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Mithu Sanyal
Im Karussell der Identitätsdebatten

Identitätspolitik kann schwierig, polarisierend und verwirrend sein. Der Kulturwissenschaftlerin und Autorin Mithu Sanyal gelingt es in ihrem ersten Roman, das Ringen um Identität und Deutungshoheit humorvoll und mit zahlreichen aktuellen akademischen und popkulturellen Referenzen aufzubereiten.

Von Helena Matschiner

Sanyal: Identitti © Carl Hanser Identitti ist der Name des Blogs der Studentin Nivedita. Sie veröffentlicht dort Ausschnitte ihres kontinuierlichen inneren Dialogs mit der hinduistischen Göttin Kali. Genährt werden die Themen des Blogs durch die Inhalte der Seminare ihrer Professorin Saraswati – eine Star-Professorin für Postkoloniale Theorie, die internationale Anerkennung genießt.

Die engagierte Saraswati setzt auf Selbstermächtigung von BIPoC (Black, Indigenous, People of Color) und sorgt für Aufsehen, als sie in ihrem ersten Seminar alle weißen Studierenden auffordert, das Seminar zu verlassen. Später erklärt sie, sie wollte die verbleibenden Studierenden zum vermutlich ersten Mal in ihrem Leben spüren lassen, was es bedeutet aufgrund der Hautfarbe Privilegien zu genießen. Für Nivedita und ihre Mitstudierenden wird Saraswati schnell mehr als eine bloße Dozentin: Sie rüttelt sie auf, verändert ihre Selbstwahrnehmung und ist damit Lebensberaterin und Vorbild. Durch ihren Einfluss entwickelt sich Nivedita zur „Out and Proud PoC“.

Race ist eine Story

Und dann passiert, was nicht passieren darf: Es kommt heraus, dass Saraswati eigentlich Sarah Vera Thielmann heißt und so deutsch ist wie das Pfandflaschensystem. Der daraufhin folgende mediale Shitstorm richtet sich nicht nur gegen Saraswati, sondern auch gegen Nivedita, die sich am Tag der Enthüllung – von der sie zu dem Zeitpunkt noch nichts wusste – in einem Radiointerview sehr euphorisch über ihre Professorin geäußert hatte. Nivedita zieht vorübergehend zu Saraswati, um den Anfeindungen zu entkommen. Außerdem sieht sie Saraswati in der Pflicht, ihr einige Antworten zu liefern.

Doch diese zeigt sich resistent gegen alle Vorwürfe. Wie Gender müsse man auch Race als soziales und politisches Konstrukt sehen. Dies sei die Prämisse der Postkolonialen Theorie und mit ihrem Passing habe sie diesen Gedanken lediglich konsequent zu Ende gedacht. „Es geht bei feministischer und antirassistischer Theorie darum, die Definitionsmacht über sich selbst zu bekommen. Wie könnt ihr mir die Definitionsmacht über mich selbst absprechen?“, fragt sie ihre Kritiker*innen.

Gefangen im Limbus der Identitätsdiskurse

In den auf den vermeintlichen Skandal folgenden Wochen bildet sich in der drückenden Sommerhitze in Saraswatis Wohnung – dem „Vogelnest“ hoch über der Straße – eine kleine Schicksalsgemeinschaft. Wie in der „Ewigkeit einer Echokammer“ gefangen, werden in der Zweck-WG intensive Diskussionen geführt, die sich doch nur im Kreis drehen.

Die Außenwelt dringt in Form von demonstrierenden Kritiker*innen vor dem Haus und Kommentaren in den sozialen Medien ein. Weltweit entfacht die Enthüllung eine heftige Diskussion um Identitäten und Deutungshoheiten, um Privilegien und Grenzüberschreitungen. Je stärker die Debatte hochkocht, desto ermüdender wird sie. Bis ein User in den sozialen Medien ermattet kommentiert: „Mir ist au a weng schwindelig, hei und dernei“.

Plädoyer für Liebe

Die Autorin lässt als Kulturwissenschaftlerin die wichtigsten Vertreter*innen der Postkolonialen Theorie zu Wort kommen. Dennoch liefert das Buch keine Antworten, sondern vermittelt vielmehr das Gefühl, dass alle Fragen berechtigt sind. Neben den Blogeinträgen Niveditas ergänzen auch die fiktiven Tweets realer Personen der Öffentlichkeit und Cameo-Auftritte bekannter Journalist*innen immer wieder den Erzählstrang, was der Lektüre angesichts der manchmal etwas redundanten Diskussionsverläufe sehr gut tut.

So humorvoll überspitzt die Darstellungen des Fan-Kults um Saraswati und ihrer vehementen Kritiker*innen teilweise sind, sieht die Autorin davon ab, dem Diskurs um Identitäten seine Bedeutung abzusprechen. Aber sie erinnert auch daran, dass es letztlich nicht um das Feilschen von Worten geht, sondern darum, dem Rechtsruck in der Gesellschaft geschlossen entgegenzutreten. Der Roman endet mit einem Plädoyer des US-amerikanischen Schriftstellers James Baldwin, auch bei Meinungsdifferenzen Mitmenschen mit Liebe zu begegnen, solange der Dissens nicht zu Herabsetzung oder Unterdrückung führt. Oder, frei nach Kali: Let love flow like a river.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Mithu Sanyal: Identitti
München: Carl Hanser Verlag, 2021. 432 S.
ISBN: 978-3-446-26921-7
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

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