Immer mehr Künstler präsentieren sich in Privaträumen Das Cocooning der Kunst

Salon Bombardon
© Hylke Gryseels

Die Idee, Konzerte, Theatervorstellungen oder Ausstellungen in Privaträumen zu organisieren, existiert schon lange. Aber in der heutigen Zeit, in der soziale Medien und Share Economy, CouchSurfing und Airbnb unser Leben beeinflussen, scheint das Konzept neu entdeckt worden zu sein.

Es lässt sich nur schwer feststellen, wo dieser Trend eigentlich seinen Anfang nahm, aber 1986 begann die Kunst, sich einen Weg in die Wohnzimmer der gewöhnlichen belgischen Bürger zu bahnen. In diesem Jahr ersann Jan Hoet (1936-2014) – der bekannte Kurator und spätere Museumsdirektor von unter anderem SMAK in Gent und MARTa Herford – in Gent den Ausstellungsparcours Chambres d'Amis. Hoet beauftragte dabei 51 internationale Künstler, für eine Reihe Genter Privatwohnungen spezifische Kunstwerke zu konzipieren. Chambres d'Amis wurde prompt als beste europäische Ausstellung des Jahres ausgezeichnet und gilt noch heute als Referenz. Die belgische Künstlerin Sarah Vanhee zum Beispiel nahm sich diese Ausstellung zum Vorbild, als sie vor ein paar Jahren im Rahmen ihres Projekts Untitled in Gent, Löwen und Frankfurt ganz normale Menschen in deren Wohnzimmer ihre ‚Kunstsammlung‘ ausstellen und Besuchern erklären ließ, was es mit den Kunstwerken auf sich hat.
Heute ist die Darbietung zeitgenössischer bildender Kunst in Privaträumen schon lange keine Ausnahme mehr. 105Besme zum Beispiel ist ein dynamische Ort der Brüsseler Kunstwelt, an dem die Werke aufstrebender und etablierter internationaler Künstler ausgestellt werden. Dabei ist es eigentlich keine Galerie, sondern die Privatwohnung der Kuratorin Tania Nasielski. Und auch in Deutschland erleben Privat-Kunstsammlungen eine Blütezeit. Laut BMW Art Guide by Independent Collectors, der ersten Publikation, die einen Überblick über private, öffentlich zugängliche Kunstsammlungen in etwa vierzig Ländern bietet, gibt es in keinem Land mehr Privatsammlungen als in Deutschland, und seit den neunziger Jahren sind diese auch immer häufiger der Öffentlichkeit zugänglich.
 

Live im Wohnzimmer

Konzert im Wohnzimmer: Salon Bombardon Konzert im Wohnzimmer: Salon Bombardon | © Hylke Gryseels Ein weiteres Phänomen, das sich immer größerer Beliebtheit erfreut, sind die sogenannten Wohnzimmerkonzerte. Initiativen wie Living Room Music Festival, Live in your Living Room, Living Piano, Rent a pianist – oder Bedroomdisco und Live in the living in Deutschland – verleihen dem Konzept der „Hausmusik“ eine ganz neue Bedeutung. Klassische Hauskonzerte werden auch weiterhin angeboten, aber in dieser Nische sorgt vor allem die Verschmelzung von populärer Musik und sozialen Medien für den Erfolg. Es werden Privaträume zur Verfügung gestellt, die Kosten werden geteilt, und neben der künstlerischen Erfahrung spielen auch der soziale Aspekt und der direkte Kontakt mit den Künstlern eine wichtige Rolle. Nach dem amerikanischen Vorbild Gigit und den Vorbildern aus Großbritannien und Frankreich Sofar (Songs from a room) bzw. Concert en Appart hat sich nun auch in Belgien eine Art Airbnb für Wohnzimmerkonzerte entwickelt. Living Concerts ist eine digitale Plattform, auf der Musikliebhaber mit einem geräumigen Wohnzimmer und Künstler auf der Suche nach Auftrittsmöglichkeiten zueinander finden können, ohne dass Plattenfirmen, Konzertpromoter oder Konzertsäle involviert sind. Schon mehr als zweitausend Wohnzimmerbesitzer und etwa hundertfünfzig Künstler haben sich auf der Webseite eingeschrieben. Für die Musikfans ist der intime und exklusive Charakter eines solchen Konzerts mal etwas anderes als große Stadien und Festivals, die einen übermannen. Die Musiker bekommen neben der Möglichkeit zu spielen zudem ein andächtigeres Publikum als bei einem Cafékonzert. Einige Ensembles sehen Wohnzimmerkonzerte auch als eine gute Vorbereitung auf eine echte Tournee durch größere Säle. 2012 gingen sogar die legendären Toten Hosen auf Wohnzimmer-Tour durch ganz Deutschland.
 

