Richard Wagner Geliebt und gehasst

Der deutsche Komponist Richard Wagner (hier um 1862) revolutionierte die Oper. Porträt von Cäsar Willich (Ausschnitt)
Der deutsche Komponist Richard Wagner (hier um 1862) revolutionierte die Oper. Porträt von Cäsar Willich (Ausschnitt) | © Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, Foto: Jean Christen (Ausschnitt)

Richard Wagner – 1813 geboren in Leipzig, gestorben 1883 in Venedig – spaltete schon zu Lebzeiten die Gemüter. Umstritten ist Wagner bis heute. Seine Bedeutung dagegen nicht: Er hat die Operngeschichte beeinflusst wie kein anderer Komponist vor ihm.

Den einen dienten Wagners Erlösungsdramen Tristan und Isolde oder Parsifal als Narkotikum, sie pilgerten in abgöttischer Verehrung ihres Meisters nach Bayreuth. Als „Wagnerianer“ schafften sie es bis in den deutschen Duden. Andere, wie etwa der berühmte Musikkritiker Eduard Hanslick (1825–1904), verachteten Wagners Musik als „verrottete Gefühlsästhetik“ oder sahen später in ihm wegen seiner antisemitischen Hetze und anderer Entgleisungen einen Vorreiter nationalsozialistischen Gedankenguts.

Legende zu Lebzeiten

„Gleichgültig, wo man ist“, klagte etwa Karl Marx 1876, „man wird immer mit der Frage gequält: Was denken Sie über Richard Wagner?“ Damals stand Wagner am Zenit seines Einflusses. In seinem eigens für diese Zwecke gebauten Opernhaus in Bayreuth veranstaltete er im August 1876 erstmals die Bayreuther Festspiele. Dort werden bis heute ausschließlich seine eigenen Werke gespielt. Zur Eröffnung des Festspielhauses gab es die erste Gesamtaufführung seiner Tetralogie Der Ring des Nibelungen. 16 Stunden Musik, aufwendig inszeniert, verteilt auf vier Abende – eine Revolution des Musiktheaters, zudem Wasser auf die Mühlen derer, die eine deutsche Nationaloper forderten. Als Vorspiel gab es Das Rheingold. Es folgten Die Walküre, Siegfried und Götterdämmerung.

Wagner war am Ziel. Das Großprojekt hatte ihn seit 1848 beschäftigt: die Vorarbeiten, das Schreiben der Libretti, die Komposition, das Eintreiben des Geldes für die Verwirklichung. Aber Wagner war von seinem kompositorischen Genie überzeugt. Er wollte die Welt als künstlerischer Heilsbringer von ihrer in seinen Augen „dekadent“ dahinsiechenden Opernkultur erlösen. Auch was seine Ehen mit Minna Planer und Liszt-Tochter Cosima von Bülow angeht: Nichts bedeutete Wagner mehr als seine schöpferische Tätigkeit. Die ließ den eher schmächtigen und kleinen Mann durchhalten in so mancher desolaten Lebenssituation, von denen es genug gab.

Kapellmeister auf der Flucht

Denn zwischen seinen Engagements als Kapellmeister – in Magdeburg (1834–36), Königsberg (1837), Riga (1837–39), Dresden (1843–49) – war Wagner immer wieder auf der Flucht: mal vor Gläubigern wegen Schuldenbergen, weswegen er 1839 bis 1842 in Paris festsaß. Mal zwang ihn 1849 seine Beteiligung an der gescheiterten Dresdner Mai-Revolution zur Flucht in die Schweiz. Erst 1862 wurde Wagner amnestiert und konnte ins Deutsche Reich zurückkehren. Dass seine Opern Tannhäuser und Lohengrin in den 1850er-Jahren von fast allen deutschen Opernbühnen gespielt wurden, brachte Wagner keinen finanziellen Gewinn. Ein Urheberrecht existierte damals nur in Ansätzen. Doch 1864 geschah ein Wunder: Der frisch gekrönte bayerische König Ludwig II. rettete den mittellosen Künstler aus seinen prekären Lebensumständen. Der glühende Wagner-Verehrer rief ihn nach München an seinen Hof, kam für seine Schulden auf. Erstmals war Wagner frei von Geldsorgen und konnte sich auf sein Werk konzentrieren.

Wagners Musikdrama – ein revolutionäres Konzept

Bis zu seiner Oper Lohengrin, uraufgeführt 1850, entsprachen Wagners Bühnenwerke noch in großen Teilen den Konventionen. Mit dem Ring aber verwirklichte er das revolutionäre Konzept seines Musikdramas, das als Gesamtkunstwerk Dichtung, Bühnendarstellung und Musik vereinen sollte. Wagner hatte seine künstlerischen Ansprüche bereits theoretisch vorformuliert in vieldiskutierten Schriften wie Oper und Drama (1851). Zukunftsweisend war der Ring zunächst in der engen Verbindung von Musik und Text. Für beides zeigte sich Wagner selbst verantwortlich. In seiner betont archaisierenden Dichtung verzichtete er auf traditionelle Reimschemata und griff auf den altgermanischen Stabreim zurück.

Eine eigene mythische Welt

Wagner bezog sich im Ring auf den Stoff des Nibelungenliedes, einer um 1200 anonym verfassten Heldensage, die in der Romantik zum deutschen Nationalepos avanciert war. Aber er nahm sich auch den isländischen Epos Edda, die skandinavische Wälsungensage und die deutsche Nibelungen-Volkssage vor und baute sich aus dieser Mixtur eine eigene mythische Welt. Eine, in der Helden und Götter im Kampf um Besitz und Macht und im Konflikt zwischen Freiheit und Gesetz sich selbst oder andere umbringen und auch vor Inzest nicht haltmachen. Am Ende geht die Welt in Flammen auf. Kapitalismuskritik und Endzeitdrama par excellence. Musikalisch überwand Wagner im Musikdrama die althergebrachte Nummernstruktur, also die Aufteilung der Akte in geschlossene Vokalnummern wie Arie oder Chor, die durch Rezitative oder gesprochene Dialoge verbunden wurden.

Das „deutscheste aller Wesen“

Die immense Bedeutung des Rings war den Zeitgenossen schon im Vorfeld der Uraufführung bewusst. Neben dem deutschen Kaiser Wilhelm I., König Ludwig II. und anderen Vertretern europäischer Herrscherhäuser kamen im Sommer 1876 Künstler aus aller Welt nach Bayreuth: Die Komponisten Liszt, Bruckner, Tschaikowsky und Grieg etwa, der Philosoph Nietzsche oder der russische Schriftsteller Tolstoi. Wagner, der sich einmal als „deutschestes aller Wesen“ bezeichnete, hatte es zu internationalem Ruhm und Einfluss gebracht, der auch posthum niemals abbrechen sollte.