Tattoo-Kunst in Australien Wenn Kunst unter die Haut geht

Rhys Gordon beim Tattoo-Stechen
Rhys Gordon beim Tattoo-Stechen | © Emma Salmon

Körperkulte haben in Australien eine lange Tradition. Bereits im 19. Jahrhundert tätowierten sich Sträflinge auf der damaligen Gefangeneninsel Tasmanien. Im Laufe der Zeit haben sich nicht nur Methoden, sondern auch Klientel und Motive grundlegend verändert.

„Schon mit 12 Jahren war mir klar, dass ich kein normales Leben führen möchte“, erinnert sich der australische Tattoo-Künstler Rhys Gordon. „Ich hatte Glück, zufällig über die Tattoo-Kunst zu stolpern, und ich dachte nur: Wow, das ist eine geheimnisvolle Welt.“ Denn 1989, als Gordon mit dieser Welt erstmals in Kontakt kam, war die Klientel eine andere als in der heutigen Zeit. Mit nur 15 Jahren ließ er sich damals in seiner Heimatstadt Melbourne zum ersten Mal tätowieren, als Tattoos üblicherweise nur von Seefahrern, Kriminellen und Außenseitern getragen wurden. Nur kurze Zeit später saß Gordon selbst auf der anderen Seite der Tätowier-Maschine und verzierte die Haut dieses „ungehobelten Teils der Gesellschaft“, wie Gordon seine damalige Kundschaft selbst bezeichnet.  

Rhys Gordons Tattookunst Rhys Gordons Tattookunst | © Emma Salmon „Früher war es, als würde man eine derbe Bar betreten, wenn man in ein Tattoo-Studio ging“, sagt Gordon. Damals sahen Tätowierer nur kurz auf und knurrten, wenn jemand das Studio betrat. Der Umgangston hat sich mit den Jahren grundlegend gewandelt: Heutzutage wird man dort freundlich begrüßt, wie auch in Gordons Studio Little Tokyo, das er 2013 in Sydney eröffnete. Die bedrohliche Seite des Tätowierens, die damals Teil der Mystik und Magie war, sei verschwunden. „Im Laufe der Generationen hat sich die Tattoo-Szene aufgelockert und für eine breitere Masse geöffnet“, erklärt Rhys Gordon.

Körperkult der Aborigines: „Ziernarben“ statt Farbe

Körperkulte gab es auf dem fünften Kontinent bereits lange vor den ersten Siedlern. Die Aborigines praktizierten allerdings keine vergleichbare Form der Tattoo-Kunst: Angelehnt an ihre Malereien und Gravierungen praktizieren sie die sogenannte „Skarifizierung“. Dabei werden an bestimmten Körperstellen Formen und Muster in die Haut geschnitten. Diese hinterlassen sogenannte „Ziernarben“, die als in den Körper eingravierte Geschichten fungieren. Es sind Geschichten von Mut, Identität und Status oder von Schmerz, Leid und Trauer. Je nach Abstammung wird den Aborigines zudem ein spezifisches Muster als eine Art Zugehörigkeitsmerkmal eingeritzt.
 
Anders sieht es bei den neuseeländischen Nachbarn aus: Die Maori brachten ihre Tattoo-Kunst namens „Ta Moko“ aus Polynesien mit auf die Inseln. Dabei wird traditionell zuerst mit Hammer und Meißel ein Muster in die Haut gearbeitet und dieses dann mit einer Mischung aus Ruß und Fett pigmentiert.

Vom Standard-Motiv zur Individualkunst

Nicht nur an den Tätowier-Techniken, auch an den Motiven und deren Bedeutung hat sich mit der Zeit vieles verändert. Früher gab es vorwiegend standardisierte Designs. Zu den Klassikern, die in den Anfängen der Tattoo-Geschichte an den Wänden der Studios hingen, gehörten zum Beispiel Pin-Up-Girls, Jesusfiguren und Raubkatzen. „Jeder Shop hatte zwar seine eigenen Versionen der Motive, aber das waren nur minimale künstlerische Abweichungen“, sagt Rhys Gordon. Das ändere sich erst etwa in den 70er-Jahren: „Von da an etablierten sich Tätowierer, die einen höheren künstlerischen Anspruch an sich selbst hatten.“

