Installationen im Outback Buschlegenden und Wandmalerei – Kunst im regionalen Australien

John Murrays exzentrisches Emu-Wandgemälde neben der Tankstelle in Lightning Ridge.
John Murrays exzentrisches Emu-Wandgemälde neben der Tankstelle in Lightning Ridge. | © Gina Robilliard

Kunst hat die Menschheit seit jeher fasziniert. Wir diskutieren über ihren philosophischen Sinn, über ihre Macht, zu inspirieren und zu kommunizieren, und in vielen Fällen auch darüber, warum sie uns nicht gefällt. Ein Großteil dieser Analyse konzentriert sich dabei jedoch auf einen sehr privaten Sektor künstlerischen Ausdrucks, nämlich Kunst, die hinter geschlossenen Türen oder bei eintrittspflichtigen Veranstaltungen stattfindet. Sehr wenig Diskussion und Beachtung dagegen wird dem Sinn und Potenzial demokratischer oder öffentlicher Kunst gewidmet. Da sie leichter zugänglich ist, findet ihr Einfluss auf einer sehr bodenständigen Ebene statt und sie eröffnet sich auch dem Blick derjenigen, die für einen Galeriebesuch womöglich weder Zeit noch Mittel gehabt hätten. Das Wiederaufleben von Street Art durch Künstler wie Banksy hatte (politisch wie wirtschaftlich) einen massiven Einfluss auf zahlreiche Stadtlandschaften in aller Welt. Der Einfluss öffentlicher Kunst geht jedoch über den städtischen Raum hinaus und reicht, wie in diesem Fall, bis in ländliche Gemeinden hinein.

Coonamble in den Central Western Plains von New South Wales (NSW) ist ein kleiner Ort mit einer Gesamtbevölkerung von 2.750 Einwohnern. Anfang letzten Jahres lud die Gemeinde den Künstler John Murray aus Lightning Ridge ein, zusammen mit dem ortsansässigen indigenen Künstler Sooty Welsh einen stillgelegten Wasserturm nahe dem Ortszentrum zu bemalen. Jedes Element ihres Kunstwerks hat Symbolcharakter und steht sowohl für die Gemeinde als auch für ihre Beziehung zum Land. Der 26 Meter hohe Turm wurde mit Rosakakadus und einer Auswahl einheimischer Wildtiere bemalt, darunter auch einem Keilschwanzadler, einem Totem des Weilwan-Volkes, den traditionellen Hütern des umliegenden Landes. Eingerahmt wird das Werk von einer Darstellung des Castlereagh River, einem 549 Kilometer langen Fluss, der durch den Ort fließt und das Nutzvieh mit Wasser versorgt.

John Murrays zur Werbefläche umfunktionierter Volkswagen, der seine Galerie ankündigt. John Murrays zur Werbefläche umfunktionierter Volkswagen, der seine Galerie ankündigt. | © Gina Robilliard Lee O’Connor, Herausgeberin der Coonamble Times, erklärt den Zweck der Kunst am Turm mit einer Stärkung des kommunalen Zusammenhalts und der Stiftung eines Identitätsgefühls bei den Einwohnern von Coonamble. Zudem soll das Werk zusätzliche Besucher speziell unter den Wohnwagen-Nomaden anziehen, die durch Coonamble kommen. Es ist auch nicht weiter ungewöhnlich, dass sich der Ort an von der Gemeinschaft angeregten Kunstprojekten beteiligt. O’Connor betont, dass solche Projekte dabei helfen, während der in der Region häufigen Dürre- oder Überschwemmungszeiten die Moral zu verbessern. Während einer besonders gravierenden Dürreperiode wurde ein Gemeinschaftsprojekt initiiert, das Die Spitznamen-Ruhmeshalle von Coonamble [The Coonamble Nick-Name Hall of Fame] hieß. Im Rahmen des Projekts wurden Karikaturen gezeichnet und im Ortszentrum ausgehängt, auf denen lokale Legenden, Hallodris und Schlitzohren abgebildet waren, die die Herkunft ihrer Spitznamen verrieten.

Positiver Wandel durch gütergetriebene Gemeinschaftsinitiativen

Dieser Variante kollektiven Ausdrucks greift auf eine Form von Kommunalentwicklung zurück, die auf den gemeinschaftlichen Gütern des jeweiligen Ortes basiert. Dahinter steht die Idee, dass sich positiver Wandel innerhalb einer Gemeinschaft am besten dadurch inspirieren lässt, dass man sich auf die Stärken der jeweiligen Umgebung konzentriert; nicht auf das, was fehlt. Die Stärken von Coonamble, erklärt O’Connor, liegen in seinen Menschen: ihrem generationenübergreifenden Sinn für Gemeinschaft und Geselligkeit ebenso wie für Humor, der ihnen dabei hilft, schwierige Zeiten durchzustehen. Dieser Aspekt ist es, den sie hervorheben und mit der Öffentlichkeit teilen möchten.

