Berlinale 2021
Streaming-Berlinale am Puls unserer Zeit

„Bad Luck Banging or Loony Porn“ von Radu Jude, Goldener Bär für den Besten Film, Berlinale 2021
„Bad Luck Banging or Loony Porn“ von Radu Jude, Goldener Bär für den Besten Film, Berlinale 2021 | Foto (Detail): © Silviu Ghetie / microFilm

Der erste Online-Wettbewerb der Berlinale setzt auf starkes Gegenwartskino. Der Gewinnerfilm trifft den Nerv unserer Befindlichkeit.

Der Rumäne Radu Jude kommt in Bad Luck Banging or Loony Porn sofort zur Sache: Ein Home-Movie zeigt die Lehrerin Emi und ihren Mann im heimischen Schlafzimmer beim Sex. Unbeabsichtigt und über Umwege landet das Handy-Video auf einer Hardcore-Pornoseite im Netz. Der Skandal ist vorprogrammiert, es hagelt Proteste seitens der Elternschaft. Bad Luck Banging or Loony Porn wurde im Sommer 2020 in der rumänischen Hauptstadt gedreht: Bukarest ist von der Pandemie geprägt, die Menschen im Film tragen Masken, es ist von Jobverlusten die Rede, eine spürbare Gereiztheit liegt in der Luft.

Schon früh war Regisseur Radu Jude, Jahrgang 1977, ein Favorit auf den Hauptpreis. Dass der Goldene Bär nun tatsächlich an den einzigen Wettbewerbsbeitrag geht, in dem die Pandemie sichtbar Thema ist, bringt diese Corona-bedingte Online-Festivalausgabe nochmals auf den Punkt.

„Bad Luck Banging or Loony Porn“ von Radu Jude, Goldener Bär für den Besten Film, Berlinale 2021
„Bad Luck Banging or Loony Porn“ von Radu Jude, Goldener Bär für den Besten Film, Berlinale 2021 | Foto (Detail): © Silviu Ghetie / microFilm

„Kraft aus der Situation schöpfen“

Auf 100 Filme wurde das Berlinale-Programm reduziert, 15 Produktionen liefen im Wettbewerb, anzuschauen waren sie nur per Online-Stream und von einem akkreditierten Fachpublikum. Alle Wettbewerbsbeiträge sind während der Pandemie entstanden oder postproduziert worden. Es sei den Regisseurinnen und Regisseuren gelungen, „Kraft aus der Situation zu schöpfen und zutiefst persönliche Filme zu kreieren“, hatte Festivalleiter Carlo Chatrian bei der Programmbekanntgabe betont.

Komplexes Triptychon

Ein solcher Film ist geradezu beispielhaft auch Bad Luck Banging or Loony Porn. Jude, der 2015 mit Aferim! einen Silbernen Bären gewann, hat aus dem simplen Homevideo-Stoff ein komplexes Triptychon gesponnen, das vieles zugleich ist: eine essayistische historische Reflexion und eine ad absurdum geführte Debatte über moralische Heuchelei. Und natürlich spiegelt die schräge Satire auch gegenwärtige Befindlichkeiten, in denen die Pandemie vorhandene Spannungen verstärkt. Das Werk mag mit seinem überdrehten Ton und der stilistischen Kolportage kein filmisches Meisterwerk sein. Als im wahrsten Sinne des Wortes virulentes Gegenwartskino hat der Film den Goldenen Bären allemal verdient.

Seismografen persönlicher Befindlichkeiten

Ein Kino am Puls der Zeit, Stimmungsbilder, flüchtige Momentaufnahmen – das sind auch die Filme von Hong Sangsoo und Ryusuke Hamaguchi. Sie erzählen ihre Geschichten allerdings behutsamer und weniger plakativ. Wheel of Fortune and Luck  (Großer Preis der Jury) des Japaners Hamaguchi zeichnet in fein konstruierten Episoden schicksalhafte Zufallsbegegnungen nach. In der koreanischen Produktion Introduction folgt Hong Sangsoo einem jungen Mann auf seiner Reise von Korea nach Berlin. In stilbewussten Schwarz-Weiß gedreht, ist das melancholische Drama mit 66 Minuten der kürzeste Beitrag des Wettbewerbs. Zwar ist Introduction nicht Hongs bester Film. Der Silberner Bär für das beste Drehbuch ist dennoch eine angemessene Würdigung für den Meister der reduzierten Erzählweise.

