Karl der Große „Interesse für Kultur und Bildung“

Johannes Fried
Johannes Fried | Foto (Ausschnitt): © picture-alliance/dpa

Er war Herrscher über ein riesiges Reich, führte Schlachten und setzte Reformen in Bildung und Kirche durch, die bis heute Bestand haben. Über den Menschen hinter dem Mythos Karl der Große spricht der Historiker Johannes Fried.

Herr Fried, im Januar 2014 hat sich der Todestag Karls des Großen zum 1.200. Mal gejährt – europaweit ist das Interesse der Öffentlichkeit groß. Wie erklären Sie sich die Aufmerksamkeit für den 814 verstorbenen Kaiser?

Er war ein herausragender Herrscher, seine innenpolitischen Veränderungen, seine bedeutsamen Reformen sind bis heute wirksam. Auch in seiner Ausdehnungspolitik war äußerst erfolgreich.

Dies brachte ihm den Beinamen „Vater Europas“.

Als „Vater Europas“ würde ich ihn nicht bezeichnen. Sein Reich war von unfassbarer Größe und hat mit dem Europa, von dem wir heute sprechen, kaum etwas zu tun. Ich ziehe die Formulierung vor, dass er einen bedeutenden, bis heute spürbaren Beitrag für die Globalisierung geleistet hat.

Inwiefern?

Eine seiner großen Leistungen ist ohne Frage die umfassende Reform der lateinischen Kirche, deren Organisation und hierarchische Ordnung er grundlegend veränderte. Nach diesem Muster ist heute weltweit die Römisch-katholische Kirche aufgebaut. Ein Siebtel der gesamten Menschheit lebt heute noch nach diesen Maßstäben. Karl hat auch das Papsttum gestärkt und dafür gesorgt, dass der Heilige Stuhl von niemandem zu richten, also keiner weltlichen Gerichtsbarkeit unterstellt ist – das gilt ebenfalls bis heute.

„Ein völlig neuer Denkstil entstand“

Karl der Große setzte sich auch für eine Bildungsreform ein. Was genau ist sein Verdienst?

Zunächst setzte er durch, dass jeder Mönch lesen und schreiben lernte. Dann stärkte er die Grundlagen des Wissens und der wissenschaftlichen Methodik, indem er antike Studienfächer wie Grammatik, Rhetorik und Dialektik wieder auf den Lehrplan setzte.

Warum war ihm dies so wichtig?

Die Grammatik ermöglichte es, alle sprachlichen Phänomene auszudrücken. Gab es zum Beispiel für ein bestimmtes Wort noch keine Vokabel, ließ sie sich mit Hilfe von Grammatik und Rhetorik erfinden. Bei der Rhetorik ging es ihm nicht einfach um das „schöne“ Reden, sondern um ein rationales Reden, das zum Beispiel vor Gericht wichtig war. Und weil Karl dem Großen auch an der Vernunft selbst viel lag, setzte er die Dialektik nach Aristoteles wieder auf den Lehrplan. Die Bildungsreform galt im gesamten Reich, sodass ein völlig neuer Denkstil entstand. Dieser existiert noch heute, und selbst geografisch weit entfernte Völker wie die Chinesen haben ihn übernommen. Eng damit verbunden ist die weltweite Verbreitung der karolingischen Minuskel, einer Schriftart, die in den Klöstern seines Reichs entstand und die das Lesen enorm erleichterte. Die Schrift trennte die Wörter erstmals klar voneinander ab – Texte waren so wesentlich leichter zu lesen. Karl dem Großen verdanken wir außerdem den Kalender, nach dem die europäisch geprägte Welt heute noch lebt und nach der zum Beispiel der weltweite Flug- und Handelsverkehr organisiert ist.

Die islamische Welt hatte nach neuesten Erkenntnissen einen nachhaltigen Einfluss auf Karl und das Frankenreich. Wie stand der christliche Herrscher zu den Muslimen?

Wie sein Vater Pippin hat auch Karl gegen die Muslime gekämpft. Allerdings hat er zudem diplomatische Beziehungen mit ihnen aufgenommen. In den vergangenen zehn Jahren wurde in der Forschung vermehrt auf Handelsbeziehungen zwischen Karl und dem arabischen Kalifat hingewiesen. Der Elefant Abul Abbas, ein Geschenk des Kalifen Harun al-Raschid aus Bagdad an Karl den Großen, ist der Inbegriff dieser Beziehungen. Mit den Handelsbeziehungen gelangte auch ein bedeutender Wissensschatz in Karls Reich – zum Beispiel neue Möglichkeiten der Zeitmessung mit Hilfe der Wasseruhr. Diese fruchtbaren Beziehungen endeten mit dem Tod Karls.

„Der literarische Prosastil erleichtert den Zugang“

Karl war Reformator und Imperator, er war fromm und zugleich gewalttätig, machtbesessen und Förderer von Kultur und Bildung. Hatte er möglicherweise eine gespaltene Persönlichkeit?

Nein, sicherlich nicht. Vielmehr war Karl eine in sich fest ruhende Persönlichkeit. Ich glaube, sein ausgeprägtes Interesse für Kultur und Bildung hängt damit zusammen, dass er schon in seiner Jugend als Königssohn mit den sich langsam ausformenden Wissenschaftsdisziplinen konfrontiert wurde und ihre Bedeutung erkannte. Außerdem war er ein ungemein neugieriger Mensch. Ich kann verstehen, dass sich manch einer darüber wundert, wie Karl auf der einen Seite ein Kriegsheld sein konnte und auf der anderen Seite an seinem Hof in Aachen Gelehrte aus aller Welt versammelte. Und sowohl mit Rittern als auch mit Intellektuellen verstand er sich bestens. Das ist aufregend und für die Zeit um 800 ein ungeheurer Vorgang, für den ich kein zweites Beispiel nennen könnte.

Das Leben Karls des Großen zeichnen Sie in Ihrer Biografie auf effektvolle Weise nach. Stilistisch verwenden Sie Romanelemente. Warum haben Sie sich für diese Darstellungsform entschieden?

Möglichst viele Leser und nicht ausschließlich Fachleute sollen Gefallen an Vergangenheit, mittelalterlicher Geschichte und an herausragenden Persönlichkeiten wie Karl finden. Der literarische Prosastil erleichtert den Zugang.
 

Der deutsche Historiker Johannes Fried, Jahrgang 1942, lehrte bis zu seiner Emeritierung 2009 als Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Fried war von 1996 bis 2000 Vorsitzender des deutschen Historikerverbands.