Zum Tod von Toots Thielemans Der Weltstar mit der Mundharmonika aus Trossingen

Toots Thielemans
Toots Thielemans | © Jos Knaepen

Der große belgische Jazzmusiker spielte nur auf Instrumenten der Firma Hohner. Die werden in einer Kleinstadt im Schwarzwald produziert.

Er wählte die Mundharmonika und machte dieses kleine Instrument zum großen Gefährten des Jazz sowie sich selbst zum „Harmonica Titan“, wie die Washington Post über ihn schrieb. Toots Thielemans, einer der bedeutendsten belgischen Musiker, ist Ende August in Brüssel gestorben. Er wurde 94 Jahre alt. Thielemans‘ Markenzeichen waren der Schnauzer, das dicke Brillengestell und die Mundharmonika, die er in filigranen Händen hielt. Seine Wahl verband Thielemans jahrzehntelang mit der deutschen Firma Hohner. Er habe ausschließlich auf Instrumenten gespielt, die aus dem baden-württembergischen Trossingen stammen, heißt es aus der traditionsreichen Instrumentenmanufaktur im Schwarzwald. Dort entwickelte man sogar zusammen mit Thielemans in den Achtzigerjahren zwei Modelle nach seinen Wünschen: die etwas sanfter klingende Mellow Ton und die Hard Bopper für schnellere Stücke. „Schon als Thielemans 2014 aus Altersgründen beschloss, nicht mehr öffentlich aufzutreten, war dies ein Riesenverlust für die Jazzszene“, sagt Richard Weiss, Produktmanager von Hohner. Sein Tod aber habe nun eine ganz andere Tragweite. „Er war die beeinflussende Größe und Vorbild für Musiker auf der ganzen Welt.“ Selbst Präsident Barack Obama, bekanntermaßen Jazz-Liebhaber, richtete in einem Kondolenzschreiben sehr persönliche Worte an Thielemans‘ Witwe.

Musik für Ernie und Bert

Thielemans, als Jean-Baptiste Frédéric Isidor 1922 in Brüssel geboren, wächst mit Musik auf. Beeindruckt von den Akkordeonspielern im Café seiner Eltern in den Marollen, lernt er selbst schon jung Akkordeon und Gitarre. Er wäre wohl auch als Gitarrist erfolgreich geworden, hätte er nicht als 17-Jähriger die chromatische Mundharmonika von Hohner für sich entdeckt. Das Besondere daran: Ein kleiner Schieber macht die Halbtöne spielbar. Thielemans hatte sein Instrument und seine Bestimmung gefunden. Ab den Fünfzigerjahren lebt er in den USA und schafft es, sich dort als Europäer durchzusetzen. Er spielt mit den Stars seiner Zeit: Benny Goodman, Ella Fitzgerald, Dizzy Gillespie, Oscar Peterson genauso wie später mit Steve Wonder, Quincy Jones oder Sting. Kritiker schwärmen von der Leichtigkeit und Präzision seiner Töne, die so melancholisch sein können und so fröhlich. Wohl populärstes Beispiel für die unvergleichlich unbeschwert wirkende Art seines Spiels ist die Titelmelodie zu der Kinder-TV-Serie Sesamstraße, die er selbst komponierte. Sein berühmtestes Stück, das er anfangs in den Sechzigerjahren zur Gitarre spielend unvergleichlich pfiff: Bluesette.

Ein Instrument für Millionen

Die Mundharmonika gilt als das meistgebaute Musikinstrument der Welt. Jeder kann allein durch aus- und einatmen Töne kreieren, auch ohne Noten lesen zu können. Thielemans aber machte das hosentaschengroße Instrument konzertsaalfähig. 1857 gründet der Uhrmacher Matthias Hohner seine Firma, die sich schnell vergrößerte. Ab 1920 fertigte man in Trossingen jährlich mehr als 20 Millionen Mundharmonikas, 1928 hat Hohner sogar 22 Millionen verkauft. Heute verlassen immerhin noch zwei Millionen Stück das Werk in Deutschland, dazu Akkordeons, Melodicas, Blockflöten und Gitarren. Ein Museum in Trossingen erzählt die bewegte Geschichte der Firma und zeigt mit 25.000 verschiedenen Mundharmonikas, die weltgrößte Sammlung ihrer Art.

Das schwäbische Unternehmen pflegt seine Tradition und die Kontakte zu Musikern im In- und Ausland. Bob Dylan, Bryan Adams, Billy Joel, Bruce Springsteen, sie alle spielen auf Hohner-Instrumenten, auch Marius Müller Westernhagen, Malcom Arison von The Bob Hoss und Sasha als Rockabilly Dick Brave.  Alle vier Jahre findet in Trossingen das World Harmonica Festivall statt. Dann ist die nur 16.000 Einwohner große Instrumentenstadt eine gigantische Musikarena mit Workshops, Wettbewerben, Ausstellungen und Konzerten. Beim kommenden Festival im November 2017 wird man sich dort sicher an Toots Thielemans erinnern.