Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)
Hegel Hölderlin 12.2020© pixabay

Die Freundschaft von Hegel und Hölderlin und ihre Folgen

2020  wird das 250. Geburtstagsjubiläum des großen deutschen Literaten Friedrich Hölderlin (1770-1843) gefeiert. Er hat nicht nur die klassische Epoche der deutschen Literatur und der Sprache geprägt, sondern wurde mit seinem Leben und Werk zum Synonym der Dichtung als solcher.

Hölderlin, um den sich viele Legenden ranken, besonders seit dem bei ihm 1807 eine unheilbare seelische Krankheit diagnostiziert wurde, war in seinen jungen Jahren in Tübingen zusammen mit den bekannten Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Georg Wilhelm Friedrich Hegel befreundet und ha mit ihnen zusammen studiert. Ihr Zusammenwirken wird als einer der wichtigsten Ausgangspunkte, des deutschen Idealismus, einer der wichtigsten geistigen Strömungen, die die europäische Kultur geprägt haben, betrachtet. In diesem Jahr begeht auch G.W.F. Hegel seinen 250. Geburtstag.
 

Der Freundschaftsbund Hegels und Hölderlins als philosophische Arbeitsgemeinschaft

Bis weit in die frühen sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein hätte die Rede von einer philosophischen Arbeitsgemeinschaft zwischen Hegel und Hölderlin Unverständnis hervorgerufen. Lange herrschte eine Sicht auf Hölderlin, die von den Vorstellungen des Kreises um Stefan George bestimmt war. Der Georgeschüler Norbert von Hellingrath hatte das Spätwerk des Dichters entdeckt und ediert. Stefan Georges quasireligiöse Vorstellung des Dichters als eines Religionsstifters, eines Sehers - gar eines Führers - bildete sich nicht zuletzt in der Rezeption einer Zentralidee Hölderlins in dessen späten Hymnen. In ihnen ist von einer Wiederkunft der Götter die Rede, die vom Dichter verkündet wird. Die Verhältnisse schienen demnach klar: Hegel war der Philosoph, Hölderlin der Dichter und Seher. Hier rationale Philosophie, dort eine religiös und prophetisch aufgeladene Poesie.
 
Nun hatte allerdings die Edition und philologische Aufarbeitung des Hölderlinschen Nachlasses zu Beginn des letzten Jahrhunderts auch Texte zutagegefördert, die eigenartig quer zu dieser Sicht der Dinge standen. Es handelte sich um - ziemlich kryptische - Fragmente offenbar philosophischen, und zugleich gattungstheoretischen Charakters: "Urteil und Sein"; "Über die Verfahrungsweise des poetischen Geistes"; "Über den Unterschied der Dichtarten"; "Über Religion"; "Das Werden im Vergehen". So lauten die Titel, die verschiedene Herausgeber diesen Notizen gegeben haben. Vor allem aber erwarb die Universitätsbibliothek Berlin 1913 auf einer Auktion ein Manuskript in der Handschrift Hegels, in dem der Philosoph Ernst Cassirer 1917 Ideen des frühen Schelling nachwies. Aber auch Parallelen zu andernorts niedergeschriebenen Überlegungen Hölderlins aus dem Umkreis seiner Zeit in Frankfurt und aus dem Zusammenhang der Arbeit an seinem Roman "Hyperion" waren unübersehbar. Spätestens seit der Hölderlin-Biographie Wilhelm Böhms von 1926 gilt Hölderlin neben Hegel und Schelling als Co-Autor des mysteriösen Texts, dem der Philosoph Franz Rosenzweig den Titel "Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus gegeben" hatte. Die Idee - und zugleich das Forschungsprogramm - des Philosophen Hölderlin war in der Welt. Germanisten und Philosophen begannen, ihn jetzt in seiner Rolle als Leser und Hörer Fichtes zu studieren, als Gesprächpartner Hegels und Schellings während der Ausarbeitungsphase des deutschen Idealismus um das Jahr 1800 herum.
 
