Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Popkultur
Samosas, Sannyasins, Sitar: Indien und die Deutschen

Auch in Deutschland erfreut sich das Farbenfest Holi zunehmender Beliebtheit.
Auch in Deutschland erfreut sich das Farbenfest Holi zunehmender Beliebtheit. | © Creative Commons

Die Neugier auf östliche Spiritualität, Denk- und Lebensweisen zog nicht nur die Beatles in den 60er-Jahren nach Indien. Bis heute suchen und finden Menschen Inspiration und Erleuchtung in der indischen Kultur. Einige Elemente sind aus dem deutschen Alltag nicht mehr wegzudenken. Eine Momentaufnahme.

Von Helge Denker

Ende 2020 lebten knapp 151.000 Inder in Deutschland. Das sind, verglichen mit anderen Einwanderergruppen, eher wenige. Dennoch lässt sich ein Aufwärtstrend feststellen: Die Zahl der in Deutschland wohnenden Menschen mit indischer Staatsbürgerschaft hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht. Dafür hat auch die Green-Card-Initiative gesorgt, die viele indische IT-Fachkräften nach Deutschland holte.

Zwischen Religion und Alltags-Pop

Doch der Einfluss indischer Kultur auf die Popkultur Deutschlands begann nicht erst mit den Einwanderern. Spirituelle Strömungen, wie zum Beispiel die Hare-Krishna-Gruppe, gab es in Deutschland bereits Ende der 1960-Jahre. Diese Bewegung, von Abhay Charan Bhaktivedanta Swami Prabhupda 1966 gegründet, schwappte aus den USA nach Europa herüber und bescherte Deutschlands Fußgängerzonen die bekannten orangefarbene Gewänder und den eingängigen Hare-Krishna-Gesang.

Einen noch größeren Einfluss hatte die Bhagwan/Osho-Bewegung in den siebziger- und achtziger-Jahren. Osho, oder Bhagwan Shree Rajneesh, war ein indischer Philosoph und Begründer des Neo-Sannyas. In vielen Großstädten Deutschland machte er sich vor allem Dank der beliebten Bhagwan-Discos und -Restaurants einen Namen. Die hell erleuchteten Locations boten vielen Partygängern eine willkommene Alternative zu den herkömmlichen, eher schummrigen Kneipen und Clubs.

Sie erfreuten sich auch bei Nicht-Religiösen großer Beliebtheit. Bhagwans Jünger, die Sannyasins, trugen auffallende, rote Kleidung und oft eine Kette mit dem Bild ihres Gurus Bhagwan um den Hals. Zu ihren besten Zeiten gab es zwischen 30.000 bis 40.000 Sannyasins in Deutschland. Viele kamen aus gebildeten und besserverdienenden Schichten. Bis heute ist die Kombination aus westlicher Psychologie und östlicher Spiritualität in Deutschland gefragt. Die Nachfrage nach Oshos Lehren ist ungebrochen.

Yoga, Meditation, Ayurveda: Dreimal „Made in India“

Ob es das Interesse an neuen spirituellen Wegen oder der Reiz des Anderen ist, fest steht: Auch andere kulturelle Einflüsse aus Indien haben ihren Weg nach Deutschland gefunden und sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Zum Beispiel Ayurveda-Kuren und Yoga-Retreats, für die gestresste Großstädter viel Geld ausgeben, um zu entgiften und zu entschleunigen.

Der Siegeszug von Yoga, Meditation und Ayurveda in Deutschland ging einher mit den Erfolgen der frühen Anthroposophen Anfang des 20. Jahrhunderts. Rudolf Steiner begründete in Deutschland die Schule der Anthroposophie, eine Wissenschaft zum Verständnis von Natur, Geist und menschlicher Entwicklung. Zu ihr gehören auch meditative Übungen. Sie bildet bis heute die theoretische Grundlage der Waldorfpädagogik.

Den Anthroposophen folgte der Yoga-Boom, eine hinduistische Kombination aus ruhigen gymnastischen Übungen und Atemtechnik. Die aus Indien stammende philosophische Lehre bedeutet „Vereinigung“ oder „Integration“. Ihr Ziel ist die Selbsterkenntnis. In Deutschland werden unter Yoga oft nur die körperlichen Übungen verstanden – ohne Religion oder damit verbundener philosophischer Gedanken. Diese praktizierte Art basiert auf einer modernen Form, die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden ist, und heute auch mit der Übernahme westlicher esoterischer Ideen, westlicher Psychologie, physischen Trainings und wissenschaftlichen Annahmen verbunden ist.
Ende 2019 erklärte die UNESCO Yoga als „Immaterielles Weltkulturerbe“.

Ayurveda ist der jüngste „Exportschlager“ Indiens in Deutschland. Die traditionelle
Heilkunst wird auf dem Subkontinent als Heilmethode gelehrt. Im Westen setzt man Ayurveda meist für Wellness-Zwecke ein, was wiederum in Indien als Tourismus-Trend ankam. Entstanden ist sie Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. Der Koffer-Begriff stammt aus dem Sanskrit und setzt sich aus „Ayus“ (Leben) und „Veda“ (Wissen) zusammen. Die Kombination aus Erfahrungswerten und Philosophie, die sich auf die für menschliche Gesundheit und Krankheit wichtigen physischen, mentalen, emotionalen und spirituellen Aspekte konzentriert, kommt in Deutschland extrem gut an.

