Bicultural Urbanite Brianna
Saugut! Die Deutschen und ihr Schweinefimmel

Zwei Ferkel auf einem Bauernhof
Foto: Kenneth Schipper Vera / Unsplash

2020 lebten in Deutschland fast 26 Millionen Schweine. Die vierbeinigen Allesfresser sind nicht nur auf Menüs im ganzen Land zu finden, sondern haben auch die deutsche Kultur und Sprache beeinflusst. Ein Überblick über die vielen Arten, auf die man in Deutschland Schwein isst und spricht.
 

Von Brianna Summers

Schweine werden auf der ganzen Welt gezüchtet und gegessen. In manchen Kulturen gelten sie als Symbole für Glück und Wohlstand, in anderen werden Schweine für gefräßig oder unrein gehalten. In der Regel sind sie einfach eine Alternative zu Huhn oder Rind. In Deutschland jedoch haben Schweine in erstaunlichem Ausmaß Kultur, Ernährung und Sprache erfolgreich infiltriert. Es ist schwer zu sagen, wann genau diese schweinische Liebesgeschichte begann, aber es handelt sich definitiv um eine anhaltende Romanze.

Bild gescannt aus Maggie Blacks "Den medeltida kokboken", der schwedischen Übersetzung von The Medieval Cookbook Mittelalterliche Schweineschlachtung | Foto: Wikimedia Commons / British Library, London Das größte Schweinemuseum der Welt befindet sich in Stuttgart und die Stadt Wittlich richtet jedes Jahr ein Schweinefestival aus, bei dem in vier Tagen mehr als 100 Schweine am Spieß gebraten werden. Die Deutschen verwenden Schweinefleisch zur Herstellung von Würsten, Braten und Eintöpfen aller Art sowie zur Produktion von Delikatessen wie etwa der als Eisbein bekannten gepökelten Schweinehachse oder dem ebenso appetitlich klingenden Saumagen. Saumagen involviert das Kochen von Schweinefleisch im Schweinemagen und ist passenderweise auch ein idiomatischer Ausdruck für jemanden, dessen Magen einfach alles verträgt.

Zwar ist Australien der weltweit zweitgrößte Pro-Kopf-Konsument von Fleisch (2018 durchschnittlich 92 kg pro Person), dafür spielt Deutschland in der Schweinefleisch-Liga ganz oben mit. Statista zufolge aß man in Australien im Jahr 2017 knapp 21 kg Schweinefleisch pro Person, während der durchschnittliche Deutsche von 2017 bis 2019 jährlich etwa 35 kg Schweineerzeugnisse zu sich nahm. Im selben Zeitraum machte Schweinefleisch beinahe die Hälfte des gesamten in Deutschland konsumierten tierischen Eiweißes aus. (Huhn belegte mit nur etwa 12 kg Platz zwei.)

Schwein bleibt Schwein


Die Aufrechterhaltung dieser Ernährungsweise erfordert eine ganze Menge Schweinezucht, damals wie heute. Deshalb zieren wohl auch Städte und Orte im ganzen Land Namen wie Schweinersdorf, Schweinthal, Schweinsmühle, Schweinlang oder Schweinfurt.

Schweine finden sich auch in Nachnamen wieder, das bekannteste Beispiel dafür ist wahrscheinlich der ehemalige deutsche Fußballer Bastian Schweinsteiger. Schwein ist Schwein und das Verb steigen kann so viel wie ‚erklimmen‘ heißen. Angenommen, sein Name leitet sich – wie Müller, Bäcker oder Schäfer – von einem Beruf ab, heißt das, dass historisch gesehen jemand die Aufgabe hatte, Schweine zu erklimmen? Oder Schweine zum Steigen anzuregen? Das „Schweinsteiger“-Rätsel beschäftigte mich viele Weltmeisterschaftsspiele lang, bis ich feststellte, dass ein Steiger ein Aufseher ist, sprich, einer von Bastians Vorfahren war höchstwahrscheinlich der Obermotz einer Schweinezucht. Mr Pigoverseer mag im Englischen nicht gerade der schmeichelhafteste Name sein, hat aber wenigstens noch ein Mindestmaß an Würde, was man von Schweinsteigers Spitznamen „Schweini“, der im Englischen zum noch weniger ansprechenden „Piggy“ wird, nun wirklich nicht behaupten kann. Bastian Schweinsteiger jubelt bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 Bastian Schweinsteiger jubelt bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 | Foto: Wikimedia Commons / Marcello Casal Jr / Agência Brasil

Schweine-Redewendungen in Scharen


Der Einfluss von Schweinen auf die deutsche Kultur zeigt sich auf äußert humorvolle Weise in der Umgangssprache. Das Deutsche verfügt über Dutzende idiomatischer Ausdrücke, bei denen es um Schweine oder Säue geht. Das Wort Schwein wird manchmal anstelle von „jemand“ oder „keiner“ verwendet, wie etwa in Das kann kein Schwein lesen. Und wo wir gerade beim Lesen sind, eine unleserliche Handschrift wird gerne als Sauklaue bezeichnet. Dieser Logik zufolge ist ein hingekrakelter Text also sowohl von einem Schwein geschrieben als auch für Schweine unverständlich. Alles klar.

