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Knjiga Vrtova 12.2020© pixabay

Buch der Gärten

Anlässlich der Verleihung des Gothepreises der Stadt Frankfurt, der im August 2020 an Dževad Karahasan verliehen wurde, haben wir in Zusammenarbeit mit dem BH Radio 1 die Audiofassung des Buchs: „Das Buch der Gärten“ aufgenommen. Das Buch wurde von Vahidin Preljević und Naser Šečerović gelesen. Das Werk können Sie sich auf unserer Webseite anhören. Die Links dazu finden sie unter dem Text.


Wir wünschen angenehmes Zuhören.
 

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Im Frieden – Mit wem?

Wie soll man Menschen von dem erzählen, was sie leben, wie soll man in der „Friedensstadt“ über Frieden laut nachdenken? In der Tat eine schwere Aufgabe. Vielleicht ist es am besten, mit einem Bekenntnis zu beginnen: Ich bin ein ausgesprochen verwunderter und verwirrter Mensch. Ich könnte nicht sagen, wann meine Verwunderung begonnen hat, wahrscheinlich mit meiner Geburt oder sogar davor, aber den Beginn meiner Verwirrung kann ich zeitlich ziemlich genau bestimmen. Unsere Lehrerin Zora erzählte uns, als ich in die zweite Grundschulklasse ging, vom Wasserkraftwerk Jablanica, einem der leuchtenden Beispiele für den Fortschritt in Bosnien und ganz Jugoslawien. Sie sprach von Häusern, die künftig von starken Glühlampen erleuchtet würden, von Kindern, die durch das Radio und nicht durch die analphabetische Großmutter gebildet würden, vom Fernsehen, das jedes Dorf mit der ganzen Welt verbinden würde; danach sprach sie über die Probleme, die während des Baus zu überwinden gewesen waren, über die dramatischen Frühlingstage, als der angeschwollene Fluss alles mit sich gerissen hatte, über die heroischen Anstrengungen der Erbauer und beendete den Unterricht mit dem exaltierten Ruf: „Und so hat der Mensch ein weiteres Mal die Natur besiegt!“
 
Gleich danach kündete die Schulglocke das Ende der Stunde und den Beginn meiner Verwirrung an. „Warum hat der Mensch die Natur besiegt?“, fragte ich mich auf dem Heimweg, „warum ist er überhaupt mit ihr in Wettstreit getreten?“ Die Natur war für mich das Lamm Tarzan, das ich liebte wie jedes andere Familienmitglied, vielleicht sogar ein bisschen mehr, weil ich mich mit ihm besser verstand als mit sonst irgendjemandem; die Natur waren die Äpfel im Garten hinter dem Haus, der Bach, in dem man auch baden konnte, wenn man ihn abteilte und so ein Bassin herstellte, die Natur waren die Brombeeren auf den Lichtungen des nahen Kiefernwaldes... „Warum sollte ich Tarzan oder den Bach besiegen “, fragte ich mich verwirrt, „warum sollte und wie könnte ich überhaupt mit ihnen in Wettstreit treten?“
 