Holi, das bunte indische Frühlingsfest

Selbsterkenntnis und spirituell sportliche Streicheleinheiten für Körper und Seele sind das eine – die magische Vielfalt des Subkontinents das andere. Beides trägt zur Beliebtheit und Anziehung Indiens bei. Auch als Urlaubsziel für die Deutschen. 2020 zählte Statista 72.560 Ankünfte aus Deutschland, Tendenz steigend.

Wer noch nicht gereist ist, hat aber auch in Deutschland reichlich Gelegenheit, ein bisschen indischen Alltag zu schnuppern. Etwa bei indischen Festen. So wird das bunte Holi zum Frühlingsanfang schon seit vielen Jahren auch in Deutschlands Großstädten massenkompatibel gefeiert. Das Festival der Farben dauert im Original mindestens zwei, in einigen Gegenden Indiens auch bis zu zehn Tage und wird traditionell am ersten Vollmondtag des Monats „Phalgun“ (Februar/März) zelebriert. Ganz so ausgedehnt geht es in Deutschland nicht zu und auch den Daten folgen die Veranstalter eher weniger streng. Rotes Henna und buntes Farbpulver gehören aber auch hierzulande zum festen Angebot.

Indische Küche: Der beliebteste Botschafter des Landes

Die bekanntesten Botschafter Indiens mit dem wohl größten Einfluss auf den deutschen Alltag sind keine Schriftsteller*innen, keine Musiker*innen, Künstler*innen oder Politiker*innen. Es sind die Köch*innen in den indischen Restaurants. In den siebziger Jahren wurden Currys, Dals und Papadams in Deutschland beliebt, zunächst in den Großstädten, dann in fast jeder Kleinstadt. Die „Exotik um die Ecke” mit ihren Gewürzen, Yogi-Tees und Mango Lassis reizte die Deutschen, besonders nachdem das Essen entschärft und so dem deutschen Gaumen angepasst wurde.

Indien im Film: Nicht ohne Klischees

Schaut man auf Indien in Filmen, fallen einem zuerst die kreischbunten Bollywood-Filme ein, die mit viel Tanz und Gesang und mit allerlei Liebesleid und Liebesglück eine große Fangemeinde auch in Deutschland erobert haben und regelmäßig in hiesigen Kinosälen gezeigt werden. Daneben begeistern auch ernsthaftere Werke, etwa „Slumdog Millionaire”, „Lunchbox“, „Monsoon Wedding“und das nicht ganz klischeefreie „Best Exotic Marigold Hotel” das deutsche Publikum. In Berlin und Stuttgart haben sich zwei namhafte Filmfestivals etabliert, die vor allem das vielseitige Filmschaffen der weltweit größten Filmindustrie in den Fokus rücken. Jedes Jahr präsentieren sie dem Publikum eine sorgfältig kuratierte Auswahl an aktuellen Independent-Filmen in unterschiedlichen Sprachen, Traditionen und regionalen Bezügen.  

Weniger kompatibel als Filme aus Indien ist die traditionelle Musik, sie hat nur wenig Schnittmenge mit westlichen Hörgewohnheiten. Auch den Beatles auf dem Höhepunkt ihrer Popularität gelang es nicht, sie in die westliche Kultur zu integrieren. Die britische Band war im Februar 1968 ins nordindische Rishikesh gereist, um an einem Kurs für Transzendentale Meditation im Ashram von Maharishi Mahesh Yogi teilzunehmen. Der Besuch änderte die Einstellung des Westens zur indischen Spiritualität und förderte das Interesse an der Meditation. George Harrison brachte – beeinflusst von Ravi Shankar – indische Elemente, wie das Spielen auf der Sitar, in die Musik der Beatles ein („Norwegian Wood“, „Within You Without You“). Doch trotz Harrisons Popularität und seiner Benefizkonzerte für Indien und Bangladesh, bei denen er mit indischen Musikern wie Shankar auftrat, gelang der indischen Musik der Durchbruch in Deutschland nicht.

Viel stärker dagegen ist der historisch-politische Einfluss in Deutschland. Stichwort: gewaltloser Widerstand. Von Mahatma Gandhi erfolgreich gegen Indiens zum Teil gewalttätige Kolonialmacht England eingesetzt, spielte er für die Anti-Atom- Bewegung seit den achtziger-Jahren eine große Rolle. Die Ablehnung von Gewalt als Mittel der Politik ist noch heute bei Teilen der Grünen sehr präsent und wird dann wichtig, wenn es um die aktuelle Frage geht, ob ein Kriegseinsatz, zum Beispiel in der Ukraine, gerecht oder zumindest gerechtfertigt sein kann oder nicht.

Brücke zwischen östlicher und westlicher Weisheit

Indiens Kultur hat, wenn auch begrenzt, ihren Einfluss in Deutschland. Sei es als spirituelle Inspiration, durch Feste oder durch Essen, Filme und Musik. Viele davon allerdings in „entschärfter“, westlich angepasster Form. Wer echtes Indien erleben will, muss sich nach wie vor, ganz wie Hesses Siddhartha, auf die Reise begeben.
 

Top