Vollends in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde dieses Forschungsprogramm - angeregt von der Hölderlin-Biographie Lawrence Ryans von 1960 und durch Dieter Henrichs Aufsatzsammlung "Hegel im Kontext" von 1967 - zu einer Hauptbeschäftigung der Hölderlin-Philologie und hat eine Fülle von Untersuchungen und Publikationen hervorgebracht. Diese philosophisch-philologische cottage industry sah sich mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass sie sich, wie der damals schon emeritierte Fritz Martini 1979 nicht ohne einen mahnenden Unterton schrieb, auf philosophische Texte Hölderlins stützen musste, "die oft nur fragmentarisch hinterlassen und überliefert sind und bei denen keine Gewissheit gegeben ist, ob und in welcher Form er sie an die Öffentlichkeit zu bringen gedachte." Diese schwankende Materialgrundlage führte in der Folge dazu, dass die Hölderlin-Philologie in ihrem Bemühen, zu klären "was Hölderlin denn eigentlich in seinen Fragmenten habe sagen wollen" (so der Germanist Walter Hof in einem Buch aus dem Jahr 1954) sich in einem Strudel zunehmend esoterischer philosophischer Deutungen verloren hat. Viele Untersuchungen der Philosophie Hölderlins aus den achtziger Jahren lesen sich heute mindestens so rätselhaft wie ihr Gegenstand. Eine Deutungstradition hat das Werk, das sie erhellen wollte, in Wahrheit eher verdunkelt. 
 
Wenden wir uns in dieser Situation dem Verhältnis der beiden Geburtstagskinder Hegel und Hölderlin zu - beide wurden im Jahr 1770 geboren und feiern heuer ihren 250. Geburtstag - so ist allerdings unbestreitbar, dass sich beide in den Jahren vor der Jahrhundertwende des Jahres 1800 intensiv und parallel zueinander mit Philosophie beschäftigt haben. Allerdings mit sehr unterschiedlichen Resultaten. Hegel hat in jenen Jahren die konzeptionellen Grundlagen für sein Hauptwerk, für die "Phänomenologie des Geistes" erarbeitet. Mit diesem Buch wird er in die Weltphilosophiegeschichte eingehen. Hölderlins philosophische Überlegungen in diesen Jahren haben diese Resonanz nie gehabt. Ihre einzige Folge war der erwähnte Boom akademischer Untersuchungen in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Das liegt auch daran, dass er Philosophie, vor allem in seinen Fragmenten aus der Homburger Zeit nach 1798, als eine Art Hilfswissenschaft für poetologische, vor allem gattungstheoretische, Grundlagenforschung betrieben hat. Es scheint ihm darauf angekommen zu sein, seine Dichtung auf eine sichere philosophische Grundlage zu stellen. Bei diesem Bemühen ist eine esoterische philosophische Poetik entstanden, die freilich - anders als Hegels Hauptwerk - weder in der Geschichte der Philosophie noch in der Geschichte der Poetik Wirkungen gezeitigt hat. Sein philosophisch-poetologischer Ansatz ist eine Sackgasse geblieben, eine blind alley, wie man auf Englisch sagt. Nicht einmal sein eigenes Spätwerk seit 1800 zeigt Spuren seiner Homburger Konzeptionen: die Elegien verarbeiten in poetologisch eher traditioneller Weise die Enttäuschung über die Ergebnisse der Französischen Revolution. Und die auf diese Werkgruppe folgenden späten Hymnen verarbeiten innere Erlebnisse der Überwältigung und Auflösung - Vorboten der psychotischen Erkrankung, die ihn seit 1806 für den Rest seines Lebens zu einem Pflegefall machen würde. Die späten Texte konstellieren sich in einer Art protomodern aufgelöster Sprache um die Idee einer Wiederkunft der antiken Götter, die aus der modernen Welt verschwunden seien, jetzt aber in Hoffnung und Angst neu erwartet werden dürften. Auf diese Erwartung, Hoffnung und Auflösungsangst stützte die Georgeschule ihre Hölderlindeutung; denn sie war ihrerseits von millenarischer Göttererwartung umgetrieben.
 
In wiefern kann angesichts so unterschiedlicher Lebens-, Denk- und Schreibwege von einer philosophischen Arbeitsgemeinschaft des Dichters mit dem Philosophen gesprochen werden? Die Antwort führt in das Tübinger Stift, wo Hegel, Hölderlin und Schelling ein paar Jahre lang als angehende Theologen gemeinsam gelebt und einander beeinflusst haben. In diesem Milieu sind um 1790 zwei Denktraditionen virulent gewesen, aus denen Hölderlin, Hegel und Schelling in jeweils unterschiedlicher Weise etwas gemacht haben: Schelling und Hegel philosophische Bücher, die, (wie Marx über Hegel schrieb) "die Weltphilosophie" ihrer Zeit darstellen. Und Hölderlin philosophische Fragmente, die zwar nur noch von Akademikern gelesen werden, aber zugleich auch Poesie, die heute zum unverlierbaren Kanon der deutschen Literatur gehört.
 