Während Australier*innen zur Verstärkung ihrer Adjektive gerne Kraftausdrücke verwenden, benutzen die Deutschen häufig Sau als Verstärkung: z. B. saugut oder saudoof. Zum ersten Mal hörte ich diese Verwendung in einer Radiowerbung, deren Zielgruppe preisbewusste Shopper*innen waren und die wiederholt brüllte: „Sau, sau sau … saubillig! Und noch viel mehr!” Ich nahm an, dass es einfach nur eine seltsame Art war, „so billig“ auszusprechen, bis ich ein zugehöriges Werbeplakat erblickte, auf dem ein Ferkel abgebildet war.

Eine weitere meiner frühen Begegnungen mit der Welt schweinischer Redewendungen war das deutsche Äquivalent der alten Weisheit „Blue and green should never be seen“: Grün und blau schmückt die Sau. Ich dachte jahrelang, dass das „Grün und Blau sind der Schmuck eines Schweins“ heißt, bis mir klar wurde, dass schmücken sich wahrscheinlich darauf bezieht, wie sich das Schwein gerne selbst dekoriert, und nicht auf seine Ohrringe. (Ich bevorzuge nach wie vor meine ursprüngliche Interpretation.)

Natürlich hat auch die englischsprachige Welt ihren Anteil an Schweinesprüchen entwickelt. Wir sind as happy as pigs in mud (so glücklich wie Schweine im Dreck = sich sauwohl fühlen), gehen gerne the whole hog (aufs Ganze), sweat like pigs (schwitzen wie die Schweine) und glauben, dass oberflächliche Verbesserungen das Äquivalent von putting lipstick on a pig sind (einem Schwein Lippenstift verpassen). Zudem gibt es in dieser Hinsicht auch einige Überlappungen zwischen dem Englischen und dem Deutschen. Schweine helfen uns, unsere Ungläubigkeit zum Ausdruck zu bringen, wenn auch auf unterschiedliche Art. Die Australierin sagt „yeah and pigs might fly” („klar, und vielleicht können Schweine fliegen“), wohingegen der Deutsche ausruft: „Ich glaub’, mein Schwein pfeift!“ In beiden Sprachen sagt man von einem Vielfraß, er esse wie ein Schwein, ein gemeiner Mensch kann als Schwein bezeichnet werden und eine große Unordnung wird Saustall genannt. Aber an diesem Punkt enden die Ähnlichkeiten auch schon und Deutschlands Schweine-Dampfwalze nimmt endgültig Fahrt auf … Ein Tierarzt spricht mit einem Ferkel in Leipzig im Jahr 1951 Ein Tierarzt spricht mit einem Ferkel in Leipzig im Jahr 1951 | Foto: Wikimedia Commons / Deutsche Fotothek

Auf das Schwein gekommen


Wenn du in der Arbeit aus Versehen die falsche Sau schlachtest und das Ergebnis unter aller Sau ist, hat dein Chef womöglich Mitleid mit dir und nennt dich arme Sau. Aber wenn dein Chef ein Saukerl ist und du in einem Sauladen arbeitest, wird er dich stattdessen womöglich zur Sau machen. Vielleicht war dein Fehler auch wirklich unentschuldbar, wenn man bedenkt, dass eine blinde Sau sehen konnte, was du hättest du tun sollen. Wie dem auch sei, die Abkanzelung von deinem Chef hat deinen inneren Schweinehund zum Vorschein gebracht und du hast bald eine echte Saulaune. Zu allem Überfluss herrscht draußen auch noch richtiges Sauwetter. Aber wenigstens hattest du Schwein und konntest den Regenschirm einer Kollegin ausleihen. Vielleicht solltest du ja deinen Job kündigen? Immerhin ist das Ganze eine Schweinearbeit und du würdest viel lieber die Sau rauslassen.

Nach der Arbeit kommst du nach Hause und siehst deinen Sohn wie eine Sau auf dem Apfelbaum hocken und in sein Handy starren. Vielleicht ist er ja in den sozialen Medien damit beschäftigt, eine Sau durchs Dorf zu treiben. Währenddessen ist deine Tochter als Piratin verkleidet und rennt herum wie eine gesengte Sau. Na gut, denkst du dir, ich war in dem Alter wahrscheinlich genauso. Schließlich lernen die Ferkel das Grunzen von der Sau.

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