Mit den Jahren verstärkte und vertiefte sich meine Verwirrtheit, die damals und so angefangen hatte. Eine der Grundlagen des Sozialismus war, wie wir wissen, der „wissenschaftliche Optimismus“, denn der Sozialismus verstand sich als Weltbild, das auf wissenschaftlichen Erkenntnissen gegründet und von der Überzeugung gekennzeichnet war, dass die Wissenschaft alle Probleme der Menschheit und der Welt lösen könne. Aber dieser „wissenschaftliche Optimismus“ war, um die Wahrheit zu sagen, nur eine Faszination von der Technik und ein blindes Vertrauen in sie, so dass der Mensch tagtäglich in allen jugoslawischen Medien mit neuen Wasserkraftwerken, Flughäfen, Tunneln und Brücken „die Natur besiegte“.  Ich bemühte mich ehrlich herauszufinden, worin unser Sieg über die Natur bestand, den wir in den Medien feierten, auf welcher Ebene und wie wir mit ihr wetteiferten, in was für einem Spiel und nach was für Regeln. Mir fiel nicht auf, dass ich in meinen Monologen und seltenen Gesprächen über dieses Thema in Wirklichkeit nur das alte Gespräch mit meiner Lehrerin Zora fortsetzte, mit dem meine Verwirrung begonnen hatte: „Wie können der Bach und ich wetteifern? Wie kann der Kiefernwald mich besiegen oder ich ihn?“ Doch nun beschäftigte ich mich nicht mehr mit der Natur, die ich in der Kindheit kennengelernt hatte, sondern mit der „Natur als Konzept“, die mir die Bücher, die ich las, die Bilder, die ich liebte, die Filme und Ideen, die mich begeisterten, beschrieben. „Ich wetteifere nicht mit dem Fluss, den ich abgeteilt habe, und noch weniger hat dieser mit mir gewetteifert“, dachte ich oder sagte ich den wenigen Gesprächspartnern zu diesem Thema. „Wir müssen einen ausreichend großen Fundus an gemeinsamen Eigenschaften haben, um miteinander in Wettstreit treten zu können, doch der Fluss und ich haben lediglich gemeinsam, dass wir fließen, beziehungsweise verfließen. Ein Agon jedweder Art ist nur dann möglich, wenn ein bestimmter Fundus an gemeinsamen Eigenschaften, Interessen und Gründen besteht.“
 
Mit der Zeit kam ich zu dem Glauben, unser, der menschliche „Sieg über die Natur“ sei lediglich ein scheinheiliger Euphemismus, welcher der Zerstörung, der Devastation und dem Missbrauch bloß einen schönen Namen geben solle, aber das half mir nicht, irgendetwas von unserem Verhältnis zur Natur, die wir weiterhin tagtäglich besiegten, zu begreifen. Die Gründe, Quellen und Mechanismen unseres Handelns blieben verborgen, wie sie es waren, als ich in die zweite Klasse ging. Erst vor zwanzig oder etwas mehr Jahren begann ich mögliche Erklärungen zu ahnen. Damals leitete ich nämlich im postgradualen Studiengang der Komparatistik den zweisemestrigen Kurs „Faust und Don Juan als Grundmythen der Moderne“. Bei der Vorbereitung auf die Vorlesung fiel mir auf, dass das Faust-Motiv in der europäischen Tradition ein Ort der Diskontinuität ist, ein Ort, der den Begriff des Wissens und dessen Rolle beim Aufenthalt des Menschen auf der Welt grundlegend verändert. Alle Menschen und alle literarischen Helden vor Faust erwarben Wissen, um mit seiner Hilfe die Welt zu verstehen, während Faust Wissen erwirbt, um sie zu beherrschen, was Fausts Zeitgenosse Francis Bacon mit der Behauptung „Wissen ist Macht“ explizit ausgedrückt hat. Das hat uns auch Goethe ganz klar gesagt. Er lässt seinen Helden Faust das Johannes-Evangelium übersetzen und zeigt bereits bei der Übersetzung des ersten Satzes (En arche en ho logos) den radikalen Bruch mit allem, was vorher war. In der Übersetzung von Faust ist „logos“ nicht Rede oder Wort, auch nicht das verborgene Gesetz, nach dem das Universum funktioniert, wie für Heraklit, auch nicht die Lehre, das Denken oder die Idee – Faust übersetzt das Wort „logos“ mit „Tat“ und zeigt dadurch, dass ihn weder die Reflexion noch das Verstehen der Welt, noch die korrekte Benennung der Dinge interessieren, ihn interessieren nur das Handeln, die Macht, die Wirkung.
 
