Wim Wenders’ „Pina“ Zum Gedenken an Pina Bausch

„Pina“, Aleš Čuček
„Pina“, Aleš Čuček | © NEUE ROAD MOVIES GmbH, Foto: Donata Wenders

Wim Wenders hat einen filmischen Nachruf auf die Tanzchoreografin Pina Bausch und eine Hommage an ihre Stadt, Wuppertal, gedreht. Eine Erfolgsgeschichte.

Sie sehen aus wie ein Paar, das dem Charme eines Puppentheaters erliegt. Dominique Mercy und Malou Airaudo beugen sich über das Modell der Wuppertaler Bühnen, in dem es zu leben beginnt. Die Kamera zieht auf, das Bühnengeschehen füllt nun die Leinwand. Mercy ist künstlerischer Leiter des Tanztheaters Wuppertal, Airaudo lehrt Tanz an der Folkwang Hochschule. Sie gehörten zur Gründungskompanie von Pina Bausch, die sie 1973 auf Einladung des damaligen wagemutigen Intendanten Arno Wüstenhöfer bildete. Mercy und Airaudo haben demnach am Mythos mitgewirkt, der das Tanztheater und seine Prinzipalin umfängt.

Szenenwechsel. Männer und Frauen ziehen im Gänsemarsch über eine Abraumhalde. Sie tanzen eine Polonaise, wie sie Pina Bausch in ihren Stücken mit nie versiegender Phantasie immer neu komponierte. Diese hier ist eine Reminiszenz an den einzigen Film, den Pina Bausch je mit ihrem Ensemble im winterlichen Wuppertal in Feld und Wald drehte: Die Klage der Kaiserin (1989). Die Tänzer tragen ihr charakteristisches sardonisches Lächeln vor sich her, und dennoch ist ihre Polonaise auch ein Totentanz. Sie werden zu Wort kommen im Film, einer nach dem anderen. Sie werden sprechen über Pina Bausch und darüber, wie sie sie erlebt haben. Und es wird, je weiter der Film fortschreitet, immer mehr danach klingen wie das vielstimmige Vorwort zu einer Hagiographie.

„Pina“ ohne Pina

Was macht ein Filmemacher, wenn seine Protagonistin stirbt? Es ist anzunehmen, dass Wim Wenders erst einmal nicht weiter wusste, als Pina Bausch am 30. Juni 2009 unerwartet ihrem erst fünf Tage davor diagnostizierten Krebsleiden erlag. Trotzdem drehen, obgleich sie den Film doch gemeinsam machen wollten? Wim Wenders nannte den Film Pina und setzte seine Protagonistin in den Irrealis. Pina in einem Interview-Ausschnitt, das ist ein nunmehr entrücktes Bild, das Tänzer, deren Köpfe von hinten zu sehen sind, anschauen wie im Kino.

Der Film im Film, das Theater auf dem Theater ist ein Mittel der Verfremdung, dessen sich Wenders bedient. Das wichtigste Medium, große Teile des Geschehens gleichsam in eine Sphäre nicht von dieser Welt zu rücken, ist zugleich der jüngste technische Coup: 3D. Wenders war der erste, der diese Technik künstlerisch und nicht in einem Action-Film einsetzte. Er wurde dafür ausgezeichnet, bekam den Deutschen Dokumentarfilmpreis 2011 und war auch beim Deutschen Filmpreis in der Kategorie Bester Dokumentarfilm auserkoren.

Durch 3D universell greifbar

Tanz endlich im Kino in seiner Dreidimensionalität zu erfahren, das schien eine beachtliche Errungenschaft zu sein. Denn für die Probleme, Tanz im Film abzubilden, hatte es bis dato keine befriedigende Lösung gegeben. Entweder war die subjektive Kamera mittendrin, dann war von der Choreografie nichts mehr zu erkennen. Oder die Kamera blieb auf Abstand und bildete notgedrungen einen Haufen Ameisen ab.

Die einschlägige Filmkritik war begeistert. Der Kritiker der FAZ befand sogar, Wim Wenders habe sich dank 3D neu erfunden. Die genuinen Tanzkritiker, die über Pina schrieben, waren in der Minderzahl und überrascht, dass es sich hier keineswegs 1:1 um das Abbild von Bauschs Schaffen und damit ihrer Person handelte. Nicht wenige, die mit Pina Bauschs Oeuvre vertraut sind, zeigten sich enttäuscht. „Das ist doch nicht Pina!“ protestierte die Kulturjournalistin und Filmerin Anne Linsel, die mit Pina Bausch zusammengearbeitet und selbst zwei Filme über sie gedreht hat.

Sie hat recht. Der Film ist Wim Wenders. Er versucht nicht einmal, Pina Bauschs Leben chronologisch nachzuerzählen und ihre Arbeit zu dokumentieren oder gar zu analysieren. Das hatte Klaus Wildenhahn bereits 1982 in seiner Dokumentation Was tun Pina Bausch und ihre Tänzer in Wuppertal? unternommen. Wenders ging es auch nicht darum, noch etwas von der Atmosphäre einzufangen und zu konservieren, wie sie zu Bauschs Lebzeiten bei den Proben und während der Aufführungen herrschte. Dies war Chantal Akerman bereits 1983 mit Un jour Pina a demandé – bisher unerreicht – gelungen.

Ein Nekrolog

Trailer: Pina – Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren

Wim Wenders drehte einen Nekrolog auf eine Frau, deren Genie er verehrte, und verwandelte sie, wie er dies schon Jahre früher in Der Himmel über Berlin getan hatte, in einen Engel. Gegen Ende von zwei Stunden sieht man Pina Bausch ein Solo tanzen, zu dessen Ende sie wie von fern winkt. 3D scheint sie aus dem Raum zu heben in ein tiefes schwarzes Nirgendwo. Dorthin, wo nun eigentlich auch ihre Tänze spielen, herausgestanzt sogar aus dem Theater- und dem Aufführungsalltag. Der Beginn von Pina stößt einen abrupt in diese fremde Wirklichkeit. Es ist der Anfang ihrer Version von Strawinskys Le Sacre du printemps. Man wähnt sich von einem Stück Stoff getroffen, das einen aus nächster Nähe umweht. Man stampft mit den Tänzern in ein artifizielles Totenreich, ins kalte Nichts, in dem die Tänzer ganz nah und doch unberührbar fern um ihr Leben tanzen. Das rote Kleid etwa, das die Tänzerin überstreift, um damit in die Rolle des Opfers zu schlüpfen, wirkt, zu nächst auf dem Boden liegend, als künstlich leuchtendes Objekt. Wenders benutzt 3D, um diesem Stück archaischer Urgewalt tatsächlich eine neue, eine rein unstoffliche Dimension zu geben.

Im Gegensatz zum atemberaubend gestalteten Artefakt stehen die Szenen, die die Tänzer in den Straßen Wuppertals zeigen. Ihre Stimmen jedoch kommen, um unziemlichen Naturalismus auch hier zu vermeiden, aus dem Off. Die Liebeserklärung an Wuppertal, die Wim Wenders mit Pina, anknüpfend an seine Alice in den Städten von 1974, drehte, braucht keine fiktiven Charaktere mehr. Und Helena Pikon tanzt nun wirklich Pina Bauschs Rolle in Café Müller, die sie 15 Jahre lang, scheinbar vergeblich, einstudiert hat. Sie ist, wie die anderen, Erbwalterin und erfüllt damit Pinas Auftrag, wie ihn der Untertitel des Films zitiert: Tanzt, tanzt, sonst seid ihr verloren.