Vielsprachigkeit Philippe Van Parijs über Sprachengerechtigkeit

 © Eric de Ville www.ericdeville.be / La-Tour-de-Bruxelles
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In seinem Buch zur „Sprachengerechtigkeit“ vertritt der Professor, Philosoph und Autor aus Belgien die Ansicht, dass Englisch zur neuen „Lingua franca“ in Europa werden müsse, ohne lokale Sprachen zu verdrängen. Im Interview erläutert er, wie diese These gerecht umgesetzt werden kann – und warum er trotz allem keine Sprache lieber spricht als Deutsch.

Herr Van Parijs, in Ihrem Buch „Sprachengerechtigkeit“ plädieren Sie für Englisch als „Lingua franca“, um den Austausch in einer globalisierten Welt effizienter zu gestalten. Die für die lokalen Träger entstehenden Kosten zum Erhalt ihrer Sprache sollten durch englische Muttersprachler finanziert werden. Das klingt gerecht, aber ist es auch durchsetzbar?

Nein, natürlich nicht. Es stimmt, dass die Verständigung in einer gemeinsamen Sprache ein öffentliches Gut ist. Hiervon profitieren die Muttersprachler mindestens genauso stark wie diejenigen, die die Sprache zusätzlich zu ihrer Muttersprache erlernen müssen. Die gerechte Verteilung der Kosten für dieses öffentliche Gut verlangt, dass Erstere, um nicht als Trittbrettfahrer dazu stehen, einen Teil der Kosten tragen, die der zweiten Gruppe durch das Erlernen der Sprache entstehen. Doch ich trete in meinem Buch nicht für eine Sprachsteuer als plausible Bedingung für die Verwirklichung der sprachlichen Gerechtigkeit in diesem Sinne ein. Ich befürworte hingegen einen Ausgleich für das Trittbrettfahren: die Plünderung des Internet.

Was bedeutet das konkret?

Dank des Internet ist eine enorme Menge an Informationen leicht zugänglich. Vor allem auf Grund der Rolle der Suchmaschinen hängt ihr Nutzungsgrad weniger von der Bereitschaft ab, sie zu schützen, als vielmehr davon, in welcher Sprache sie verfasst sind. Was produziert wird in einer Sprache, die nur deren Muttersprachlern bekannt ist, wird außerhalb dieser Gemeinschaft kaum Nutzer finden. Je weiter sich jedoch die englische Sprache verbreitet, um so mehr können die Inhalte in Englisch, die unverhältnismäßig oft von Anglophonen erstellt werden, von anderssprachigen Anwendern genutzt werden. Meine Empfehlung an Nicht-Anglophone lautet daher, bedenkenlos alles zu nutzen, was sie dank ihrer Englischkenntnisse im Internet finden können und dies zu verwerten. Dieses Trittbrettfahren von Nicht-Anglophonen auf Kosten von Anglophonen ermöglicht, wenn auch nur oberflächlich, einen Ausgleich zu dem Trittbrettfahren zu schaffen, den Nicht-Anglophone, die sich um das Erlenen des Englischen bemühen, Anglophonen bieten.

Welche Rolle spielt Vielsprachigkeit?

Die Europäische Kommission fördert die Mehrsprachigkeit und vertritt das Ziel, dass alle EU-Bürger neben ihrer Muttersprache noch zwei weitere Sprachen lernen sollten. Was halten Sie von diesem Ansatz?

Die sprachliche Vielfalt ist eine Katastrophe, wenn sie nicht mit Vielsprachigkeit einhergeht. Ob es sich nun um eine Stadt oder um einen Kontinent handelt – man kann nur dann harmonisch zusammenleben, wenn man sich in einer oder mehreren gemeinsamen Sprachen verständigen kann. Selbst wenn die Kommission dies nie so deutlich ausdrücken würde, weiß sie doch, dass eine effiziente Vielsprachigkeit auf europäischer Ebene beinhaltet, dass alle eine lingua franca verstehen und dass es sich bei dieser Lingua franca aus geschichtlichen und nicht aus sprachlichen Gründen auch in Zukunft um das Englische handelt. Die Kommission ist sich jedoch auch bewusst, dass die gemeinsame Verwendung einer Lingua franca kein perfekter Ersatz für die Kenntnis der Sprache des anderen ist.