Diejenigen, die meiner Deutung von Goethes „Faust“ keinen Glauben schenken, könnte vielleicht ein oberflächlicher Vergleich von Faust und seinem Vorgänger Theophilus überzeugen, dem ersten Christen, der mit seinem Blut einen Vertrag über den Verkauf seiner Seele an den Teufel unterschrieb (im sechsten Jahrhundert, wenn man Eutychian glauben darf). Theophilus verkaufte dem Teufel seine Seele, damit ihm dieser den Besitz und das gesellschaftliche Ansehen zurückgäbe, die Theophilus verloren hatte, weil er die christlichen Werte geachtet hatte (so stellt unter anderen der Troubadour Rutebeuf die Dinge dar, der im dreizehnten Jahrhundert ein ausgezeichnetes Mirakelspiel über Theophilus geschrieben hat.) Faust tut das Gleiche, verkauft also seine Seele dem Teufel, um unbegrenzte Macht zu erlangen – er will mitten im Winter Erdbeeren essen, will seine Scherze mit dem Papst treiben, zum Beispiel indem er unsichtbar an die päpstliche Tafel tritt und ihm seine Mahlzeit wegisst, er will jede Frau, die er begehrt, in sein Zimmer bekommen oder in das Zimmer jeder Frau, die er begehrt, versetzt werden, und zwar in dem Moment, wo er den Wunsch verspürt. Faust will sich also von Zeit und Raum lösen, denn wer mitten im Winter Erdbeeren isst, unterliegt nicht den Gesetzen der Zeit, ebenso wie der, welcher aus Deutschland im Nu nach Rom gelangt, nicht den Gesetzen des Raums unterliegt. Und wer nicht den Gesetzen von Zeit und Raum unterliegt, unterliegt auch nicht den Beschränkungen der Wesen im Diesseits – geradeso wie Gott und der Teufel frei sind von den Gesetzen der natürlichen Welt. Nachdem Faust diese Macht errungen hatte, löste er sich von der natürlichen Welt, erhob sich über sie oder wandte sich gegen sie, jedenfalls war er nicht mehr ein Teil der Welt (Verwalter, oikonomos), sondern etwas ganz anderes, sagen wir, Besitzer oder Herr (despotes). So verurteilte sich der „faustische Mensch“ zu einer ontologischen Einsamkeit: Er ist kein Geschöpf (Teil der Welt), er ist nicht Gott (Schöpfer) und nicht der Teufel, er ist etwas ganz anderes als alles, was man bis zu seinem Erscheinen kannte und sich vorstellen konnte.
 
            Ich glaube, das Verhältnis dieses neuen Menschen zur Welt zeigen deutlich die modernen Städte, die seit dem Barock erbaut worden sind. Diese Städte passen sich dem Terrain, auf dem sie entstehen, nicht an, sondern passen sich das Terrain an. Ihre Plätze besitzen eine regelmäßige geometrische Form, und die Straßen sind nach einem geometrisch regelmäßigen Modell gerade und geordnet angelegt. In der Struktur der Stadt, wie auch in der Form jedes einzelnen Bauwerks, dominiert das Prinzip der Symmetrie. Wir wissen gut, wie es auch die Erbauer dieser Städte wussten, dass die Geometrie und die Symmetrie nicht von dieser Welt sind und dass demnach all diese symmetrischen und geometrisch gleichmäßigen Formen nicht der natürlichen Welt angehören. Aber was ist damit? Ihre primäre Aufgabe ist, das Konzept des Baumeisters zu zeigen, und es ist erst ihre sekundäre Aufgabe, der wirklichen Welt anzugehören und der Aufenthaltsort einiger Menschen zu sein. Denn es handelt sich darum, dass der moderne Mensch die wirkliche Welt als Material betrachtet, mit dessen Hilfe er sein Konzept verwirklichen kann – indem er sie seinem Konzept anpasst, korrigiert der moderne Mensch die Welt, macht sie besser, macht sie existenzwürdig.
 
