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Die Sauna gehört zu Finnland wie die Fritten zu Belgien. Und während man hierzulande den einen oder anderen Politiker an der Pommesbude antrifft, zieht man sich andernorts in die Intimsphäre eines Badehauses zurück. Schließlich hat sich bei 100 Grad schon so manch Hartgesottener erweichen lassen.

„Die Sauna ist ein idealer Platz, um Abmachungen zu treffen, Freundschaften und Frieden zu schließen“, sagte Pertti Torstila vor einigen Jahren in seiner Rede auf dem XV. Internationalen Sauna-Kongress in Tokio. Torstila, damals Staatssekretär im Finnischen Außenministerium, pries ausführlich die kulturellen, aber vor allem die diplomatischen Werte der Sauna. Bei großer Hitze dauerten Entscheidungen und Verhandlungen weniger lange, erklärte er. Eine Sauna kühle aufgeregte Gemüter und ließe politische Differenzen schmelzen.

Als gebürtiger Finne wusste Torstila sehr genau, wovon er sprach. Auf etwa 5,5 Millionen Einwohner in seinem Heimatland kommen über drei Millionen Saunen. Von ihnen gibt es mehr als Autos in dem dünn besiedelten Land. Während anderswo täglich Millionen Menschen schwitzend im Stau stehend, ziehen sich die coolen Nordländer dazu regelmäßig in die entspannte Atmospäre einer Sauna zurück. Sie fahren gut damit, gesundheitlich auf jeden Fall, denn das Wechselspiel aus Hitze und Abkühlung trainiert das Herz-Kreislauf-System.

In Finnland gehört die Sauna, wie in Japan die Steinsauna Kamaburo und in der Türkei das Dampfbad Hamam, zum jahrhundertealten Kulturgut. Und doch ist der Stellenwert in dem nordeuropäischen Land ein höherer. Es dauert nie lang, bis das Wort „heilig“ fällt, bittet man einen Finnen zu erklären, was die Sauna bedeute. In früheren, bäuerlich geprägten Zeiten war der mit Holz ausgekleidete Raum oft der ruhigste und vor allem hygienischste einer Familie. Hier wurden Kinder geboren und Verstorbene verabschiedet. Mit der zunehmenden Urbanisierung im 19. Jahrhundert entstanden Saunen allerorten: in öffentlichen Gebäuden, in Universitäten, im finnischen Parlament und in größeren Firmen sowieso. Bis heute ist die Sauna sowohl ein privater Ort für Familie und enge Freunde als auch eine Art Versammlungsraum, wo Textilien und Zwänge fallen und das gemeinsame Körpererlebnis im Vordergrund steht.

Selbst finnische Soldaten müssen auf Saunagänge nicht verzichten. Auf Friedensmission bringen sie ihre mobile Sauna mit. Die wird sogar in heißen Länder wie im zentralafrikanischen Tschad aufgebaut – angeblich mit höchster Priorität – um die Saunatradition zu verbreiten und mir ihr die Saunadiplomatie.

Außerhalb der eigenen Holzwände saunieren die Finnen meist nach Geschlechtern getrennt. Diese Gepflogenheit sorgte vor fünf Jahren für Schlagzeilen, als der finnische EU-Kommissar Olli Rehn ausschließlich eine Handvoll männliche Journalisten in die Sauna der Europäischen Kommission zu Hintergrund-Gesprächen einlud. Er ignorierte schlicht die Maßgabe, alle Journalisten, ob männlich oder weiblich, von kleiner oder auflagenstarker Zeitung, gleichermaßen zu informieren.

Ein Nein verschmilzt zum Ja

Derart politisch-korrekt dachte man im vergangenen Jahrhundert noch nicht. Urho Kekkonen, finnischer Staatspräsident in Zeiten des Kalten Krieges, lud regelmäßig russische Verhandlungspartner – Männer wohl gemerkt – an den Saunaofen. Da floß wohl nicht nur Schweiß, sondern auch Wodka und Bier, und am Ende war man einander meist ein Stück näher gekommen. Es heißt, Kekkonen habe so manch hartes „Niet“ seines Gastes bei mehr als 100 Grad Celsius in ein versöhnliches „Da“ schmelzen können.

Fremd ist den Russen die Idee nicht, diplomatische Beziehungen in Badehose aufzunehmen. Dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt und Leonid Breschnew, Generalsekretär der KpdSU, gelang es Anfang der Siebzigerjahre beim gemeinsamen Schwimmen im Schwarzen Meer, Vertrauen füreinander zu schöpfen.1971 etwa sprachen  die beiden Staatsmänner legendär lange über Ost-West-Politik. Auch von Helmut Kohl weiß man, dass er mit Boris Jelzin weltpolitisch entscheidende Debatten in vereinter Saunaatmosphäre führte. In der ehemaligen DDR traf sich ab 1968 die heimische Politelite an der Ostsee im Strandhotel Fischland inklusive Schwimmhalle und Trockensauna. Im Haus am Deich, wie eine Fernseh-Dokumentation über das Hotel heißt, wurde Politik gemacht - oder auch nur entschieden, welche Filme im Kino gezeigt werden durften.

Im mittlerweile umgebauten und renovierten Alt-Kader-Hotel wurde Angela Merkel bereits öfter gesehen. Man stelle sich vor: Die Kanzlerin, der gern nachgesagt wird, Probleme auszusitzen, hole sich Putin oder Erdogan in die angefeuerte Hütte. Vielleicht sollte sie es ausprobieren. Urho Kekkonen jedenfalls ist sicher: „Wenn man nackt diskutiert und zu einem gemeinsamen Entschluss kommt, ist es später schwierig, sein Wort nicht zu halten.“ Netzwerken ohne Kleider sei ein moralisches Gut.

 

Sweating for Europe

Das Event Sweating for Europe holt Europa-Parlamentarier von 24. bis 26. April 2017 in die Sauna. Politiker aus allen EU-Ländern sind eingeladen, abseits ihrer gewohnten Arbeitssituation über brandaktuelle Themen zu diskutieren. Die Teilnehmer sollen nach finnischer Tradition in ruhiger, aber schweißtreibender Atmosphäre mit kühlem Kopf Antworten finden auf europäische Fragestellungen. Ob nackt oder in ein Badetuch gewickelt, das können sie selbst entscheiden. Die mobile Sauna steht in unmittelbarer Nähe des Parlaments. Nach dem Saunagang werden die Diskussionen dann mit Publikum fortgesetzt.

Ein Projekt des Finnischen Kulturinstituts, des Goethe-Instituts Brüssel, der Alliance française, EUNIC und Visit.Brussels

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