Wagner-Biografie Jacques De Decker über die faszinierende Persönlichkeit Wagners

Über Wagner wurde viel geschrieben. Jacques De Decker, Generalsekretär der Académie Royale de Langue et de Littérature Française, hat eine weitere Biografie über den deutschen Komponisten veröffentlicht. Inspiriert haben ihn die umstrittene und gleichzeitig faszinierende Persönlichkeit Wagners und dessen revolutionärer Kunstbegriff und vollkommenes Werk. Gerne hätte er den Komponisten getroffen, um ihm eine einfache Frage zu stellen.

Herr De Decker, in Ihrer Biografie über Wagner erwähnen Sie, dass die Zahl der Veröffentlichungen über den deutschen Komponisten mit denen über Napoleon oder Jesus vergleichbar ist. Was hat Sie bewogen, trotzdem noch ein Werk hinzuzufügen?

Es stimmt, bei einer solchen Menge an Büchern fühlt man sich von vorne herein entmutigt. Aber Wagner hat mich einfach neugierig gemacht. Ich konnte nicht anders, als Nachforschungen über ihn anzustellen. Während der Arbeit habe ich dann so viel Spaß daran gehabt, dass ich von dieser riesigen Wagner-Bibliothek nicht mehr so sehr eingeschüchtert war.

Welche Quellen haben Sie vor allem zu Rate gezogen?

Ich habe mir die Bemerkungen zunutze gemacht, die mein Vorhaben bei Freunden oder Kollegen hervorgerufen hat. Dieser engere Kreis hat mir den Mut zum Weitermachen gegeben. Ich hatte den Eindruck, dass mein Buch „erwartet“ wurde und der sehr positive Empfang bei seinem Erscheinen hat bestätigt, dass es berechtigt war, es zu schreiben.

Gehasst und geliebt

Ihr Vorwort beginnt mit einem Zitat von Leonard Bernstein über Wagner: „I hate him on my knees“. Was ist es, was an der Person Richard Wagner so polarisiert?

Jacques De Decker Jacques De Decker | © by Jacques De Decker (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons Ich fand, diese Formulierung von Bernstein fasst die zweideutige Aura, die Wagner in der öffentlichen Wahrnehmung umgibt, gut zusammen. Die Polarisierung, wie Sie sagen, hängt mit der Schwierigkeit zusammen, die reaktionäre Ideologie, die in den Augen vieler sein Werk prägt, und den erneuernden, ja revolutionären Charakter seines Schaffens miteinander zu vereinen.

Sie beschreiben die vielen Facetten Wagners: Revolutionär, Spieler, Musiker, Autor, Frauenschwarm und Hassobjekt. Welche davon hat Sie am meisten fasziniert?

Die Facette Wagners, die mir am meisten gefällt und die ihn mir nahe, ja vertraut gemacht hat, ist die des Theatermenschen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich selbst ein Theatermensch bin.

Wie wird die Person Wagner in Belgien wahrgenommen?

In Belgien wurde Wagner sehr früh geschätzt. Er fand hier sogar einige seiner ersten und glühendsten Verteidiger. Er hat sogar Belgier gefunden, um Bayreuth zu finanzieren!

Kunst der Zukunft

In einem Artikel schreibt Wagner 1834 über die deutsche Oper: „Wir sind zu geistig und viel zu gelehrt, um warme menschliche Gestalten zu schaffen“. Trifft das auch auf Wagners Opern zu?

Das Zitat, das Sie anführen, ist bezeichnend für das Denken des jungen Wagners. Nur zwei deutsche Opern konnten seinen Gefallen finden, nämlich Fidelio von Beethoven und der Freischütz von Weber. Sein eigenes Werk sollte mit der Dominanz des Denkens, die in seinen Augen die damalige Kunst zu stark überschattete, brechen. Das Paradox besteht darin, dass es ihm gelungen ist, seine Figuren menschlicher erscheinen zu lassen und den denkerischen Ansatz dabei nicht aufzugeben.

