt, gehört es zu den Zielen des Unternehmens, die Menschen wieder mit dem Herstellungsprozess in Berührung zu bringen, denn „während unsere Telefone immer intelligenter werden, werden wir immer dümmer und entfernen uns immer weiter davon, wo unser Essen, unsere Kleider und unsere Möbel herkommen. Da wir heute alles ganz einfach nachschlagen können, müssen wir diese Informationen nicht mehr im Kopf haben.“

Makerkultur ermöglicht Auszeit von Technologie

Trotz der Zeit und Energie, die das Machen und Reparieren erfordern, scheint es einen Bedarf und sogar ein Verlangen nach solchen Kenntnissen zu geben. Melissa ist überzeugt, dass die Menschen nach Freizeitaktivitäten suchen, die produktiv sind und sie von ihren Geräten wegbringen. „Man muss Zeit investieren, um etwas von Hand zu machen, aber die Erfahrung, etwas selbst herzustellen, und das anschließende Erfolgserlebnis sind unbezahlbar“, erklärt sie. Dieses Erfolgserlebnis und die Erfahrung, etwas mit eigenen Händen zu machen, finden sich in vielen Aspekten der Makerkultur wieder.

Matt Branagan kam über seinen Respekt für die demokratische Macht der Street Art zur Makerkultur. Die Wände seines Work-Shop sind mit eindrucksvoller Street Art verziert. Matt Branagan kam über seinen Respekt für die demokratische Macht der Street Art zur Makerkultur. Die Wände seines Work-Shop sind mit eindrucksvoller Street Art verziert. | © Gina Robilliard Melissa gründete Sew Make Create, weil sie in Sydneys kreativer Szene Bedarf für einen Raum sah, in dem Menschen in geselliger Umgebung zusammenkommen und die Grundlagen von Näherei und Handarbeit erlernen können. „Ich hatte schon immer eine Vorliebe für Handarbeit und Bastelei. Ich merkte, dass es in Sydney zwar Bedarf für mehr davon gab, aber kaum Zugang zu kreativen Studioräumlichkeiten oder Nähausstattung.“ Dieser Mangel an Zugang zu entsprechender Ausrüstung ist an einen Wertverlust kreativer Beschäftigungen gekoppelt und hatte tiefgreifende Auswirkungen darauf, wie wir als Erwachsene an haptische Aktivitäten herangehen. Matt ist überzeugt, dass wir mit zunehmendem Alter unsicherer werden, was Kreativität betrifft: „Als Erwachsene verlieren wir diese kindliche Zuversicht, einfach kopfüber hineinzuspringen und etwas Neues auszuprobieren […]. Wir versuchen deshalb, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem jeder einen Pinsel oder einen Hammer in die Hand nehmen und etwas Neues ausprobieren kann.“

Objekttherapie

Ein wichtiger gemeinsamer Aspekt beider Unternehmen ist die Kombination aus der Kultivierung von Gemeinschaftswerten und dem Bewusstsein und der Förderung nachhaltiger Ideale. Obwohl die Räumlichkeiten der zwei Werkstätten ästhetisch nicht unterschiedlicher sein könnten, sind beide mit Retro-Möbeln, bildschönen alten Relikten und umfunktionierten Objekten ausgestattet. Ein ehemaliger Singer-Nähmaschinentisch dient Melissa heute als Schreibtisch, und Matt und Chesters Werkstatt – selbst ein umgebautes Warenlager – ist mit eklektischen Straßenschildern, Kinositzen und faszinierenden Requisiten übersät. Wie Melissa erklärt, sollen die gemütlichen Retro-Möbel in ihrem Studio dafür sorgen, dass sich ihre Kunden rundum wohl fühlen.

Objekttherapie: Der umfunktionierte Kimono einer Frau, die diesen nicht weggeben wollte; ihre Mutter trug ihn, als die Frau geboren wurde. Objekttherapie: Der umfunktionierte Kimono einer Frau, die diesen nicht weggeben wollte; ihre Mutter trug ihn, als die Frau geboren wurde. | © Gina Robilliard Die Idee der Umnutzung ist auch der treibende Faktor hinter ‚Object Therapy‘ (‚Objekttherapie‘), der neuesten Ausstellung des Australian Design Centre (ADC), in der liebgewonnene, aber unbrauchbar gewordene Objekte von ortsansässigen Künstlerinnen und Künstlern ‚behandelt und reimaginiert‘ werden. So brachte etwa eine Frau namens Fi einen Kimono mit, den ihre inzwischen verstorbene Mutter in den 70er Jahren trug, als Fi noch ein Baby war. Er ist mittlerweile zu empfindlich zum Tragen und wurde daher von ‚Corr Blimey‘ in ein wohltuendes weiches Kissen umgearbeitet. Laut ADC zielt die Ausstellung darauf ab, „uns [zu ermutigen], unsere materiellen Konsumgewohnheiten zu überdenken und gleichzeitig die Rolle und die kreativen Möglichkeiten des Reparierens in unserer Gesellschaft zu erkunden und zu feiern“. Gleichzeitig wirft sie einen Schatten auf billige Einwegprodukte, die wir aus einer Laune heraus mitnehmen, ohne dass sie für unser Leben eine inhärente Bedeutung hätten.

Wie bei jedem Aspekt von Kultur sind Georg Hegels Dialektik zufolge oft drei Momente erforderlich, um ein Gleichgewicht zwischen einem Extrem und seinem Gegenteil zu schaffen. Zu hoffen wäre, dass dieses neue Bewusstsein und der Respekt für den schlichten Akt des Machens eine Synthese darstellen. Dies erfordert nichts weiter als eine mentale Neukalibrierung des Wertes unserer Hände und Besitztümer. Die Idee breitet sich aus und die große Nachfrage lässt die Werkstätten expandieren. Matt und Chesters Endziel ist die internationale Expansion: „Adelaide geht nächsten Monat an den Start, und Fremantle ist auch bald so weit. Wir werden alle unsere Kräfte auf diese beiden konzentrieren, aber wir schielen auch mit einem Auge nach London und Mexiko. Der kreative Missionsfeldzug geht weiter!“

Vor dem Wegwerfen bewahrte und wiederverwendete Retro-Möbel im Work-Shop. Vor dem Wegwerfen bewahrte und wiederverwendete Retro-Möbel im Work-Shop. | © Gina Robilliard