Philosophie in Deutschland Grenzfragen der menschlichen Lebensführung

Kurfürstin Sophie setzt Gottfried Wilhelm Leibniz den Lorbeerkranz auf. Geschichtsfries am Neuen Rathaus Hannover
Kurfürstin Sophie setzt Gottfried Wilhelm Leibniz den Lorbeerkranz auf. Geschichtsfries am Neuen Rathaus Hannover | Foto: CC by-sa 3.0 von Bernd Schwabe @wikipedia.org

Philosophie aus Deutschland hat bedeutende Beiträge zur internationalen Diskussion geleistet, so zunächst zum Rationalismus (Leibniz, Wolf) und zur geschichtlichen Anthropologie (Herder) der Aufklärung. Kant wendete die Fundamente des Philosophierens kritisch in die Frage nach den Ermöglichungsbedingungen von wissenschaftlicher Erfahrung und vernünftiger Praxis.

Philosophie beschäftigt sich mit den Grenzfragen der menschlichen Lebensführung, die im Konflikt zwischen der Orientierung an verschiedenen Werten entstehen. Ihre philosophische Behandlung erfordert lebenserfahrene Besinnung und systematische Argumentation, insbesondere den begründeten Umgang mit der Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen. Philosophie aus Deutschland hat bedeutende Beiträge zur internationalen Diskussion geleistet, so zunächst zum Rationalismus (Leibniz, Wolf) und zur geschichtlichen Anthropologie (Herder) der Aufklärung. Kant wendete die Fundamente des Philosophierens kritisch in die Frage nach den Ermöglichungsbedingungen von wissenschaftlicher Erfahrung und vernünftiger Praxis. So umstritten seine universalistische Antwort, die diskursive Vernunft, geblieben ist, so anregend wirkte seine Frage nach der Spezifik modernen Philosophierens fort. Internationale Wirksamkeit haben auch die deutsche Frühromantik und der deutsche Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel) erlangt. Beide Strömungen gaben verschiedene Antworten auf die Konsequenzen der Französischen Revolution für die Moderne.

Während des 19. Jahrhunderts entstanden miteinander unvereinbare Kritiken an der Vernunftphilosophie, die noch im 20. Jahrhundert widersprüchliche Folgen zeigten. Schopenhauer fragte in seiner leibgebundenen Mitleidsethik nach den lebensbejahenden und lebensverneinenden Auswirkungen der Willensbildung. Marx versprach die Verbindung der wissenschaftlichen Analyse der kapitalistischen Weltwirtschaft mit der revolutionären Arbeiterbewegung für eine künftig ausbeutungsfreie Weltgesellschaft. Für Nietzsche war der Nihilismus, die Lebensverneinung, bereits durch das jüdisch-christliche Ressentiment gegen die lebensbejahende Produktivität nobel elitärer Machtformen in die Welt gekommen. Daraus erwuchs eine kulturschöpferische Aufgabe: die Selbstüberwindung des Menschen.

Im Gegensatz zu diesen Vernunftkritiken erfolgten am Ende des 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts auch Neubegründungen der philosophischen Funktion von Vernunft. Diese Neubegründung konnte nach dem Muster der Erfahrungswissenschaft empiristisch (Mach) oder formal-logisch (Frege) konzipiert werden. Daraus folgten die Syntheseprobleme beider Aspekte im Neukantianismus, später im Wiener (Carnap, Neurath) und Berliner (Reichenbach) Kreis sowie beim frühen Wittgenstein und Popper.

Demgegenüber hatte Dilthey die Vernunft hermeneutisch in dem geschichtlichen Zusammenhang von Erlebnis, Ausdruck und Verstehen situiert. Husserl schlug eine davon verschiedene Phänomenologie der Anschauung vor, um die Leistungen der absoluten Subjektivität erschließen zu können. In seinem Spätwerk hat er die Entfremdung der Wissenschaft und Technik von der intersubjektiv geteilten Lebenswelt kritisiert. Bei Cassirer übernahm die Philosophie der symbolischen Formen die Fundierungsaufgabe, wodurch zugleich der kulturgeschichtliche Wandel begreifbar werden sollte. In der Frankfurter Schule (Adorno, Horkheimer, Marcuse) wurde angesichts der modernen Rationalisierung die marxistische Gesellschaftskritik neu begründet. Durch Schelers phänomenologische Neutralisierung des Gegensatzes zwischen Physischem und Psychischem wurde der Weg frei für Plessners Begründung der Philosophischen Anthropologie. Sie entdeckte die geschichtsbedürftige Körper-Leib-Differenz an der Unergründlichkeit des Menschen (Misch).

Diese Neubegründungen der modernen Philosophie wurden durch den Nationalsozialismus in die äußere Emigration getrieben. Nur einige kehrten nach dem Zweiten Weltkrieg zurück, von denen die Frankfurter Schule in den 1960er-Jahren die prominenteste Rolle übernahm. Andere konnten erst seit den 1970er-Jahren in Deutschland wiederbelebt werden. In der inneren Emigration war Jaspers Existenzphilosophie geblieben, die auf Ausgleich mit der Vernunftphilosophie bedacht war. Heideggers Existenzphilosophie war politisch diskreditiert und unterlag nach seinem eigenen Verständnis einer Kehre in die humanismuskritische Seinsphilosophie. Durch ihre Transformation entstand nach dem Zweiten Weltkrieg Gadamers philosophische Hermeneutik, die ebenfalls international diskutiert wurde.

Lorenzen initiierte den Konstruktivismus und Henrich eine Philosophie der Subjektivität durch Rekonstruktion des deutschen Idealismus. Apels Transformation der Philosophie machte auf die semiotische Begründung der pragmatistischen Philosophie aufmerksam. Habermas baute diese transatlantische Brücke aus. Seine sprachlich-intersubjektive Erweiterung der Vernunft im kommunikativen Handeln ermöglichte eine modernisierte Gesellschaftskritik. Luhmann hatte dagegen im Namen selbstreferenzieller Systeme die alteuropäische Vernunft verabschiedet.

Inzwischen hat sich in der deutschen Gegenwartsphilosophie der Austausch mit den neo-pragmatischen Wenden der angloamerikanischen Philosophie normalisiert (Abel, Frank) und mit den quasitranszendentalen Wenden der französischen Philosophie (Foucault, Derrida) verstärkt (Waldenfels, Welsch). Zugleich haben die selbstkritischen Neubegründungen modernen Philosophierens aus deutscher Tradition ihre systematische Renaissance.