So haben, würde ich sagen, unsere „Siege über die Natur“ begonnen. Wir haben sie nicht im Wettkampf besiegt, die Natur hat nie und in nichts mit uns gewetteifert, sondern in einem nicht erklärten Krieg, den wir gegen die Welt führen. In der Folge unserer Siege haben wir viel erreicht: Wir haben das Wasser vergiftet, die Ozeane mit Plastik zugeschüttet, die Luft verschmutzt, den Boden vergiftet, mehr als die Hälfte der Tier- und Pflanzenarten ausgerottet, einen großen Teil des Planeten, auf dem wir leben, in einen Müllhaufen verwandelt... Wir haben die Welt zur Stummheit gebracht. „Nichts spricht mich mehr an“, notiert Walter Benjamin und beschreibt den Zustand der Welt/Natur in unserer Epoche als ausgesprochen traurig. Die ontologische Einsamkeit des modernen Menschen zeigt auch unser Friedensbegriff. Für uns ist Frieden nur die Abwesenheit von Krieg, beziehungsweise jeder Zustand, in dem die Armeen zweier oder mehrerer Staaten nicht zusammenstoßen. Wir können uns gar nicht vorstellen, dass man auch mit der Welt im Frieden sein könnte, sein müsste. Können wir überhaupt miteinander im Frieden sein, wenn wir nicht im Frieden mit der Luft und dem Wasser, mit den Bergen und Wäldern, mit den Vögeln und Fischen sind? Haben wir das Recht, auf Frieden unter uns zu hoffen, wenn wir in einem ständigen Krieg mit allem um uns herum sind? „Um glücklich zu leben, muss ich in Übereinstimmung sein mit der Welt“, notierte Ludwig Wittgenstein in seinem Tagebuch. Ich würde es wagen, diesen Gedanken zu paraphrasieren und zu sagen: „Um im Frieden zu leben, muss man zuerst im Frieden sein mit der Welt.“
 
Im Frieden mit sich selbst 
„Wir leben zwar nicht im Frieden mit der Welt, aber dafür leben wir auch nicht im Frieden mit uns selbst.“ So würde uns heute, nehme ich an, ein Zyniker trösten. Und auch darauf hat Goethe im „Faust“ hingewiesen.  Als er den Pakt mit Mephistopheles über den Verkauf seiner Seele unterschrieb, bestimmte Faust die Frist für die Übergabe: „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!“
 
      Goethes Faust ist sich offenbar der Tatsache bewusst, dass er sich verlieren wird, wenn er die Macht ergreift, die nicht nach menschlichem Maß ist, weil er sicher ist, sich nie mehr zu wünschen, dass ein Augenblick andauert und ihm erlaubt, ihn noch ein wenig zu genießen oder Atem zu holen und sich zu fragen, wo er ist, warum und wie. Das bedeutet, dass er kein Mensch mehr ist, weil man unseren, den menschlichen Aufenthalt in der Welt mit der Situation eines Schauspielers vergleichen kann, der ohne Erklärung und Vorbereitung auf die Bühne gestoßen wurde. Die Bühne ist beleuchtet, und die Zuschauer sind da, auch andere Schauspieler sind da, auf der Bühne, und er muss spielen, obwohl er nicht weiß, in was für einer Vorstellung und was für eine Rolle er spielen soll, er weiß nicht einmal, ob er eine Komödie oder eine Tragödie spielt, er weiß nicht, in welchen Beziehungen zu den anderen Gestalten er steht. Die Dinge verschlimmern sich noch, als er begreift, dass auch die anderen Schauspieler keine Ahnung haben, in was für einer Vorstellung sie auftreten und worum es in dieser Aufführung überhaupt geht – solange er gedacht hat, sie wüssten es, konnte er hoffen, sie würden ihm helfen, doch jetzt ist ihm klar, dass alle in gleicher Weise verloren sind. Gerade das ist unser Zustand in der Welt, weil wir ohne Probe, ohne Vorbereitung und ohne Souffleur ins Leben treten, der uns den richtigen Text zuflüstert, wenn wir vergessen, was wir sagen sollen oder etwas Falsches sagen. Eine wahre Erleichterung in dieser wahnsinnigen Vorstellung bringen uns die Augenblicke der Schönheit, des Genusses, der Atempausen, Augenblicke, die wir verlängern, anhalten, in der Erinnerung und im Empfinden behalten wollen. In solchen Augenblicken können wir uns nach uns selbst fragen, können wir etwas über die anderen Schauspieler, mit denen wir auftreten müssen, erfahren oder zumindest ahnen, können wir wenigstens versuchen zu verstehen, was wir spielen, und darüber nachdenken, wie wir die nächste Szene spielen sollen und dabei mit unserem Wesen im Einklang sind. Wer auf solche Augenblicke verzichtet, ist sicherlich kein Mensch, er weilt auf eine andere Weise in dieser Welt.
 
