Krankenhaus-Design Gesundheit für Körper und Geist

Krankenhausflur mit Werken des australischen Künstlers Bruce Earles.
Krankenhausflur mit Werken des australischen Künstlers Bruce Earles. | © St Vincent's Hospital Melbourne Public Art Collection

Den Anblick von üppigem Grün und ansprechenden Blumenarrangements verbindet man traditionell genauso wenig mit einer klinischen Krankenhausatmosphäre wie wunderschöne offene Atrien, in denen Kunstwerke ausgestellt werden. Aber überzeugende Forschungsergebnisse legen mittlerweile nahe, dass innovative Krankenhausentwürfe in der Gesundheitsversorgung eine kritische Rolle für die Qualität der Therapieergebnisse spielen, darunter Genesungsrate, Stressniveau und Schmerzempfindung. In einer Art Gegenrevolution zu konventionellem und klinischem Krankenhausdesign gestalten Architekten Krankenhäuser heute im Hinblick auf künstlerische Prinzipien und die Psyche der Patienten.

Natur tut der menschlichen Psyche grundsätzlich gut. Der bloße Anblick von Begrünung hilft, die Stimmung zu verbessern, die Genesungsrate von Krankheiten zu beschleunigen, die Schmerzbehandlung zu unterstützen, psychische Erschöpfung zu lindern und das Stressniveau zu senken. Bereits 1985 deckte eine wegweisende Studie des Umweltpsychologen Dr. Roger Ulrich auf, dass sich Chirurgie Patienten schneller erholten und geringere Mengen starker Schmerzmittel benötigten, wenn das Fenster ihres Zimmers auf die Natur statt auf eine Ziegelmauer blickte.

Grüner ist Besser

Vor dem Hintergrund solcher Forschung werden naturalistische Prinzipien verstärkt in die architektonische Gestaltung moderner Krankenhäuser eingebunden. Im Lady Cilento-Kinderkrankenhaus in Brisbane sorgen an Baumkronen erinnernde Zimmerdecken aus Holz für ein beruhigendes, natürliches Raumklima.

Grünanlage des Lady Cilento Children's Hospital. Grünanlage des Lady Cilento Children's Hospital. | © Christopher Frederick Jones Darüber hinaus gibt die Einrichtung wohltuender Gärten auf dem Krankenhausgelände Patienten und Besuchern die Möglichkeit, den Belastungen von Krankheit und Genesungsprozess zu entfliehen. Eine Analyse von ‚Sitzbank-Tagebüchern‘ (Gästebüchern), die in den Gärten ausliegen, verrät den hohen therapeutischen Nutzen, den das Betreten dieser natürlichen Umgebung mit sich bringt. Ein Patient schrieb, dass „dieser Garten unseren Verstand gerettet hat. Ein schöner und ruhiger Ort“, und ein anderer notierte: „Allein dass ich diesen Ort gefunden habe, macht einen riesigen Unterschied, wenn ich die Welt einfach nur anschreien oder anbrüllen will.“ Nicht nur Ärzte und Therapien können die Heilung von Patienten unterstützen – grüne Landschaften können dies nun ebenfalls. In einem Artikel im Scientific American konstatierte Clare Cooper Marcus, emeritierte Professorin für Landschaftsarchitektur an der University of California, Berkeley: „Es wird Ihren Krebs oder Ihr schwer verbranntes Bein nicht heilen, wenn Sie sich in einem schön gestalteten Garten eine Weile mit der Natur beschäftigen. Aber es spricht vieles dafür, dass es die Intensität von Schmerzen und Stress verringern kann – und damit auch das Immunsystem so stärken kann, dass andere Therapien und der Körper selbst die Genesung unterstützen können.“

Krankenhäuser als Mini-Museen

Genau wie die Einbindung von Gärten in medizinische Umgebungen können auch Kunstwerke ein klinisches und steriles Krankenhaus in einen wohltuenden Ort der Genesung verwandeln. Die anwachsende Forschungsliteratur legt nahe, dass sich Kunstwerke mit Naturlandschaften für Heilungszwecke am besten eignen. Eine italienische Studie mit dem Titel „Jenseits der traditionellen Behandlung ... Die Etablierung von Kunst als Therapie“ stellte fest, dass Patienten auf Onkologie-Stationen in ganz Italien einen positiveren Eindruck von ihrer Krankenhausumgebung hatten, wenn sie statt einer leeren, sterilen Wand Kunstwerke zu sehen bekamen. Am liebsten mochten die Patienten Werke mit Naturlandschaften, gefolgt von Tieren, Alltagsszenen, Porträts, Stadtlandschaften und abstrakten Werken.
 