Die erste dieser Denktraditionen (man könnte auch von Denkstilen, Denkmilieus oder von Milieus von den Stiftlern geteilter Gefühle sprechen) ist eine neoplatonisch getönte Sicht auf die platonischen Dialoge, die einerseits zum offiziellen Lehrstoff für angehende protestantische Geistliche gehörten, andererseits aber neuplatonisch interpretiert wurden - und das heisst: unter dem Aspekt einer Lehre, die seit den Kirchenvätern im Ruf theologischer Unzuverlässigkeit stand, fast im Ruf der Ketzerei. Michael Franz hat 2012 eine sehr gründliche Studie über den "Tübinger Platonismus" vorgelegt. Der Neuplatonismus hat das Bild einer dynamisch dreistufigen Struktur der Welt, des menschlichen Denkens und der Geschichte entworfen. Plotin und Proklus postulierten einen Anfangszustand ursprünglicher Einheit: das absolute, göttliche Sein, das allerdings nicht bei sich bleibt, sondern sich in einer zweiten Stufe in die Vielheit zerlegt, aus seiner Vollkommenheit in die widersprüchliche Wirklichkeit hinabsteigt und sich dort verliert. Die dritte Stufe ist der Wiederaufstieg aus der Wirklichkeit in die Einheit, die dadurch in einer sozusagen über die Wirklichkeit informierten zweiten Potenz wiederhergestellt wird. Die Parallele zur christologischen Heilsgeschichte ist offensichtlich: Gott begibt sich in die Welt, stirbt auf Golgatha und erlebt seine Wiederauferstehung.
 
Die zweite Denk- und Fühltradition, von denen die Stiftler umgetrieben waren, ist der schwäbische Pietismus gewesen. In diesem theologischen Milieu wiederum war eine Idee sehr wirkmächtig, die ebenfalls nicht zur lutherischen Orthodoxie passte und die in den USA in Form der unitarisch-universalistischen Kirche sogar eine institutionelle Form gefunden hat. Das ist die Vorstellung der Wiederkunft aller Dinge am Ende der Zeit, der Apokatastasis panton. Diese Vorstellung, die von Kirchenvätern in Alexandria an der Wende vom zweiten zum dritten Jahrhundert ausgearbeitet wurde - zum Beispiel durch Clemens von Alexandria, der ungefähr von 150 bis 215 n. Christus lebte und vor allem von Origenes (185 bis etwa 254), glaubt nicht an ein jüngstes Gericht in derjenigen Form, wie es die späteren Konzilien unter dem Einfluss Augustins in das christliche Glaubensbekenntnis hineingeschrieben haben. Sie lehren nicht die Scheidung der Bösen von den Guten am Ende der Zeit, nicht die ewige Aufteilung zwischen Himmel und Hölle. Sondern die Verwandlung auch des Bösen in das Gute im jüngsten Gericht, die Wiederkunft aller Menschen und Dinge in Gott - auch der Menschen und Dinge, die sich von Gott entfernt haben und die am Ende der Zeit wieder in das göttliche Absolute heimkehren. Die Ähnlichkeit der neuplatonischen Emanationslehre und der Vorstellung von der Wiederkunft aller Dinge am Ende der Zeit liegt auf der Hand. In beiden Denkmodellen begibt sich eine ursprüngliche Einheit in die Wirklichkeit, verwickelt sich in Widersprüche und kehrt dann wieder zu sich selbst zurück. Die Wiederkehr der Götter in Hölderlins späten Hymnen sind ebenso ein Echo des Tübinger Neuplatonismus wie die Handlung und die Personen seines Romans. Aber auch die Denkbewegung der "Phänomenologie" Hegels, die nacherzählt, wie sich das Absolute in die widersprüchliche Wirklichkeit seiner Gestalten zerlegt und im absoluten Wissen wieder zu sich zurückkehrt, verarbeitet - in hoher philosophischer Abstraktion - die neuplatonisch-pietistischen Tübinger Prägungen.  
 