Wer sich nicht wünschen will oder kann, dass ein Augenblick andauert, hat sich auch von seinem pathetischen Wesen losgesagt, weil Emotionen, wie wir wissen, viel langsamer sind als der Verstand. Um eine Emotion zu erfahren, zu artikulieren und zu erleben, braucht der Mensch Zeit, braucht er es also, dass der Augenblick, in dem er etwas gefühlt hat, anhält und andauert. Ohne diesen verlängerten Augenblick verharrt die Emotion lediglich in der Andeutung. Und das Wesen, das ohne Emotionen in der Welt weilt, funktioniert vielleicht, lebt aber sicherlich nicht. Dieses Wesen kann sich nicht selbst begegnen, kann sich nicht selbst erleben, weil es nicht weiß, was wichtig, notwendig für es ist, was es begeistert, wonach es sich sehnt. Das könnte ein Wesen sein, das aus der rein denkenden Substanz besteht, bar der Gefühle und Erinnerungen, der Erfahrungen und des Körpers, bar aller Verbindungen mit der wirklichen Welt, etwas wie das cartesianische Konzept vom Menschen. Und das führt uns wieder zum Barock und zu dem etwas jüngeren Zeitgenossen von Faust Renatus Cartesius, der sich den erkennenden Menschen irgendwie so vorgestellt hat – als körperlose denkende Substanz ohne Verbindung mit der wirklichen Welt, die Maurice Merleau-Ponty zu Recht als Phantom bezeichnete. Daher kann, wer sich nicht zu wünschen vermag, dass ein schöner Augenblick andauert, sich nicht begegnen: Und wenn er fähig wäre, sich zu begegnen, hätte er kein Gegenüber, weil er ein Phantom ist.
 
