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Islam in Bosnien und Herzegowina
Die am jüngsten Tag die längsten Hälse haben werden

Careva Moschee in sarajevo/Minatrett
Alma Hadžić

Der Tag ist noch nicht angebrochen, und der 55-jährige Selim Hoši ist bereits an seinem Arbeitsplatz. Er muss nur noch die 122 engen Holzstufen bewältigen, die zum Gipfel des Minaretts führen.

Der Tag ist noch nicht angebrochen, und der 55-jährige Selim Hoši ist bereits an seinem Arbeitsplatz. Er muss nur noch die 122 engen Holzstufen bewältigen, die zum Gipfel des Minaretts führen. Dies schafft Selim in nur drei Minuten. Sofort schaltet er das elektrische Mikrofon und die Lautsprecher ein, öffnet die niedrige Holztür, die zum Minarettbalkon führen, bückt sich, um durch die Tür steigen zu können, und als er sich wieder aufrichtet, sieht er vor sich die Dächer von Baščaršija, der Altstadt von Sarajevo, und einige Frühaufsteher auf der Straße. Jeden seiner Auftritte beginnt Selim mit den Worten „Allahu akbar“, „Allah ist am größten“. Und das macht er bereits seit vierzig Jahren, seit er Muezzin der Kaisermoschee in Sarajevo ist.

„So wie der Körper Frühstück, Mittag- und Abendessen braucht, so braucht unsere Seele das Gebet. Wir Muezzine rufen die Menschen fünfmal am Tag zum Gebet. Ich erkläre es kurz: Das Morgengebet sollte vor Sonnenaufgang abgeschlossen sein und bei uns in Bosnien heißt es „Sabah“, nach dem türkischen Wort für Morgendämmerung. Das nächste Gebet – das Mittagsgebet – findet statt, wenn die Sonne im Zenit steht. Wenn der Schatten des Menschen zweimal länger als der Mensch selbst ist, betet man das Nachmittagsgebet („Ikindija“). Nach Sonnenuntergang rufen wir die Menschen zum Abendgebet oder „Akšam“, wie wir es hier nach dem türkischen Wort für Abend nennen. Das letzte Gebet heißt „Jacija“ und findet statt, wenn es vollkommen dunkel geworden ist“, erzählt Selim und fährt fort: „Jeder Ezan (Aufruf zum Gebet) beginnt mit vier Wiederholungen von „Allah ist am größten“. Dann sage ich jeweils zweimal „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah“ und „Ich bezeuge, dass Mohammed Allahs Gesandter ist“. Danach wende ich mich an die Gläubigen mit den Worten: „Eilt zum Gebet, eilt zur Seligkeit.“ Beim Morgengebet, wenn fast alle schlafen, sage ich noch „Das Gebet ist besser als der Schlaf“, und das ist das Einzige, worin sich Sabah von den anderen Gebeten unterscheidet. Jeden Ezan beende ich mit den Worten „Allah ist am größten“ und „Es gibt keinen Gott außer Allah.“

Die Institution des Muezzin gab es der Überlieferung nach bereits zur Zeit des Gesandten Mohammed. Die Muezzins haben dieselbe Funktion wie die Glocken bei den Christen: Die Gläubigen daran zu erinnern, dass es Gebetszeit ist. Seitdem die Minarette ein Bestandteil von Moscheen geworden sind, steigen die Muezzins darauf und rufen zum Gebet.

„In ganz Bosnien-Herzegowina steigen aber nur noch drei Muezzins auf das Minarett: mein Bruder Bekir, der Muezzin in der Altstadt-Moschee im Herzen der Baščaršija ist, der Muezzin der Gazi-Husrev-Beg-Moschee in Sarajevo, und ich. Nur im Krieg bin ich nicht auf das Minarett gestiegen, weil es zu gefährlich war. Auch damals habe ich zum Gebet gerufen und fünfmal am Tag das Gebet angekündigt, aber nicht vom Minarett, sondern aus dem Hof der Moschee („Harem“). Es gab weder Strom noch einen Mikrofon, aber es gab auch keinen Verkehr, sodass der Ezan weit zu hören war.“                                                                                                                                    
Selims Vater Abdulgani war 70 Jahre lang Muezzin. Diese Tradition setzten sowohl Selim als auch sein Bruder Bekir fort. Auch in der dritten Generation gibt es Männer, die den Ezan beten können, aber keiner von ihnen macht es schon professionell.

„Von klein auf liebte ich sowohl den Koran als auch den Ezan. Den Koran kenne ich auswendig, sodass ich auch Hafiz bin. Hafiz zu sein ist eine große Ehre, aber auch eine große Pflicht. Man muss den Koran jeden Tag wiederholen und beten, damit dieses Wissen nicht verloren geht. Das wäre eine große Sünde. Deswegen lese ich jeden Tag mindestens 60 Seiten vom Koran. Durch das Auswendiglernen bewahren die Muslime ihr heiliges Buch vor dem Vergessen. Und den ersten Ezan vom Minarett der Ferhadija-Moschee betete ich bereits mit neun Jahren“, erzählt Selim.
Die Muezzins haben bei Allah eine privilegierte Stellung, denn sie verkünden öffentlich fünfmal am Tag, dass sie an Allah und den gesandten Mohammed glauben. Wenn der jüngste Tag kommt, dann kommen erst die Gesandten, dann die Märtyrer, und an dritter Stelle die Muezzins in die „Dschanna“ (so nennen die Muslime das Paradies). Damit sie Allah in der Masse leichter erkennen kann, werden die Muezzins am jüngsten Tag die längsten Hälse von allen haben“, sagt Selim mit einem Lächeln.

Um Muezzin in Bosnien-Herzegowina zu werden, braucht man keine besondere Schule, man braucht eine schöne und wohlklingende Stimme sowie Liebe für diesen Beruf.

„In der Türkei gibt es Schulen für Muezzins. Das sind richtige Schulen, mit Noten! In diesen Schulen werden verschiedene Melodien gelernt, denn sie können nicht jeden Ezan mit derselben Melodie beten. Sabah muss man zum Beispiel leicht und sanft beten, damit man die Menschen nicht im Schlaf erschreckt und sie mit Wohlbehagen zum Gebet gehen können. Ich war in der Türkei und habe dort viel über die Melodien erfahren können.“        

                                       
Über das Missfallen einiger Menschen im Westen und deren Beschwerden, die Rufe zum Gebet seien zu laut und würden die Menschen stören, sagt Selim: „Man soll nicht übertreiben und den Ezan zu laut einstellen. Mann sollte diese Menschen und deren Gewohnheiten respektieren. Man sollte maßvoll sein und eine schöne Stimme haben, denn es hat sich noch niemals irgend jemand über eine schöne Stimme beschwert!“

Zum Dossier „Islam in Deutschland und in Bosnien und Herzegowina“

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