Aus dem Stift begaben sich Hegel und Hölderlin zunächst in verschiedene Weltgegenden: Hegel nach Süden, in die Schweiz und Hölderlin nach Norden, auf eine Hauslehrerstelle in Waltershausen und nach Jena, wo er Fichte hörte, Umgang mit Schiller hatte, Goethe kurz kennenlernte und in das Milieu des frühen Idealismus und der Frühromantik eintauchte. Die Erinnerungen an den Tübinger Neuplatonismus verbanden sich für Hölderlin mit den Jenaer Anregungen. Nachdem er 1796 eine neue Hauslehrerstelle in Frankfurt antrat und dort wieder mit Hegel zusammentraf konnte er als Synthese dieser Prägungen und Anregungen, wie Dieter Henrich schrieb, "eine einfache, aber in ihren Möglichkeiten bedeutsame philosophische Theorie erwerben, in der die Situation des Menschen etwas so gedeutet wird: Er geht hervor aus einem einigen Grund, auf den er bezogen bleibt in der Gewissheit von den Voraussetzungen seines Daseins und der Idee von der Möglichkeit neuer Einigkeit. Zugleich ist er gebunden in eine Welt, die ebenso wie er dem Gegensatz entstammt. (...) Doch es begegnet ihm in ihr zugleich das Schöne, - eine Antizipation der Einigkeit, die er verloren hat und die er wieder herstellen soll. Indem er es liebend umfängt, verwirklicht sich ihm in Grenzen, was als ganze Wahrheit in unendlicher Ferne liegt."
 
Das Verhältnis zwischen der absoluten Einheit und der realen Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Welt ist bei Hölderlin also gelöst durch eine Art zweistufige Korrespondenztheorie: verlorene Einheit bleibt in der zerrissenen Wirklichkeit als Schönheit spürbar. Der in der Frankfurter Zeit entstehende Roman "Hyperion" macht die poetische Probe auf das philosophische Exempel: "Eines zu sein mit allem, das ist Leben der Gottheit (...) Eines zu sein mit allem, was lebt! Mit diesem Worte legt die Tugend den zürnenden Harnisch, der Geist des Menschen den Szepter weg, und alle Gedanken schwinden vor dem Bilde der ewigeinigen Welt". Da aber die realen Verhältnisse diese Vereinigung von Sittlichkeit und Sinnlichkeit, Gedanke und Bild, Welt und ewiger Einheit unmöglich machen, erscheint die Einheit in der Schönheit - die im Roman als Hyperions Geliebte und Muse Diotima poetische Gestalt annimmt.
 
Mit dieser - durch den Roman auch poetisch beglaubigten - Theorie machte Hegel in Frankfurt Bekanntschaft und man kann annehmen, dass in der gemeinsamen Frankfurter Zeit Hölderlin tatsächlich der Anreger, Mentor und Vordenker des Freundschaftsbunds gewesen ist. In Frankfurt kann man wirklich von einer philosophischen Arbeitsgemeinschaft zwischen Hegel und Hölderlin reden. Es war eine Arbeitsgemeinschaft, aus der Hegel sich jedoch zunehmend emanzipierte. Hegel erkannte, er müsse (wiederum in den Worten Dieter Henrichs): "Hölderlins Einsicht ganz anders explizieren als dieser selbst es vermochte, so dass erst der Anstoss durch Hölderlin mit dem Abstoss von ihm zusammengenommen Hegels frühen Weg zum System bestimmt haben. (...) Im Anschluss an Hölderlin und im Abstoß von ihm ist er zum Philosophen seiner Epoche geworden."
 