Aber er kann auch anderen nicht begegnen, weil er der Träger beziehungsweise die Verkörperung von Macht ist, doch Macht macht einsam, isoliert, entfernt. Eine Begegnung spielt sich zwischen Gesprächspartnern ab, zwischen gleichberechtigten Menschen, die sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, während Macht hierarchische Beziehungen zwischen den Menschen herstellt. Dadurch bringt sich dieser Mensch um die Möglichkeit, sich zu freuen und sich kennenzulernen. Ohne die anderen gibt es keine Freude, Albert Camus hatte sicher Recht, als er bemerkte, dass dem Menschen Freude nur ein anderer bringen kann, ein Mensch, der sich über sich selbst freuen würde, wäre ein ausgesprochen originelles Exemplar seiner Art. Aber man kann sich ohne die anderen auch nicht kennenlernen, unsere Gesprächspartner bezeugen unsere Existenz und offenbaren uns unser Wesen. Das Bild, das ich in meinen Augen von mir habe, entspricht gewiss nicht der Wahrheit, erst der Blick anderer Augen auf mein Wesen enthüllt mir Inhalte, die ich nicht sehen konnte oder wollte. Natürlich entspricht auch das Bild, das meine Gesprächspartner in ihren Augen von mir haben, nicht der Wahrheit, ich erkenne und erfahre mich, indem ich die verschiedenen Bilder von mir vergleiche, das Bild, das ich von mir habe, und die Bilder, die mir die Augen meiner Gesprächspartner zeigen. Ohne Gesprächspartner werde ich mich gewiss niemals wirklich kennenlernen, ein Mensch begegnet sich garantiert nur in den Augen des anderen. Erst dann, wenn er sich begegnet und mit sich bekannt geworden ist, kann der Mensch im Frieden mit sich und der Welt leben. Wie soll ich im Frieden mit mir leben, wenn ich nicht weiß, mit wem?
Im Frieden mit anderen 
Nun kommen wir zu der Bedeutung, die „Frieden“ in unserer Zeit hat, nämlich zum Frieden als Gegenteil von Krieg. Wie kann man heute in unserer Welt, Frieden unter den Gemeinschaften schaffen? Gar nicht, weil „der Krieg der Söhne des Lichts mit den Söhnen der Finsternis“ in unserer Welt andauert, wie die dualistische Sekte der Essener den Zustand der Welt zu ihrer Zeit, im ersten Jahrhundert vor Christus, definierte. Und dieser Krieg endet, wie uns die essenische Schrift unter diesem Titel lehrt, erst am Ende der Zeit. Ich habe diesen Titel missbraucht, um den Zustand der Welt heute zu beschreiben, wobei ich darauf setze, dass ich einige wesentliche Unterschiede nicht eigens zu erklären brauche. Zum Beispiel, dass der essenische „Krieg der Söhne des Lichts mit den Söhnen der Finsternis“ religiös war, während unserer historisch oder ideologisch ist, so dass ihrer sich in allen Welten abspielt und unserer in dieser einzigen, zu der wir verurteilt sind; auch nicht jene Unterschiede, die aus diesem grundsätzlichen hervorgehen, zum Beispiel dem Unterschied zwischen zwei Formen des Dualismus.
 
Das ideologische Weltbild ist dualistisch, aber formal säkular, so dass es uns den Glauben und die Hoffnung an den endgültigen und zweifelsfreien Sieg der Gerechtigkeit und Wahrheit nicht geben kann, es verspricht uns nur Krieg ohne Ende. Wenn es keinen richtigen, „heißen“ Krieg gibt, bietet die Ideologie einen „kalten“, wenn es keinen bewaffneten Krieg gibt, bietet sie einen Krieg der Worte oder eine andere Form des Krieges ohne Waffen. Im ideologischen Dualismus stehen sich zwei Kollektive gegenüber, „wir“ und „sie“. Auf unserer Seite sind das Wahre, Gute und Schöne, daher würden „wir“ nichts Böses tun, selbst wenn wir es versuchten. Wenn wir ein anderes Land okkupieren, befreien wir es in Wirklichkeit; unsere Bomben und Raketen töten nur jene, die es verdient haben, so dass man auch dann nicht von unschuldigen Opfern sprechen kann, wenn wir eine Schule dem Erdboden gleichmachen und alle Schüler darin ermorden – das ist lediglich ein Kollateralschaden. Wir sind daher die Söhne des Lichts. Gegenüber „uns“ sind „sie“ die Söhne der Finsternis, bei ihnen stehen die Dinge genau umgekehrt, weil auf ihrer Seite die Lüge, das Böse und Hässliche sind. „Sie“ vernichten auch jenen, dem sie helfen, sie lügen auch, wenn sie fragen, sie könnten nicht einmal irrtümlich etwas Gutes tun. Sie leben im „Reich der Finsternis“, besiedeln „Die Achse des Bösen“ oder wie wir Redlichen „ihre“ unredliche Welt schon nennen. Wie kann man Frieden schaffen zwischen „uns“ und „ihnen“? Ich fürchte, gar nicht, denn je mehr wir jemanden hassen, desto wichtiger wird er für uns, und je länger wir mit jemandem Krieg führen, desto ähnlicher werden wir ihm.
 