Indigene Wandmalerei im Ortszentrum. Indigene Wandmalerei im Ortszentrum. | © Gina Robilliard Rosakakadus wurden von Murray bewusst als Sinnbild für die Stärken der hiesigen Gemeinschaft ausgewählt. Diese einheimischen Vögel sind sehr sozial und sitzen oft in großen Gruppen in Bäumen und Stromleitungen, wo man sie beim Tschilpen und ‚Plauschen‘ hören kann, wenn abends der Ort zur Ruhe kommt. Sie weisen zudem enge gruppeninterne Bindungen auf und versuchen häufig, von Autos überfahrene Artgenossen wiederzubeleben.
 
Demokratischer Kunst kommt in Gemeinschaften auf der ganzen Welt eine wichtige Rolle zu. Sie dokumentiert und verstärkt kollektive Identitäten, macht neue Generationen mit ihrem Erbe bekannt und bringt sie mit Ausdrucksformen in Berührung, zu denen sie sonst womöglich keinen Zugang gehabt hätten. Auch wenn die Menschheit auf eine lange Tradition des Beschreibens und Bemalens von Wänden zurückblickt, wurde das Konzept politisierter öffentlicher Wandmalerei in seiner aktuellen Form durch den mexikanischen Maler Diego Rivera popularisiert. Seine Arbeit mit der mexikanischen Bevölkerung zielte darauf ab, während einer Periode der Armut und des Verlusts ihres indigenen Erbes die Moral zu heben. Die politisierten Wandmalereien in den Straßen Mexikos thematisierten Benachteiligung sowie Kulturgeschichte und Gemeinschaftswerte der präkolumbianischen Ära der Nation. Sie hatten letzten Endes den Effekt, die nationale Identität zu stärken, wiederzubeleben und zu untermauern.

Der Kampf des Menschen gegen die Wüste – eine symbiotische Geschichte

Zwei Stunden nördlich von Coonamble liegt die Opalminen-Stadt Lightning Ridge, in der sich weitere Beispiele von Kommunalentwicklung durch öffentliche Kunst finden lassen – am auffälligsten in Form eines 18 Meter hohen Emus, der aus Altmetall und alten VW-Käfern konstruiert wurde. Die Struktur wurde 2013 auf den Namen Stanley getauft und befindet sich ein paar Kilometer außerhalb des Ortes am Highway. Vorwiegend von Murray konzipiert, war Stanleys Konstruktion eine Gemeinschaftsleistung des ganzen Ortes, für die das Material entweder gefunden oder gespendet wurde. Die Wahl eines riesigen Emus aus alten Autos geht trotz ihrer Exzentrizität und ihres Humors über rein ästhetische Aspekte hinaus. Der Emu ist aufgrund der wichtigen Rolle, die männliche Emus bei der Aufzucht ihrer Jungen spielen, ein Totem der dortigen Aborigines. Bei Stanleys offizieller Einweihung führten die Kinder aus der Region einen traditionellen indigenen Emu-Tanz auf. Murray verwendet in seinen Arbeiten häufig ausrangierte Autos, um die Geschichte des industrialisierten ländlichen Australien zu vermitteln. „Es geht um das menschlichen Streben, den Menschen, der versucht, diese ungeheure Weite zu bezwingen, die das Innere Australiens ausmacht“, erklärt Murray.

Stanley der Emu befindet sich zehn Kilometer außerhalb von Lightning Ridge. Stanley der Emu befindet sich zehn Kilometer außerhalb von Lightning Ridge. | © Gina Robilliard Seit der Einweihung von Stanley dem Emu sind den Highway entlang zahlreiche kleinere Strukturen aufgetaucht, die von einzelnen Hofbesitzern als Teil einer Initiative der Gemeindeverwaltung errichtet wurden. Ahmed ‚Al‘ Karanouh, Mitglied des Gemeinderats von Coonamble, ist nun bestrebt, die Outdoor-Wandmalereisammlung des Ortes um ein Werk von Murray zu erweitern, auf dem seine ikonischen Emus in die Farben der lokalen Sportteams gekleidet sind. Auch wenn das Prinzip des Selbsterhalts durch Kunst so alt wie die Menschheit ist, entwickeln und erneuern sich die jeweils einzigartigen Ausdrucksformen individueller Identität als Antwort auf das Profil der jeweiligen Bevölkerung stetig weiter.