Tupperware-Theater

Begeistertes Publikum | Salon Bombardon © Hylke Gryseels Und dann ist da noch das Theater. Junge Kunstschaffende tauschen immer häufiger den Plüsch der klassischen großen Theater gegen die Welt außerhalb der Theatermauern und gehen dabei auch auf die Suche nach Wohnzimmern. Im französischsprachigen Belgien bestehen mehrere kleinere Ensembles wie Lézart-sur-Senne oder 2 ou 3 petites choses, die sich speziell auf dieses ‚théâtre d’appartement‘ oder ‚Tupperwaretheater‘ spezialisiert haben. Im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek sorgt das Festival Salon Bombardon schon seit Jahren dafür, dass Kunstinteressierte zu einem demokratischen Preis in Privathäusern verschiedener Schaerbeeker Viertel Podiumskünstler unterschiedlicher Disziplinen kennenlernen können – was auch einen sozialen und gemeinschaftsfördernden Effekt hat. Auch in Deutschland ist dieses Phänomen bekannt. Theater@home aus Bonn passt Theaterklassiker an kleine Besetzungen an und ändert die Namen von Figuren auf Wunsch in die der Zuschauer. Auch auf dem Festival Flurstücke in Münster treten internationale Theatergruppen in Wohnungen auf.
 

Experiment

Um ein Gesamtbild wiederzugeben, dürfen auch experimentelle Initiativen wie Dichters in huis, Sofa Cinema oder Gefängniskonzerte nicht unerwähnt bleiben. Einige verschwinden nach einiger Zeit wieder, weil das finanzielle Konzept nicht stimmt, das Publikum keinen Geschmack an diesen Initiativen findet oder das Know-how von Kuratoren, Konzertorganisatoren oder Theaterdirektoren fehlt. Trotzdem sieht es sehr danach aus, dass die Künste nun definitiv Einzug in das Wohnzimmer gehalten haben.

 

EIN KÜNSTLER IN IHREM WOHNZIMMER

Haben Sie schon immer davon geträumt, Ihr Wohnzimmer zu einer Bühne zu machen? Einen Künstler bei sich zu Hause auftreten zu lassen? Dem Rattern eines 16mm-Projektors zu lauschen, während ein Zelluloidstreifen durch ihn hindurchfährt? Dann haben Sie jetzt die Gelegenheit. Denn der Vibrafonist, Komponist und Theoretiker Christopher Dell, der Kontrabassist Sebastian Gramss und die Tänzerin Anna Senognoeva, der Roman- und Theaterautor Jakob Hein, der Künstler Nadim Vardag und die Theatergruppe Rimini Protokoll suchen geeignete Plätze für Vorführungen - und das in privaten Räumen. 
Laden Sie Freunde und Bekannte zu einem außergewöhnlichen Erlebnis in Ihr Wohnzimmer, Ihr Atelier oder Ihre Mansarde ein.

Mehr zur Veranstaltungsreihe "Hausbesuch" und das Bewerbungsformular finden Sie hier.  

21.-22.10.2015: Sebastian Gramss & Anna Senognoeva | Musik, Tanz

29.-30.10.2015: Christopher Dell | Gespräch, Musik

05.-06.11.2015: Nadim Vardag | Film, Gespräch

19.-20.11.2015: Jakob Hein | Gespräch, Kochen

02.-05.12.2015 : 16 mm | Film

19.-20.12.2015: Rimini Protokoll | Theaterperformance