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Wetterpatenschaften
„Weibliche Hochs gehen schneller weg!“

Meteorologie-Studentin Daniela Schoster vor der Wetterstation
Meteorologie-Studentin Daniela Schoster vor der Wetterstation | Foto (Ausschnitt): © Gunnar Leue

„Katja“, „Ursel“ oder „Xander“ – Berliner Meteorologie-Studenten verkaufen seit dem Jahr 2002 Namen von Hoch- und Tiefdruckgebieten. Und finanzieren so ihre Wetterstation.

Es gibt wenig, was die Menschen weltweit so verbindet wie das Wetter – und das Reden übers Wetter. Wer möchte, kann dabei sogar seinen eigenen Vornamen medienwirksam einbringen. Denn seit dem Jahr 2002 verkaufen Berliner Meteorologie-Studenten weltweit Patenschaften für Hoch- und Tiefdruckgebiete. Bezeichnungen wie das Tief „Ursel“ oder das Hoch „Xander“ werden offiziell auf amtlichen Wetterkarten verwendet – und finden deshalb auch in den meteorologischen Berichten im Fernsehen, Radio und in der Zeitung Erwähnung.

Das außergewöhnliche Angebot, das immer im Herbst auf der Homepage des Instituts für Meteorologie der Freien Universität Berlin startet, begeistert Wetter-Interessierte aus vielen Ländern. Die einen erwerben eine Patenschaft für sich selbst, andere als Geschenk für Freunde oder Verwandte: Ein Hoch kostet 356 Euro, ein Tief schlägt mit 236 Euro zu Buche. Da die Zahl der jährlichen Druckgebiete – erfahrungsgemäß um die 200 – nicht exakt vorhersehbar ist, gibt es zudem „Risikopatenschaften“ mit Geld-zurück-Garantie.

Einnahmen sichern studentische Wetterbeobachtung

Organisiert wird die „Aktion Wetterpate“ im vierten Stockwerk eines alten Berliner Wasserturms in Berlin-Steglitz. Hier befindet sich die einzige Wetterstation weltweit, die Studentinnen und Studenten rund um die Uhr betreiben. Im Jahr 2002 sollte die Wetterbeobachtung dort eingestellt werden, weil die Universität sparen musste. Daraufhin führten die Studenten das Projekt zunächst freiwillig weiter. Um ihre aufwendige Nebentätigkeit zumindest ein wenig vergütet zu bekommen, entstand kurz darauf die Idee, die Namen von mitteleuropäischen Hoch- und Tiefdruckgebieten gegen Bezahlung zu vergeben. Am 21. November 2002 zog mit „Yvonne“ das erste verkaufte Hoch über Deutschland. Das Benennen von Druckgebieten war am Meteorologischen Institut seit 1953 ohnehin Praxis. Allerdings hatten Tiefs zunächst ausschließlich weibliche Vornamen, erst 1998 kam auch hier die Gleichberechtigung zum Zuge: Seither wechseln Frauen- und Männernamen jährlich.

Hoch oder Tief?

Meteorologie-Studentin Daniela Schoster in der Wetterstation Meteorologie-Studentin Daniela Schoster in der Wetterstation | Foto (Ausschnitt): © Gunnar Leue Im Jahr 2017 sind die Hochdruckgebiete weiblich und die Tiefdruckgebiete männlich. Fürs Geschäft ist das ganz gut, da die Patenschaften häufig als Geschenk gedacht sind – und die meisten Männer ihren Frauen lieber ein Schönwetterhoch als ein verregnetes Tief schenken wollen. „Weibliche Hochs“, sagt Meteorologie-Studentin Daniela Schoster, „gehen schneller weg.“

Pro Jahr gibt es gut 50 Hochs und etwa dreimal so viele Tiefs mit relevantem Einfluss auf das Wetter in Mitteleuropa. Während ein Tief in der Regel drei bis sieben Tage andauert, kann ein Hoch sieben bis zehn Tage und im Extremfall bis zu drei Wochen anhalten – wie „Michaela“ im europäischen Jahrhundertsommer 2003.

Auch wenn die meisten Druckgebiete typisch deutsche Namen wie „Klaus“, „Dieter“ oder „Petra“ tragen, schaffen es auch schwedische oder russische Vornamen wie „Pille“ und „Iwan“ auf die Wetterkarten – Hauptsache, der Vorname ist standesamtlich anerkannt. Das Hoch „Sören“, das im Mai 2016 über Mitteleuropa lag, bezog seinen Namen nicht von einem einzigen Paten. Ein ganzes Patenkollektiv aus Deutschland hatte ihn ausgedacht: ehrenamtliche Mitarbeiter eines Freiluftkinos, die zuvor schon diverse Naturschutzprojekte unterstützt hatten.

Als Marketingidee nur ausnahmsweise erlaubt

Manche Paten spekulieren auch aus gemeinnützigem Interesse auf ein Super-Hoch. So entdeckten Bürger aus dem norddeutschen Oldenburg die Chance, ihr Städtchen mittels des Hochs „Oldenburgia“ gleich über mehrere Jahre auf die Wetterkarte und damit in die überregionalen Nachrichten zu bringen. Kommerzielle Firmen mit ähnlichen Marketing-Ideen werden in der Regel jedoch abgewiesen, es sei denn, sie oder ihr Produkt sind nach einem Vornamen benannt. Nur deshalb war es möglich, dass „Yoda“, „Luke“ und „Leia“ zum Kinostart eines neuen Star-Wars-Films nicht nur durch das Weltall, sondern auch durch die Wetternachrichten düsen konnten.

Das Geschäft der Berliner Studenten steht jedenfalls unter einem Dauerhoch: Seit 2002 sind über 1.800 Menschen aus 15 europäischen Ländern sowie aus Brasilien, Japan und den USA Wetterpaten geworden. Alle bekommen am Ende ein Paket mit Urkunde, Wetterkarte und der „Lebensgeschichte“ des Druckgebildes, zu der neben der Dauer auch eventuell verursachte Zerstörungen gehören. Einige Paten hätten sich nach folgenreichen Wettertiefs unter ihrem Namen sogar erkundigt, ob sie auch für die Schäden aufkommen müssten, berichtet Daniela Schoster. „Die Paten fühlen sich in gewisser Weise mitverantwortlich. Das sind sie natürlich nicht, da können wir sie beruhigen.“

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