Oder vielleicht kann man es doch, zum Beispiel durch die Erneuerung der ethischen Denkweise? Die Ethik würde uns darauf hinweisen, dass „sie“ und „wir“ auch schon bevor wir mit dem Krieg angefangen haben, etwas gemeinsam hatten, weil die Ethik einschließt, im Unterschied zur Ideologie, die ausschließt, und würde uns auch daran erinnern, dass die Unterschiede zwischen „uns“ und „ihnen“ nur auf der Basis unserer Gemeinsamkeiten Sinn und Bedeutung erhalten. Die Ethik schließt Verurteilung keineswegs aus, verlangt aber von uns, dass wir das, was wir verurteilen, kennenlernen und verstehen. Am Anfang des Kennenlernens könnten wir feststellen, dass auch „sie“ Menschen wie wir sind, sicherlich andere als wir, vielleicht weniger gut, aber doch Menschen. Das würde das weite Feld dessen eröffnen, was „wir“ und „sie“ gemeinsam haben, angefangen davon, dass auch „sie“ Eltern und Kinder haben, bis hin zu der Annahme, dass auch „sie“ etwas Gutes wollen wie „wir“, sie aber einen eigenen Weg zu diesem Guten suchen. Es ist wichtig zu betonen, dass der „ethische Blick“ auf den Gegner die Feindschaft nicht aufhebt und auch den Konflikt nicht beendet, er erlaubt uns nur nicht, unsere Verantwortung uns gegenüber zu vergessen, zum Beispiel gegenüber unserer Menschlichkeit, und dadurch auch gegenüber dem Gegner, der ebenfalls ein Mensch ist.
 
Gleich am Anfang der europäischen Kulturtradition gibt es ein eindrucksvolles Beispiel ethischen Denkens im Krieg. Es handelt sich natürlich um die Ilias, das Epos über den Krieg der Achaier/Hellenen und der Trojaner. Der Autor des Epos Homer verhehlt und vergisst nicht die Tatsache, dass er ein Achaier ist, die Geschehnisse werden aus der Perspektive der Achaier beschrieben, es besteht kein Zweifel, dass „wir“ hier die Achaier und „sie“ die Trojaner sind. Dennoch ist die schönste und emotionalste Episode des Epos der Abschied Hektors, des größten trojanischen Helden, von seiner Frau Andromache vor dem Zweikampf Hektors mit dem achaiischen Helden Achilles. Mit ihnen identifiziert sich der Leser emotional, sie versteht er am besten, in ihnen sieht er die wesentlichen Tugenden verkörpert, in ihrem Schicksal erkennt er die unvermeidliche menschliche Tragödie. Der Achaier Homer zeigt uns die menschliche Größe des Trojaners Hektor, des Helden des feindlichen Heeres. Doch der größte Held des achaiischen Heeres Achilles schändet nach dem Sieg im Zweikampf die Leiche Hektors auf barbarische Weise und hört erst auf, seine Wut an dem toten Feind abzureagieren, als er Scham empfindet; und die Scham empfindet er, als er die grauen Haare des Priamos, des Vaters von Hektor, vor sich sieht. Die Scham, die er vor dem Zeugen und Opfer seiner Barbarei empfindet, das Verständnis für den Schmerz des Vaters, die Erkenntnis, dass der Feind ein Mensch ist – das verwandelt Achilles und macht ihn zu einem wahren Helden.
 
Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, damit ein weiteres Beispiel für das ethische Denken im Krieg und die Rede über den Krieg zu verbinden. Aischylos nahm als Soldat im Kampf gegen die Perser teil, schrieb jedoch seine Tragödie „Die Perser“ aus der „persischen Perspektive“, indem er die Mutter des persischen Königs in den Mittelpunkt des Dramas stellte. Die Mutter, die ihren Sohn verliert, verkörpert mit ihrem Schicksal die Peripetie, den Übergang aus dem Zustand des Glücks in den Zustand des Unglücks oder umgekehrt, verändert sich, kommt zu einer grundlegenden menschlichen Erkenntnis, der Erkenntnis, die Achilles vor dem verzweifelten Vater gewann. Konnte Aischylos „Die Perser“ so schreiben, weil er mit Homers Ilias aufgewachsen war? Ich weiß es nicht, kann es nicht wissen, aber ich bin sicher, dass sein Aufwachsen mit Hektor, Priamos und Achilles ihm dabei geholfen hat, seine Tragödie genau so zu schreiben.
 
Im Frieden mit wem? 
Das ethische Denken führte nicht zum Frieden zwischen den Achaiern und den Trojanern, befriedete nicht die Perser und Hellenen, erweckte Hektor nicht zum Leben und rettete Priamos nicht. Aber es half ihnen, einander kennenzulernen, brachte sie zu wesentlichen menschlichen Erkenntnissen und legte so den Grundstein für einen möglichen Frieden, einen richtigen Frieden, keinen Waffenstillstand, weil er auf dem gegenseitigen Verstehen und Kennen der ehemaligen Feinde beruhen würde und nicht auf Ermattung und Erschöpfung, die ihnen nicht erlaubt weiterzukämpfen.
 
Ich vermute, dass Verzicht auf Macht keinem von uns helfen wird, die unsagbare Vielschichtigkeit des eigenen Wesens anzunehmen und im Frieden mit sich selbst zu leben. Aber er wird ihm helfen, sich anderen zu öffnen, sich von der Angst vor dem anderen Menschen zu befreien, sich kennenzulernen und in seinem Innern das zu entdecken, was er nicht hat sehen wollen, aber auch das, was er gerne akzeptieren würde, wenn es ihm zu sehen gelungen wäre. Und das ist eine ganz gute Grundlage für ein mögliches Leben im Frieden mit sich selbst. Ganz ähnlich weiß ich, dass unser Verzicht auf weitere Siege über die Natur die ausgestorbenen Pflanzen- und Tierarten nicht wieder zum Leben erwecken und auch den Millionen Menschen, die vor Durst sterben oder weil das Wasser verschmutzt ist, kein sauberes Wasser bringen wird. Aber er wird uns helfen, das zu erkennen, was unsere Alten gut wussten – wie schön und heilig es ist, ein Teil der lebendigen Welt zu sein, die kein Ende und keinen Anfang kennt. Und das ist zugleich eine der grundlegenden menschlichen Erkenntnisse, ohne die es nicht möglich ist, im Frieden mit der Welt zu leben.
 
Aber auch, wenn nichts von dem geschieht, haben meine Aufzeichnungen über den Frieden ihr Ziel erreicht, weil sie mich daran erinnert haben, dass Frieden der beliebteste Gruß in den semitischen Sprachen ist (salam im Arabischen und schalom im Hebräischen), dass die Franziskaner mit Frieden und Wohlergehen (pax et bonum) grüßen, mit einem Wort – sie haben mich daran erinnert, dass Frieden viel mehr ist als das, was wir heute unter Frieden verstehen. Und dadurch haben sie gezeigt, wie sehr wir gegen uns selbst und die Welt arbeiten, wenn wir unsere Sprache, die Hüterin unseres Geistes und Gedächtnisses, auf ein reines Mittel zur Verständigung reduzieren, einer immer oberflächlicheren Verständigung in einem immer engeren Rahmen. Frieden sei mit uns.


Dževad Karahasan ist bosnisch-herzegowinischer Schriftsteller und Akademiker.

© Text: Goethe-Institut Sarajevo, Dževad Karahasan

August 2020

 

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