Worin bestand Hegels Einwand gegen Hölderlins Frankfurter Einsichten? Zunächst im Aufweis einer Denkunmöglichkeit, die allen Spielarten neuplatonischen Denkens anhaftet. Wenn die absolute Einheit der realen Welt, in die hinein sie sich aufgelöst hat, vorausliegt, ist schwer einzusehen, wie sie in der Welt des Widerspruch als Schönheit erscheinen soll. Oder, in einer glücklichen Formulierung Jürgen Habermas' in seinem kürzlich erschienenen Buch über das Verhältnis zwischen Religion und Philosophie: "wenn das Eine in der Mannigfaltigkeit des Seins Einheit stiftet, kann es nicht selbst als ein Seiendes, das heisst als Eines von Vielen gedacht werden." Aus diesem Dilemma, das Hölderlin durch den Enthusiasmus seiner Romanfiguren und ihrer Gespräche eher verdeckt als expliziert, fand Hegel in der Folge einen Ausweg, der das Denkmilieu der Frankfurter Arbeitsgemeinschaft weit hinter sich ließ und mit dessen monumentaler Entfaltung in der "Phänomenologie" er tatsächlich "Weltphilosophie" schrieb. Er machte das Absolute, die Substanz, die ursprüngliche Einheit zu einem Subjekt. Er behandelte sie wie ein lebendes, sich entwickelndes Wesen, das in widersprüchliche Abenteuer gerät und in ihnen etwas über sich selbst lernt. In seinem dialektischen System liegt die absolute Einheit nicht mehr in einem Jenseits vor der Welt, sondern sie realisiert sich in der Welt, nämlich als der Gang des Geistes von der einfachen Unmittelbarkeit bis zum vollendeten Wissen. Die Einheit liegt nicht der Welt voraus, sondern sie ist die Welt selber. Sie realisiert sich in den Widersprüchen und im Gang ihrer Auflösung. Die einander widersprechenden Erscheinungen des Geistes gehen in einander über. Das unmittelbare Sein reist durch verschiedene Gestalten hindurch bis zu seiner Verwandlung in absolutes Wissen - das eben in Hegels System erscheint. Das Wahre, erkannte Hegel, "ist nicht als Substanz, sondern ebensosehr als Subjekt" zu denken. Hegels "eigentümlicher Gedanke", mit dem er die Philosophie revolutioniert hat, besteht nach Dieter Henrich darin "daß die Relata in ihrer Entgegensetzung zwar aus einem Ganzen verstanden werden müssen, dass dieses Ganze ihnen aber nicht vorausgeht als Sein oder als intellektuale Anschauung - sondern daß es nur der entwickelte Begriff der Relation selber ist." In seiner "Phänomenologie" liegt der Begriff dieser Relation als eine Art Bildungsroman oder Autobiographie des objektiven Geistes vor. Mit dem Erscheinen dieses Buchs hatte sich, so Hegels Anspruch, das Absolute gleichsam selbst ausgesprochen.    
 
Mit diesem weltgeschichtlichen Gedanken hatte Hegel die Frankfurter philosophische Arbeitsgemeinschaft mit Hölderlin weit hinter sich gelassen. Aber auch ihre Freundschaft zerbrach. 1798 erschien der zweite Band des "Hyperion". In den September dieses Jahres fällt auch der Bruch mit der Familie Gontard - und vor allem mit seiner Geliebten Susette Gontard. Hölderlin zog sich tief traumatisiert nach Homburg vor der Höhe zurück und beschäftigte sich unter anderem mit seinen poetologischen Überlegungen, die vermutlich als geistige Grundlage für eine Karriere als freier Schriftsteller gedacht waren (die ihm nie gelungen ist). 1801 brachen Hölderlin und Hegel wieder in unterschiedliche Himmelsrichtungen auf: Hegel nach Jena, wo er seine akademische Karriere begann und Hölderlin zu neuen Hauslehrerstellen im Ausland, von denen er als psychisch zerstörter Mensch in die Heimat zurückkehrte. Nirgends in seinem Werk hat Hegel seinen Freund erwähnt - dem er doch in Frankfurt entscheidende philosophische Einsichten verdankte.
 
Es ist eine traurige Geschichte, die diese Skizze der philosophischen Arbeitsgemeinschaft zwischen Hegel und Hölderlin erzählt.  Es ist die Geschichte eines vergessenen philosophischen Impulses, der im gigantischen Gebäude des Hegelschen Systems umgeht wie ein unerlöster Geist. Hegels Triumph und Hölderlins Untergang lagen ein paar Jahre lang nah beieinander. Getröstet worden ist jenes Gespenst des vergessenen Einflusses Hölderlins auf Hegel erst im zwanzigsten Jahrhundert. Da erkannte die Georgeschule, dass Hölderlin - paradoxerweise gerade in seinem Scheitern - zwar kein grosser Philosoph geworden war, aber ein grosser Dichter - und ein Vorläufer der literarischen Moderne. Aber das ist eine andere Geschichte und sie muss ein andermal erzählt werden.    
 

Top