Wenn zum Beispiel in Belgien ein Wallone mit einem Flamen kommunizieren kann, weil jeder Englisch gelernt hat, ist dies besser als wenn sie, weil ohne gemeinsame Sprache, nie miteinander sprechen und jeder sich damit begnügt, über den anderen zu sprechen. Aber es wäre noch besser, wenn der Wallone zeigt, dass er Respekt für die Flamen und ihre Sprache hat, und sich die Mühe macht, Niederländisch zu lernen und zu sprechen ‒ und umgekehrt.

Das Ziel Muttersprache plus zwei ist folglich ein lobenswertes Ziel. Aber selbst in einem Land wie Belgien, das neben dem Englischen drei verschiedene Amtssprachen hat, ist die Umsetzung dieses Ziels schwierig: Nach dem letzten Spezial Eurobarometer Sprachen (2012) verfügen lediglich 20 Prozent der Wallonen über mehr als nur Grundkenntnisse des Niederländischen. In ganz Kontinentaleuropa steuern wir heute rapide auf eine allgemeine Zweisprachigkeit mit dem Englischen zu. Aber ausgenommen von Sonderfällen wie die Region Brüssel oder das Großherzogtum Luxemburg bleibt die allgemeine Dreisprachigkeit das Privileg von Personen mit Migrationshintergrund, denen es gelingt ‒ was wünschenswert ist ‒, die Sprache ihrer Herkunft zu bewahren, und einer gebildeten Elite, die die Bereitschaft und die Fähigkeit hat, eine oder mehrere Sprachen zu erlernen.

Deutsch: kleine oder große Sprache?

Deutsch gilt in Belgien als kleine Sprache, mit rund 100 Millionen Muttersprachlern ist es aber auch die größte Sprache der EU. Welche Zukunft sehen sie für die deutsche Sprache in Ihrem Land und in Europa?

Die Website languageknowledge.eu schlüsselt die sprachlichen Eurobarometer-Daten anschaulich auf. Man kann dort sehen, dass Deutsch nicht mehr die bekannteste Sprache der Union ist. Als Muttersprache hingegen ist Deutsch in der Union immer noch die am weitesten verbreitete Sprache, aber ihr Anteil geht rasch zurück. Das Englische hat das Deutsche als Muttersprache von Europäern unter 40 Jahren bereits eingeholt, und die französische Sprache ist auf dem besten Wege dazu. Es ist also nicht sicher, ob das Deutsche seine derzeitige Stellung unter den Sprachen Europas und der Welt wird bewahren können. Voraussetzung dafür ist, dass es Österreich, der Schweiz und vor allem natürlich Deutschland gelingt, den demografischen Rückgang von Personen deutschsprachiger Herkunft zu kompensieren, indem sie eine große Anzahl von Einwanderern auf ihrem Hoheitsgebiet aufnehmen und diese die Amtssprache dieses Hoheitsgebiets erlernen.

Ich vertrete in meinem Buch die These, dass es legitim ist, neben dem Englischen auch dem Deutschen und dem Französischen einen Vorrang einzuräumen. Und zwar nicht nur, um an die beiden wichtigsten Sprachfamilien der Europäischen Union anzuknüpfen, sondern vielmehr, um die entscheidende Rolle anzuerkennen, die Deutschland und Frankreich in diesem einzigartigen Prozess gespielt haben, aus dem die Europäischen Institutionen hervorgegangen sind.

In Belgien wird Deutsch von weniger als 0,5 Prozent Muttersprachlern gesprochen, nimmt aber als erlernte Sprache nach dem Englischen und Französischen, aber noch vor dem Niederländischen einen soliden dritten Platz ein. Diese gute Leistung hat es nur geringfügig der Tatsache zu verdanken, dass Deutsch eine Amtssprache Walloniens und somit Belgiens ist; viel wichtiger ist seine sprachliche Nähe zum Niederländischen. Für die weitere Entwicklung wird sicherlich der Umfang des Handelsverkehrs mit Deutschland ausschlaggebend sein. Ferner wird die Bestätigung der Deutschsprachigen Gemeinschaft als vierter Teilstaat der belgischen Föderation und die Fähigkeit wichtig sein, diesen Status zur Dynamisierung der Wirtschaft und zum Wachstum der hier lebenden Bevölkerung zu nutzen. Und nicht zuletzt wird dies von der kontinuierlichen Entwicklung der paneuropäischen Zivilgesellschaft in Brüssel abhängen und damit insbesondere von der aktiven Teilhabe am kulturellen und sozialen Leben Brüssels von Persönlichkeiten und Einrichtungen, die aus den beiden deutschsprachigen Mitgliedstaaten der Union stammen. An erster Stelle steht hier das Goethe-Institut.