Sie gehen auch auf Wagners kunsttheoretische Schriften ein. Die Kunst diene vor allem dazu, den Menschen glücklich zu machen, zitieren Sie. Wie revolutionär war und wie aktuell ist Wagners Kunstbegriff aus heutiger Sicht?

Viele Eigenschaften seines Werks (dramatischer Aufbau, Abwendung von den konventionellen Formen, Einführung des Leitmotivs, Suche nach dem absoluten Kunstwerk) zeigen die revolutionäre Dimension seines Werks. Ich frage mich überhaupt, ob sie uns wirklich „zeitgenössisch“ ist, oder ob sie nicht dazu berufen ist, uns in der Zukunft Reichtümer zu offenbaren, die wir bisher noch gar nicht wahrgenommen haben.

Vollendetes Werk

Sie selbst haben ein Libretto für „Frühlings Erwachen“, eine Adaptation der Wedekind-Oper durch Benoît Mernier, verfasst. Würden Sie dasselbe auch gerne für eine Wagner-Adaption machen?

Am Werk Wagners ist nichts zu ändern oder hinzuzufügen, allerhöchstens könnte man etwas streichen. Und die Texte seiner Opern schrieb er sehr gut selbst. Ich werde mich hüten, mich da einzumischen.

Welche Wagner-Inszenierung ist Ihnen im Gedächtnis geblieben und warum?

So viele Inszenierungen habe ich nicht gesehen. Aber ich bin bereit zu sagen, dass die Version der Tetralogie von Boulez und Chéreau in Bayreuth die beste ist. Sie hat mir unglaublich gut gefallen, auch wenn ich sie nur als Video gesehen habe. Chéreau und seinem Bühnenbildner Peduzzi ist es gelungen, sein Universum sehr glaubhaft und inspirierend darzustellen.

Das Jubiläumsjahr teilt Wagner sich mit seinem Gegenspieler Verdi. Welche Musik hören Sie lieber?

Ich stimme für Wagner, natürlich. Aber Verdi habe ich so viele glückliche Momente zu verdanken, dass ich ihn deshalb auch nicht aus dem Rennen stoßen würde. In meinen Augen ist er ein ausgezeichneter „Zweitbester“ der Oper des 19. Jahrhunderts.

Wenn Sie Wagner noch hätten kennen lernen können, welche Frage hätten Sie ihm gestellt?

Ich hätte ihn gerne kennengelernt. Ich glaube ich hätte ihm nur eine einzige ganz einfache Frage gestellt, die mich im Übrigen zu meiner Arbeit angetrieben hat: „Wer sind Sie? “ Wenn er sich bereit erklärt hätte, sie zu beantworten, hätte das bestimmt für Gesprächsstoff gesorgt ...
 

Biografie

Jacques De Decker (*1945 in Brüssel) ist Autor, Dramatiker, Regisseur und Kritiker. Bereits während seines Studiums der Germanistischen Philologie an der Université Libre de Bruxelles betritt er die Theaterbühne und gründet 1963 in Zusammenarbeit mit Albert-André Lheureux das Theater Der Poltergeist. Zahlreiche klassische Werke, darunter auch viele deutsche, übersetzte er ins Französische und mehr als 60 klassische wie auch zeitgenössische Werke, setzte er weltweit auf Theaterbühnen um. Als Romancier debütierte er 1985 mit seinem Roman La Grande Roue (Grasset, 1985). Popularität erlangt er schließlich auch als Theaterkritiker und zuletzt als Literaturkritiker für die belgische Zeitschrift Le Soir. 1997 wird er leitendes Mitglied der Académie Royale de Langue et de Littérature Française, 2002 wird er der dortige Generalsekretär. Jacques de Decker wird 2005 mit dem französischen Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet und ist gegenwärtig Mitglied der Jury des Prix Victor Rossel.