Das St Vincent‘s Hospital in Melbourne unterstützt diesen neuen Gestaltungsansatz im Gesundheitswesen. An seinen 18 Klinikstandorten werden über 1300 Werke öffentlich ausgestellt. 2009 kommentierten ein Reha-Patient und seine Partnerin, dass „die Kunstwerke es möglich machen, den Bereich des Krankenhauses zu identifizieren, in dem man sich befindet, so dass man weiß, wo man ist. Die Kunst verleiht dem Krankenhausaufenthalt eine neue Dimension. Man kann mit Freunden und Familie über die Kunstwerke sprechen, statt nur über seine Krankheit zu grübeln. Wenn man während seiner Rekonvaleszenz über etwas anderes als seine Krankheit nachdenken kann, darauf Bezug nehmen und es schätzen kann, ist das unserer Meinung nach für die Genesung förderlich.“ Heutzutage wird Kunst nicht mehr einfach nur zu ästhetischen Zwecken eingesetzt – sie ist ein essentieller Bestandteil eines umfassenden Modells der Gesundheitsversorgung.

Grünanlage des Lady Cilento Children's Hospital. Grünanlage des Lady Cilento Children's Hospital. | © Christopher Frederick Jones Und Krankenhauskunst nützt auch nicht nur Patienten und Besuchern. Medizinische Einrichtungen fungieren als zeitgenössische Ausstellungsräume, die es Künstlern erlauben, ihre Werke auszustellen und ein größeres Publikum zu erreichen, während sie gleichzeitig mit ihrer künstlerischen Betätigung auch noch Gesundheit, Genesung und Wohlbefinden fördern. Das Artist-in-Residence-Programm am St Vincent‘s Hospital in Melbourne bietet Künstlerinnen und Künstlern ein kostenloses Studio für ein Jahr; im Gegenzug spenden diese der St Vincent‘s-Kunstsammlung einige ihrer Kunstwerke. Das Programm macht bildende Kunst zugänglicher und unterstützt gleichzeitig aufstrebende künstlerische Talente in Australien.

Tiergestützte Therapie

Man sagt, der Hund sei der beste Freund des Menschen; Tiere können in schwierigen Zeiten eine Quelle des Trosts und der Gesellschaft sein. Eine Studie aus dem Jahr 2015, über die im Journal of Community and Supportive Oncology berichtet wurde, stellte fest, dass Patienten mit Kopf- und Halskrebsarten, die Besuch von Therapiehunden erhielten, eine Steigerung ihres emotionalen Wohlbefindens und ihrer Lebensqualität feststellten. Die Interaktion mit Tieren in einer Krankenhausumgebung kann sogar den Oxytocinspiegel steigern, also des Anti-Stress-Hormons, von dem man weiß, dass es Glücksgefühle und Vertrauen erhöht. Deshalb integrieren medizinische Einrichtungen tiergestützte Therapie und tiergestützte Maßnahmen in ein umfassendes Therapiekonzept. Am Royal Children‘s Hospital in Melbourne unterhält eine Horde Erdmännchen in einem speziellen Open-Air-Gehege an der Rezeption der Fachkliniken Patienten und Besucher und bietet Kindern eine schöne Ablenkung und Lernerfahrung. Der Umgang mit Tieren macht das Leben schwerkranker Patienten angenehmer und sorgt so für eine fröhlichere Umgebung und ein weniger schlimmes Behandlungserlebnis. 

Heilendes Design

Es sieht eindeutig so aus, als würden bisherige wissenschaftliche Belege die Annahme unterstützen, dass stimulierende, künstlerische und natürliche Räume bei der Verbesserung von Therapieergebnissen eine wichtige Rolle spielen. Krankenhäuser entwickeln sich zu weit mehr als sterilen, klinischen Umgebungen – wie der renommierte Architekt Gene Klow vom Architekturbüro RMJM HKA in Los Angeles konstatiert, „schafft der Trend heute heilende Umgebungen, die emotionale ebenso wie funktionale Unterstützung bieten.“ Ein wohltuendes Monet-Aquarell, ein ansprechendes Wandbild oder eine Wand aus üppigem Grün sind der Genesung deutlich zuträglicher als ein öder, nichtssagender, fantasieloser Raum.