Genderneutrale Schauspielpreise

„Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader, mit Maren Eggert, Silberner Bär Beste Hauptrolle, Berlinale 2021
„Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader, mit Maren Eggert, Silberner Bär Beste Hauptrolle, Berlinale 2021 | Foto (Ausschnitt): © Christine Fenzl
Zukunftsweisend ist die Entscheidung der Berlinale, 2021 erstmals genderneutrale Darstellungspreise zu verleihen. Dass die neuen Kategorien „Beste Hauptrolle“ und „Beste Nebenrolle“ nun die klassischen Schauspielpreise für Männer und Frauen ersetzen, stieß auch auf Protest: Frauen könnten dadurch stärker benachteiligt werden, als sie es im Filmgeschäft sowieso schon sind. Doch solche Befürchtungen hat die Jury der diesjährigen Festivalausgabe ausgeräumt: Die Beste Hauptrolle ging an Maren Eggert, die in Maria Schraders Sci-Fi-Komödie Ich bin dein Menschvon ambivalenten Gefühlen zu einem Humanoiden gebeutelt wird. Und auch für die beste Nebenrolle wurde eine Frau ausgezeichnet, Lilla Kizlinger die in der ersten Episode von Bence Fliegaufs Forest – I See You Everywhere einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

Filme jenseits des Mainstreams

„Herr Bachmann und seine Klasse“ von Maria Speth, Silberner Bär Preis der Jury, Berlinale 2021
„Herr Bachmann und seine Klasse“ von Maria Speth, Silberner Bär Preis der Jury, Berlinale 2021 | Foto (Ausschnitt): © Madonnen Film
Einer der schönsten und optimistischsten Wettbewerbsbeiträge kommt aus Deutschland: Herr Bachmann und seine Klasse (Preis der Jury) von Maria Speth ist die Langzeitbeobachtung eines ungewöhnlichen Pädagogen und seiner multikulturellen Schulklasse. Der Dokumentarfilm begleitet den fast 65-jährigen Bachmann durch seinen Unterricht, der viel mehr ist als klassische Vermittlung von Lehrstoff, sondern ein lebendiger Dialog mit den Schülerinnen und Schülern. Mit seinen liebevollen Beobachtungen und seinem Humor ist der Film ein ermutigender Kommentar zur Integrations- und Bildungsdebatte in Deutschland.

Zwar bleibt es schwer nachvollziehbar, warum herausragende Beiträge wie Dominik Grafs Kästner-Verfilmung Fabian Oder der Gang vor die Hunde oder die entrückte Romanze Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? von Alexandre Koberidze bei der Preisvergabe unberücksichtigt blieben. Doch die sechsköpfige Jury um Mohammad Rasoulof, Ildikó Enyedi, Gianfranco Rosi, Nadav Lapid, Adina Pintilie und Jasmila Žbanic hat vieles richtig gemacht, und mit ihren Entscheidungen gerade auch Filmen jenseits des Mainstreams den Weg auf die Kino-Leinwand erleichtert.

Freude auf die Sommer-Berlinale

Kaum ist das Online-Event vorbei, laufen schon die Vorbereitungen für das Publikums-Festival im Juni auf Hochtouren. Die Berlinale ist bereits in Verhandlungen mit den Berliner Filmtheatern, auch Open-Air-Veranstaltungsorte sollen dabei sein. Wenige Festivalleiter in der 71-jährigen Geschichte der Berlinale hatten mit solchen Widrigkeiten zu kämpfen wie Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian in ihrem zweiten Amtsjahr. Doch ihre viel diskutierte Entscheidung, den Filmmarkt im März zu situieren, war richtig. Die Online-Ausgabe habe für ein Fachpublikum gut funktioniert, bilanzierte Rissenbeek nach Festivalende. Einige Filme seien bereits nach Nordamerika und in andere europäische Länder verkauft worden.

Wir können uns derweil auf die Sommer-Berlinale freuen, wenn sich der Vorhang endlich auch für das große Publikum hebt. Dann wird das Festival hoffentlich wieder so, wie wir es seit Jahrzehnten in Berlin kennen: mit rotem Teppich, internationalen Stars, glanzvoller Preisverleihung – und vor allem mit vielen anderen zusammen im Kino. Denn auch dafür war diese Streaming-Ausgabe gut: Sie hat Lust darauf gemacht, sich die Filme gemeinsam auf der großen Leinwand anzuschauen.
 

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