Identität durch Sprache?

Sprache ist ja nicht nur ein Verständigungsmittel, sondern auch Ausdruck von Identität. In Frankreich wurde traditionell die Theorie vertreten, dass jeder Franzose die Landessprache beherrschen muss. Das deutsche Sprachgebiet war bereits sehr ausgebreitet, lange bevor Deutschland ein Staat war. Wie sehen Sie als Belgier das Verhältnis zwischen Sprache und Identität?

Aus einer aktuellen Erhebung der Vrije Universiteit Brussel geht hervor, dass nur 5 Prozent der Brüsseler sich in erster Linie als französischsprachig und 1,5 Prozent als niederländischsprachig identifizieren, während mehr als 54 Prozent sich in erster Linie als Bürger ihrer Gemeinde oder Brüssels verstehen. Vielleicht ein wenig als Belgier, aber bestimmt als Brüsseler halte ich diese Einstellung für sehr gut. In unserer heutigen Welt ist es wichtiger als je zuvor, dass unsere politischen Identitäten nicht ethnisch sind ‒ ob die Ethnie sich nun durch Rasse, Sprache oder Religion definiert ‒, sondern gebietsbezogen. Eine politische Identität muss von allen, die gemeinsam ein Territorium bewohnen und dort eine Schicksalsgemeinschaft bilden, voll und ganz geteilt werden können.

Dies ändert nichts an der Bedeutung, eine gemeinsame Sprache ‒ oder, ausnahmsweise, wie in Brüssel, mehrerer Sprachen ‒ zu sprechen, damit eine politische Gemeinschaft gut funktionieren kann. Folglich ist es berechtigt zu verlangen, dass jeder, der sich dauerhaft in dem betreffenden Hoheitsgebiet niederlassen will, diese Sprache erlernt. Die Sprache ist hier jedoch nichts weiter als ein wesentliches Instrument zur Kommunikation, Koordinierung, Argumentation, Ermahnung und Mobilisierung. Sie wird nicht als ein Bestandteil der „Seele‟ eines Volkes, seiner inneren Identität, seines ewigen Wesens erachtet. Zum Glück braucht sie diesem Anspruch nicht gerecht zu werden, um geliebt zu werden; auch nicht, damit die Gedanken Bewunderung finden, die in dieser Sprache Ausdruck finden, oder damit deren Muttersprachler wertgeschätzt werden.

Mit Ihrer Familie sprechen Sie Niederländisch, Französisch, Englisch und Italienisch. Sprechen Sie auch Deutsch?

Es gibt keine Sprache, die ich so gerne spreche wie Deutsch. Es gibt keinen Denker, der so viel Einfluss auf meine Jugend hatte wie Friedrich Nietzsche. Und nichts könnte ich meinen zahlreichen deutschsprachigen Freunden mehr vorwerfen als die Tatsache, so gut und so gerne Englisch zu sprechen und mich somit daran zu hindern, meine Deutschkenntnisse zu pflegen.
 

Biografie

Philippe Van Parijs (*1951 in Brüssel) ist Professor der Ökonomie und Sozialethik und leitet seit 1991 den Hoover-Lehrstuhl an der Katholischen Universität in Löwen. Er ist zudem als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Nuffield College und als Gastprofessor an der Universität in Oxford tätig. Internationale Bekanntheit erlangte Van Parijs durch sein Eintreten für ein Grundeinkommen und die Gründung des Basic Income Earth Network im Jahre 1986.Van Parijs ist Vorstandsvorsitzender des Programms Armut und Soziale Gerechtigkeit der King Baudouin Foundation und organisiert das jährliche Ethical Forum der University Foundation. Er ist Mitglied der British Academy, der belgischen Royal Academy of Sciences, Letters and Fine Arts und der European Academy of Arts and Sciences. 2001 wurde van Parijs mit dem Francqui-Preis, 2011 mit dem Arkprijs voor het Vrije Woord ausgezeichnet. Sein aktuelles Buch Sprachgerechtigkeit für Europa und die Welt ist 2013 bei Suhrkamp 2013 erschienen.