Edgar Reitz über „Die andere Heimat“ Weggehen und zurückkehren

Edgar Reitz
Edgar Reitz | Foto (Ausschnitt): © Edgar Reitz

Seit dem 3. Oktober 2013 läuft „Die andere Heimat. Chronik einer Sehnsucht“ von Edgar Reitz in den deutschen Kinos. Im Interview erzählt der Regisseur, was der Begriff Heimat für ihn bedeutet und wie der „Heimat“-Zyklus sein Leben beeinflusst hat.

Herr Reitz, Heimat ist das zentrale Thema in Ihrem Werk. Wo finden Sie Ihre Heimat? In der Kunst?

Ja, eher als in der Wirklichkeit. Wenn ich den Begriff Heimat als etwas Reales, Historisches, Soziales ansehe, dann ist das etwas sehr Fragwürdiges und Zerbrechliches, oder auch für die meisten Menschen etwas Verlorenes. Man kann Heimat in der Realität nicht besitzen, das kann man sehr schön erläutern an dem Beispiel: Wie ist denn das, wenn ich irgendwo ein Haus habe – ist der Garten des Nachbarn auch noch meine Heimat? Oder die Straße vor meiner Haustür? Wenn der Nachbar mir nicht gut gesonnen ist, dann darf ich die Hecke nicht schneiden, die zu mir über den Zaun wächst. An so einem Beispiel spürt man sehr leicht, wo die Heimat als etwas Reales endet. Heimat kann man nicht besitzen, aber man kann sie in der Erinnerung oder als Bruchstücke der Erinnerung in der Kunst haltbar machen. Was man verloren hat, kann man durch Kunstwerke wieder einsammeln.

Wann hat Ihre Beschäftigung mit dem Thema „Heimat“ denn wirklich begonnen?

Ich bin jetzt 80 Jahre alt. Das ist ein Alter, in dem man anfängt, ein bisschen zurückzublicken. Da merke ich, dass ich schon immer auf demselben Weg gewesen bin. Von Anfang an. Das gesteht man sich in einem bestimmten Lebensalter nicht gerne ein, man möchte immer wieder jemand sein, der sich frei entscheiden kann und der viele Optionen hat und seinen Horizont permanent selber gestaltet; doch es ist dann beinahe schockierend, zu sehen, dass man sich von seinem ersten Tag an im Grunde immer in den selben Zirkeln, Spiralen um irgendeinen Kern herum bewegt hat. In meinem Fall ist es immer das Weggehen und das Zurückkehren. Das kann man in allen meinen Filmen finden. Heimat spielt dann eine gewisse Rolle; Weggehen und Wiederkommen berühren immer wieder das Thema Heimat.

Der zentrale Schauplatz in „Die andere Heimat“ ist wieder Schabbach im Hunsrück – eine Fiktion. Ist das so ein Ort, den Archimedes einst wollte, um die Welt aus den Angeln zu heben?

Schabbach ist ein bisschen außerhalb, aber ob man damit die Welt aus den Angeln heben kann, das ist zweifelhaft. Ich glaube nicht, dass ein Filmemacher durch sein Werk die Welt aus den Angeln heben kann, das ist sehr hoch gegriffen.

Ist Schabbach ein magischer Punkt, der in die Wirklichkeit drängt?

Dieser fiktive Ort beginnt, in der Realität nachzuwachsen. Das hatte ich überhaupt nie geahnt: dass die Poesie oder poetische Geschöpfe die Tendenz haben, real zu werden. Also Schabbach, ein fiktiver Ort, verwandelt sich mehr und mehr in einen realen Ort. Wenn man heute in den Hunsrück kommt und fragt, wo ist Schabbach, führen dich die Leute da hin. Sie führen dich an fünf verschiedene Orte, aber sie sagen alle, der jeweilige Ort sei Schabbach. Das ist genauso passiert mit dem Günderode-Haus aus Heimat 3; das ist bis auf den heutigen Tag ein Ausflugsziel an den Hängen des Rheins; da kommen 100.000 Besucher jedes Jahr. Und der Friedhof von Schabbach wird von Touristen immer noch besucht, die kommen aus England und aus Australien und besuchen die Gräber der Simons. Die fiktiven Filmgräber werden von der Gemeinde gepflegt. Da wächst sozusagen, die Realität in die Poesie hinein und nicht umgekehrt, wie man immer gedacht hätte.

Wie weit haben Sie die drei Jahrzehnte Beschäftigung mit „Heimat“ verändert?

Schwer zu sagen. Man weiß von sich selbst weniger als irgendjemand anderer. Einen gewissen Kurzschluss gibt es natürlich dadurch, dass ich immer Heimat im Titel geführt habe. Und das hätte nicht sein müssen; wenn ich diese 30 Filme einzeln betrachte – und es sind ja 30 abendfüllende Filme von jeweils mindestens zwei Stunden Länge – dann hat jeder sein eigenes Thema, und ich hätte jedem einen eigenen Titel geben können. Aber das Wort „Heimat“ wurde derart zur Klammer, zum Markenzeichen und später sogar zum Türöffner für mich. Also dieser jüngste Film hätte nicht Heimat heißen und nicht in Schabbach spielen müssen. Ich habe das dorthin verlegt und „Heimat“ in den Titel genommen, und flupsch, war das Projekt zu finanzieren.
 

Sie haben mal erzählt, dass eine Fernsehredakteurin zu Ihnen gesagt habe: „Sie können alles machen, nur keinen Reitz-Film.“

Ja, das war bei der Heimat 3, aber dieser neue Film ist in großer Freiheit entstanden. Wenn er Mängel hat, liegen die in mir. Ich kann mich hier über keinerlei Einmischung beklagen. Das ist auch kein Fernsehfilm, das Fernsehen war kaum beteiligt an der Herstellung, und ich habe keinen Redakteur zu Gesicht bekommen in dieser Zeit. Alle diese Befürchtungen sind in diesem Falle nicht eingetroffen. Als ich mich entschlossen hatte, die Geschichte im Hunsrück zu drehen, in dem fiktiven Dorf, merkte ich, dass ich mich da in einem Terrain bewege, über das ich sehr gut Bescheid weiß. Es gab noch einen weiteren Grund: Wenn eine Geschichte in 19. Jahrhundert spielt, dann kann man nicht mehr auf Motivsuche gehen, so was findet man nicht mehr. Es gibt keine Schauplätze, die vollkommen unverändert jenes Jahrhundert repräsentieren, zumindest nicht im Milieu der armen Leute. Wenn eine Geschichte auf Schlössern spielte, dann ginge das. Die Reichen haben immer ihre Milieus vererben können, arme Leute nicht. Das Leben der Armen ist verloren für alle Zeiten, und das mussten wir für den Film nachbauen. Das gesamte Set ist Filmbau, und deswegen bewegen wir uns hier in einem von vornherein fiktiven Raum. Den kann ich dann auch Schabbach nennen.

Könnten Sie sich denn vorstellen, einen Film zu machen, der nicht von einer vergangenen Heimat erzählt, sondern nach einer künftigen sucht und vielleicht im Jahr 2050 spielt?

Kann ich mir nicht vorstellen. Da müsste ich mich zum Propheten und zum Spekulanten machen, zu einem, der utopische Dinge umsetzt und den Film benutzt, um theoretische Ansichten, Hoffnungen oder Ängste zu bebildern; das interessiert mich nicht. Da bewege ich mich dann sofort auf dem Gebiet der Spekulation, ich würde an meinen Bildern nicht mehr überprüfen können, ob sie dem Leben nahe kommen.