Ivan Petrus Im Bann des Ersten Weltkriegs

© Ivan Petrus
© Ivan Petrus

Seine beiden Graphic Novels über den Ersten Weltkrieg erleben eine Neuauflage nach der anderen. Inzwischen arbeitet der belgische Comicautor Ivan Petrus eifrig an einem illustrierten Roman über die legendäre Schlacht von Passchendaele.

Er heißt mit vollem Namen Ivan Petrus Adriaenssens, doch für den internationalen Markt hat er seinen Familiennamen unter den Tisch fallen lassen. Sollten Sie jemals gehört haben, wie ein Anglophoner „Adriaenssens“ ausspricht, begreifen Sie sofort, warum. Deshalb also Ivan Petrus. Nachdem er in der Welt des Animationsfilms seine erste Anerkennung erfahren hatte, schrieb er jahrelang die Szenarien für die Serie Orphanimo!! sowie für Comics, die auf den Büchern des beliebten flämischen Jugendautors Marc De Bel basierten. Insgesamt für über vierzig Alben, die sich an ein junges Publikum richteten. Bis er sich schließlich neu erfand und sich auf Bilderbücher und vor allem Comics für Erwachsene verlegte, in denen der Erste Weltkrieg stets den Schwerpunkt bildete.

„Die Geschehnisse des Ersten Weltkriegs hatten bereits als Kind meine Neugier geweckt“, erzählt Ivan Petrus. „Aber aus irgendeinem Grund hatte ich sie nie zu einem Thema gemacht. Bis ich auf das Kriegstagebuch von jemandem stieß, der in meinem Dorf lebte: Odon Van Pevenaege. In den ersten Monaten des Krieges zog er als Soldat durch ganz Belgien, musste vor den vorrückenden deutschen Truppen fliehen und fand sich letztendlich im Schützengraben von Westflandern wieder. In seinem Tagebuch beschreibt er seine Erlebnisse und Erfahrungen sehr nüchtern und direkt, und nachdem ich es gelesen hatte, verspürte ich plötzlich das Bedürfnis, seine Geschichte in ein Comic umzusetzen.“

Wahre Begebenheiten und echte Helden

Der Lannoo-Verlag war interessiert, gab aber keine Comics heraus. Odon wurde schließlich ein reich illustriertes Geschichtsbuch mit Fotos, aber auch mit sehr vielen neuen Illustrationen von Ivan Petrus, der sich selbst übertreffen musste. „Ich schrieb Szenarien und am Anfang, als ich mich noch mit Animationsfilmen beschäftigte, hatte ich auch Hintergrundzeichnungen für Comics gemalt, aber ich fand es immer sehr schwer, Figuren zu zeichnen. Deshalb musste ich mich wirklich anstrengen. Zehn Jahre zuvor hätte ich nie gedacht, dass ich einmal das können würde, was ich heute kann.“

Der Erfolg von Odon war so groß, dass der Lannoo-Verlag ihn bat, ein weiteres Buch dieser Art zu schreiben. Daraus wurde dann das erste richtige Comic, das der Verlag je auf den Markt gebracht hatte: Afspraak in Nieuwpoort (englischer Titel: The Nieuport Gathering), gleichzeitig auch die erste Graphic Novel von Ivan Petrus, die erneut auf wahren Begebenheiten basiert. „Es ist nicht so, dass ich der Fiktion den Rücken gekehrt habe, aber im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg gibt es noch so viele Geschichten, die nur darauf warten, erzählt zu werden. Warum sollte ich mir also eine Geschichte ausdenken?“

Elsie en Mairi, die zweite Graphic Novel, die Afspraak in Nieuwpoort folgte, ist die Geschichte zweier britischer Kriegskrankenschwestern. „Sie haben sich freiwillig einem Ambulanzkorps angeschlossen. Schon während meiner Recherche für Odon stieß ich auf ihre Geschichte und auch hier wusste ich sofort, dass ich diese Geschichte in einen Comic umsetzen musste. In seinem Buch Op naar de Groote Oorlog hatte der Comicschreiber Patrick Vanleene ihre Geschichte nacherzählt und als ich dann das Comic machte, stand er mir mit Wort und Tat zur Seite. Lustig ist, dass Patrick Vanleene die Familien Knocker und Chisholm erst darüber aufklären musste, dass ihre Großmütter echte Heldinnen waren.“

Verbindung zur Gegenwart

Auch in den kommenden Jahren wird Ivan Petrus den Ersten Weltkrieg in den Mittelpunkt seines Schaffens stellen. „Ich finde das Thema noch immer äußerst spannend. Es geht hier um Geschichte, die gerade noch keine Legende geworden ist. Wir haben noch gehört, wie unsere Großeltern darüber gesprochen haben. Es ist ein Krieg, der vor vier Generationen stattgefunden hat, und deshalb ist er in den Familienchroniken noch lebendig. Man muss jetzt etwas damit machen, jetzt, wo es genau hundert Jahre her ist, denn wenn die ganzen Gedenkfeiern vorbei sind, dann verschwindet der Krieg definitiv in die Geschichtsbücher. Dann hat der Krieg seine Verbindung zur Gegenwart verloren, so wie zum Beispiel die Schlacht von Waterloo … Was für einen Zeichner auch nicht unwichtig ist: Dieser Krieg ist der erste, der sehr umfangreich dokumentiert wurde. Wenn man die Kriege des neunzehnten Jahrhunderts verarbeiten möchte, ist man vor allem auf Zeichnungen und Gemälde angewiesen, bei denen es sich meist um Nachstellungen von Ereignissen handelt, die Monate oder Jahre zuvor stattgefunden hatten. Der Erste Weltkrieg wurde fotografiert und gefilmt.“

Derzeit arbeitet Ivan Petrus an einer Serie kurzer Animationsfilme für das Fernsehen mit, schreibt eine Cartoonserie für den Zeichner Luc Poets, liefert ab und zu Ideen für Szenarien und Synopsen für De Kiekeboes (die meistverkaufte Comicserie in Flandern) und bereitet gerade eine dritte Graphic Novel, die sich mit dem Ersten Weltkrieg befasst, vor. „Ich könnte noch viel mehr in dieser Richtung machen, aber das ist natürlich nicht möglich. Darum wähle ich meine Themen jetzt sorgfältig aus. Bei meinem nächsten Buch wird es um die Schlacht von Passchendaele im Jahre 1917 gehen. Bereits letztes Jahr war ich zu Gast auf dem Comic Art Festival in Kendal (UK) und in diesem Herbst werde ich dort die ersten Abbildungen aus dem Buch vorstellen. Schon letztes Jahr ist mir aufgefallen, dass Passchenendaele in Großbritannien wirklich ein Begriff ist, deshalb erwarte ich viel davon.”

Und für die Zeit danach – wenn das Gedenken an den Ersten Weltkrieg verblasst ist – hat er bereits eine ganze Reihe neuer Projekte in petto. Dabei wird er nicht immer zeichnen, sondern manchmal auch einfach nur die Szenarien schreiben. Auffallend ist dabei eine Graphic Novel über den Brüsseler Architekten und Künstler Victor Horta. „Seine Lebensgeschichte, aber dann doch mit ein bisschen Fiktion. Ich habe dafür sogar schon einen Zeichner gefunden, den Briten David Hitchcock. Nur die Finanzierungsfrage ist im Moment noch nicht geklärt. Aber darum kümmere ich mich, wenn ich Passchendaele abgeschlossen habe.“