Klangkunst The Noise of Germany

#tweetscapes
#tweetscapes | Foto (Ausschnitt): © Ars Electronica

Klangkunst aus Deutschland hat auch international einen guten Ruf. Gegenwärtig schafft sie gerade dort die interessantesten Werke, wo nicht nur Technologie zum Produzieren von Klängen verwendet wird, sondern die Klänge Technologie selbst zum Thema machen. Ein Streifzug durch die Szene.

„Lieber Sim, du hast dich erfolgreich für die Talent-Scouting-Tour von The Voice of Germany angemeldet. Wir freuen uns, dich am 29. August 2013 um elf Uhr in Berlin persönlich kennenzulernen. Anbei alle wichtigen Infos für deine Teilnahme.“

Jeron mit Sim; Jeron mit Sim; | © Tina-Marie Friedrich / allgirls Der „liebe Sim“, der hier aufgrund seiner Bewerbung die Einladung zu der bekannten Gesangs-Castingshow im deutschen Fernsehen erhielt, wird in Begleitung kommen müssen: Schließlich handelt es sich bei ihm um einen mit künstlicher Stimme singenden Roboter, der nach dem Track Sim Gishel des englischen Electronica-Duos Autechre benannt worden ist. Erdacht wurde er vom Berliner Medien- und Klangkünstler Karl Heinz Jeron.

Von elektronischer Einsamkeit

Ein Roboter, der Ende August 2013 bei einer Castingshow ausgerechnet das Stück Mad World der britischen Popband Tears for Fears vorträgt, ist dabei jedoch nur der erst denkbare Schritt. Eine, fiktiv gedachte, ausschließlich aus singenden Robotern bestehende Castingshow wäre für den 2006 eigentlich zum Zeichnen geschaffenen Sim Gishel auch keine Hürde: Immerhin hat er als Ensemblemitglied der ebenfalls von Jeron gemeinsam mit Robert Jähnert und Christian Rentschler geschriebenen Oper Hermes (2012) bereits eine entsprechende Bühnenerfahrung.

Für Hermes protokollierte Jeron über Monate in einem Notizbuch monologische Fetzen jener Mobilfunkgespräche, die man im öffentlichen Raum unweigerlich mithören muss. Hieraus schrieb er das Libretto für ein Singspiel in vier Akten mit mehreren Robotern, die, im Raum umherfahrend, nun von elektronischer Einsamkeit erzählen.

Roboter bei der Oper „Hermes“; Roboter bei der Oper „Hermes“; | © Sascha Stadlmeier

Wolkenrauschen

Der medial-akustisch durchdrungene öffentliche Raum war schon im frühen 20. Jahrhundert Thema von Luigi Russolos futuristischen Kompositionen oder ersten Radiomontagen wie Walter Ruttmanns Weekend (1930), die als Vorläufer aktueller klangkünstlerischen Arbeiten gelten. Eine großangelegte Ausstellung wie die bis Januar 2013 am Zentrum für Kunst- und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe veranstaltete Genreübersicht Sound Art. Klang als Medium der Kunst zeigte unter anderem auch solche Arbeiten, in denen alltägliches „Datenrauschen“ in klangkünstlerische Installationen überführt wird.

Die bei Berlin lebende und seit 1994 an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken lehrende Christina Kubisch gehört zu den prominentesten und international renommiertesten Vertreterinnen dieses Genres. Ihre bei Sound Art gezeigte elektromagnetische Klanginstallation Wolken von 2012 etwa steht stellvertretend für viele Arbeiten, bei denen die Künstlerin für das bloße Ohr nicht wahrnehmbare elektrische Felder mit technischen Mitteln hör- und erfahrbar macht. Die Arbeit besteht aus einem 1.200 Meter langen, skulptural zu einer „Wolke“ verdichteten Kabel, dem man sich mit Induktionskopfhörern nähern kann, um dessen magnetischem Feld zu lauschen; ihr Titel spielt dabei an auf die Metapher des „Cloud-Computing“ für virtuellen Speicherplatz im Internet.

Christina Kubisch, Wolke; Christina Kubisch, Wolke; | © ZKM

Ein „elektronischer Spaziergang“

Die auditive Erfahrung solcher stetig vorhandenen, aber im Alltag nicht wahrgenommenen elektromagnetischen Felder stellt Kubisch jenseits ihrer Wolke noch konkreter dar. Die Künstlerin hat hierfür das Format des „Electrical Walk“ gefunden: Mit der entsprechenden Induktionstechnik ausgerüstet, kann man dabei im Stadtraum auf einer von Kubisch vorbereiteten Route eigenständig die Spuren der normalerweise nicht hörbaren und doch allgegenwärtigen Datenströme von elektrischen und Mobilfunkanlagen, Routern, Antennen oder Handys erkunden.

Es sind dabei nicht nur die eigentümlichen Charakteristika der jeweiligen Klänge, aufgrund derer man nach einem solchen „elektronischen Spaziergang“ die technologische Umwelt anders wahrnehmen soll: Es sind auch die von Kubisch aufgedeckten, geradezu musikalischen Strukturen dieses Datenrauschens, die überraschende Entdeckungen ermöglichen.
Christina Kubisch über ihren „Electrical Walk“ (2011) in Tallinn (englisch)

Wie klingt das Internet?

Das Prinzip der Hörbarmachung von omnipräsenten Daten lässt sich auch auf interaktiv benutzte Medien anwenden: Die Arbeit #tweetscapes (2011) der in Berlin lebenden Klangkünstler Anselm Venezian Nehls und Tarik Barri etwa wandelt alle deutschen Twitter-Nachrichten beständig und in Echtzeit in abstrakte Töne und Bilder um. Die Arbeit, die ein Jahr nach ihrer Entstehung auf dem Medienkunstfestival ars electronica eine Auszeichnung erhielt, geht von der Frage aus, wie das Internet klingt – beziehungsweise klingen kann – und versteht sich als „interaktive audiovisuelle Komposition“ sowie als „wissenschaftliche Sonifikation (Datenverklanglichung) und Visualisierung, die neue Aussagen über die zugrundeliegenden Daten ermöglichen soll“.
Anselm Venezian Nehls und Tarik Barri: #tweetscapes (2012)

#tweetscapes steht somit, ebenso wie Jerons oder Kubischs Werke, in einer Tradition klangkünstlerischer Arbeiten, bei denen nicht die künstlerische Verarbeitung des Klangs als solchem im Vordergrund steht, sondern die künstlerische Erforschung der technologischen Bedingungen, unter denen Klänge in der Gegenwart produziert, prozessiert und konsumiert werden.

Hier zeigt sich ein Ansatz, der in der aktuellen Klangkunst auch international zu den interessantesten zählt.