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Reinhard Kleist: Havanna. A cuban journey© Reinhard Kleist (Ausschnitt)

Thomas Hummitzsch über "Havanna"
Die Revolution frisst ihre Kinder

2008 recherchierte der deutsche Comiczeichner Reinhard Kleist einige Wochen auf Kuba für seinen Comic über Fidel Castro. Nebenbei ist ein facettenreicher Reisebericht in Zeichnungen und Skizzen entstanden.


2008 reist Reinhard Kleist nach Kuba, um für seinen Comic über Fidel Castro zu recherchieren. Dabei entsteht auch das Reisetagebuch »Havanna«, das ganz in der Tradition der französischen »Carnet de Voyage« steht. Es versammelt Reiseeindrücke und Erlebnisse, stellt Menschen und Orte vor, berichtet von den Mühen und Entdeckungen vor Ort und gibt Einblicke in die Seelen- und Gemütslage des Zeichners.

Die steht natürlich im Kontext mit der ikonischen Figur der kubanischen Revolution, der Kleist hier eigentlich auf der Spur ist. Und je länger man in dem knapp 100 Seiten umfassenden Band blättert, desto stärker tritt Kleists inneres Hadern mit der kubanischen Wirklichkeit zutage. Bis er irgendwann an einem der allgegenwärtigen Porträts des Maximo Líder vorbeigeht und schnauzt »’ne schöne Revolution hast du da!«

Der in Berlin lebende Reinhard Kleist rechnet sich durchaus der politischen Linken zu. Für die Werte und Ideen der kubanischen Revolution hat er zweifelsfrei Bewunderung übrig. »Was allerdings daraus geworden ist, wirft Fragen auf«, betonte er bei einer Vorstellung seines Comics »Castro«. In diesem ist ihm auf kongeniale Weise eine Gratwanderung zwischen Realität und Fiktion gelungen, indem er die Geschichte der kubanischen Revolution verbunden mit einer im Kindesalter ansetzenden Biografie Fidel Castros von dem ausgewanderten deutschen Journalisten Karl Mertens erzählen lässt. Der Comic ist Mertens erzählte Geschichte, ein Leben in Bewunderung für Fidel Castro, die ihn aber auch einiges an Verlusten und Entbehrungen gekostet hat.

Karl Mertens ist wenn man so will Reinhard Kleists Marionette. Um nicht selbst zu erzählen und sich dem Vorwurf einer Tendenz auszusetzen, lässt er erzählen. »Castro« ist eine biografische Annäherung an den Maximo Líder und als solche auch das Dokument der Verwandlung einer Ikone zu einem Diktator. Zugleich hat die Revolution auch ein kostenloses Gesundheits- und Bildungssystem hervorgebracht – auch wenn man über dessen Qualitäten streiten kann. Schatten und Licht sind immer nah beieinander – auch und erst recht in Kleists Blick auf die kubanischen Verhältnisse.

Dies wird besonders gut sichtbar, wenn man den »Castro«-Comic neben das »Havanna«-Reisetagebuch legt. Es zeigt den Zeichner, wie er den Alltag der Menschen beobachtete, sich mit Passanten und Kindern unterhielt, mit Straßenmusikern die Nacht zum Tag machte und sich mit Dissidenten in Cafés traf. Seine Impressionen, Erlebnisse und Gespräche hielt er mit dem Bleistift in einem Skizzenbuch fest, das er mit zurück nach Berlin nahm und dort überarbeitete und ergänzte. Deshalb zieht sich durch den vorliegenden Comic dieser kubanischen Reise die Rahmenhandlung seines Aufenthalts unterbrochen von ganzseitigen Impressionen, Seiten mit schwarz-weißen Skizzen von Oldtimern oder Baseballspielern, mit szenischen Miniaturen und Straßenszenen in warmen Sepiatönen, unterbrochen von nüchtern formulierten und schlicht gesetzten Beschreibungen dessen, was da zu sehen ist.

»Havanna« ist ein abwechslungsreiches, stimmungsvolles und einfühlsames Reisetagebuch, eine atmosphärische Darstellung des Alltags in Kubas Hauptstadt. Darin hat Kleist nicht nur die zahlreichen Stadtimpressionen versammelt, sondern auch ganz unterschiedliche Zeichentechniken angewendet. Neben Bleistiftskizzen finden sich Tinten- und Tuschebilder in schwarz-weiß und Farbe. Derart inszeniert ist der Comic in erster Linie ein Beleg der künstlerischen Klasse des Berliner Künstlers. In diesem Stilmix unterscheidet sich »Havanna« ganz wesentlich von seinen biografischen Comics (»Cash – I see a darkness«, »Castro«, »Der Boxer«, »Der Traum von Olympia«, »Nick Cave – Mercy on me« und zuletzt »Knock Out«)

Reinhard Kleist ist einer der besten deutschsprachigen Comickünstler, notabene ist er auch als solcher mit dem entsprechenden Max und Moritz Preis ausgestattet. Mit seinen inzwischen 16 Comics hat er mehr als ein Dutzend verschiedene Preise abgeräumt. Ihm ist es sogar gelungen, für alle drei wichtigen amerikanischen Comicpreise – den Eisner, den Harvey und den Ignatz Award – nominiert zu werden.

Reinhard Kleist spart weder in seinem Reisetagebuch noch in »Castro« mit Kritikwürdigem: Er hält mit den katastrophalen Zuständen im Kuba unter und nach Castro nicht hinterm Berg. Er zeigt die willkürliche Verfolgung politischer Gegner ebenso wie die leeren Regale in den Supermärkten. So wird unumwunden deutlich, dass die Revolution in Kuba ihre Kinder frisst und ihnen ihre Zukunft stiehlt. Kleist selbst verbietet sich, über die politischen Verhältnisse und Castros Werdegang ein Urteil zu fällen. Er nimmt es seinen Lesern nicht ab, sich selbst mit der Person Fidel Castro, dem Projekt der kubanischen Revolution und ihren verheerenden Folgen auseinanderzusetzen. Wer einfache Antworten will, wird sie in keinem der beiden Comics finden. Gerade das macht diese Bände in ihrem Zusammenspiel so wertvoll.

Reinhard Kleist: Havanna. Carlsen-Verlag 2008. 96 Seiten. 19,90 Euro
Reinhard Kleist: Castro. Carlsen-Verlag 2010. 280 Seiten. 19,90 Euro

 

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