Nahaufnahme von Rhys Gordons Tattoo-Kunst Nahaufnahme von Rhys Gordons Tattoo-Kunst | © Emma Salmon Die zwei großen Wendepunkte in Australiens moderner Tattoo-Geschichte fanden allerdings später statt. Zuerst eröffnete das Internet Tattoo-Künstlern neue Möglichkeiten. „Plötzlich konnten Tätowierer online vorgefertigte Designs kaufen, wirklich gute Tattoos“, erinnert sich Gordon. „Und damit war es ihnen möglich, bessere Designs zu tätowieren, als sie selbst zeichnen konnten.“
 
Vor ein paar Jahren dann brachte das Internet etwas hervor, das den zweiten großen Wendepunkt markiert und vor allem die Einstellung der Tattoo-Künstler veränderte: Die Foto-App Instagram. „Die Leute sind heutzutage süchtig nach dem täglichen visuellen Konsum“, sagt Gordon. Dass Fotos von Tattoos nur noch für ein paar Sekunden angesehen und dann durch das nächste ersetzt werden, löst bei den Künstlern und Kunden unterschiedliche Reaktionen aus: „Bei der jüngeren Generation der Tätowierer bewirkt das ein größeres Konkurrenzdenken.“ Auf der anderen Seite sehen Kunden die große Varietät an Stilen und Motiven, was zu einem höheren Anspruch an die Qualität der eigenen Tattoos führt.

Bedeutungswandel

Bis zu den 90er-Jahren dachte die typische Klientel noch wenig über die Bedeutung einer Tätowierung nach. Damals entschied man sich beispielsweise für einen Adler als Motiv, weil es einfach cool aussehen sollte. Heute werden solche Motive gewählt, weil Tiere wie der Adler zum persönlichen „spirit animal“ erklärt werden und Freiheit repräsentieren sollen.
„Heutzutage haben die Kunden tiefgründige Ideen und recherchieren ihr Wunschmotiv, bevor sie es sich stechen lassen“, sagt Rhys Gordon.
 
Früher lag die Bedeutung nicht in den Motiven einer Tätowierung, sondern im Akt des Tätowierens selbst. Mit der Entscheidung, Tattoos zu tragen, ging automatisch die Entscheidung einher, sich vom Rest der Gesellschaft abzusetzen. Für Rhys Gordon haben Tattoos außerdem einen hohen Erinnerungswert: „Die meisten meiner Tattoos haben keine Bedeutung. Aber wenn ich sie mir heute ansehe, dann erinnere ich mich an die damalige Situation, in der ich sie mir stechen ließ“, sagt er.

Einfacher denn je: Tattoo-Entfernungen 

„Tattoos sind der ultimative Weg, sich selbst auszudrücken“, findet Paul Roberts. Aber manchmal bereuen Tattoo-Träger Entscheidungen aus der Vergangenheit. Wie sich das anfühlt, weiß Roberts selbst genau: Mit 14 Jahren hat er sich sein erstes Tattoo stechen lassen, mit gerade einmal 18 Jahren war er nicht nur bereits an beiden Armen und Beinen tätowiert, sondern auch im Gesicht. Roberts bereute diese Entscheidung bald, und weil es damals keine andere Möglichkeit gab, wurde ihm das Gesichtstattoo operativ entfernt. Heute betreibt er an der Goldküste in Queensland das Tattoo-Laser-Studio In A Flash und entfernt ungewünschte Tätowierungen mit modernster Lasertechnik. „Das Laser-Studio habe ich unter anderem eröffnet, weil ich den Kids helfen möchte, die im selben Boot sitzen wie ich damals.“ Deshalb entfernt Roberts Tätowierungen an Händen, Hals und im Gesicht bei unter 21-Jährigen kostenlos. Der Großteil seiner Kunden lässt sich allerdings die Namen von Ex-Partnern oder schlecht gestochene Tattoos entfernen.
  Paul Roberts in seinem Tattoo-Laser-Studio In a Flash Paul Roberts in seinem Tattoo-Laser-Studio In a Flash | © Charlie Roberts Auch mit der aktuellen rasanten Trend-Entwicklung und dem großen Input an unterschiedlichster Tattoo-Kunst geht oft der Wunsch einher, ein Tattoo wieder loszuwerden. Was vor einigen Jahren noch angesagt war, scheint jetzt „Mainstream“ und überholt zu sein.
 
„Es bleibt abzuwarten, wie sich die Tattoo-Kunst weiterentwickelt“, sagt Paul Roberts. „Gerade werden zum Beispiel Augapfel-Tattoos immer beliebter – und die kann man sich nie wieder entfernen lassen.“