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Els Moors
– 24. Februar 2022 –

Der Tag des russischen Angriffs auf die Ukraine stellt eine Zäsur in Europa, aber auch in der Welt insgesamt dar. Wir haben die belgische Schriftstellerin Els Moors eingeladen, diesen Tag aus der persönlichen Sicht zu beschreiben - einen Moment, den wir alle erlebt haben, doch jede*r von uns auf andere Weise.

Von Els Moors

„Ein Tag aber ist eine Stufe des Lebens. (…) Daher muss man mit jedem Tag auf das Gewissenhafteste verfahren, als wäre er der letzte der Reihe und bringe die Summe der Lebenstage zum Abschluss“, schreibt Seneca in seinem zwölften Brief an Lucilius.
Was ich so schön an diesem Gedanken finde, ist, dass ein Tag immer auch auf Menschenmaß ist, ein Tag ist so groß wie ein Mensch, ein Tag ist das menschlichste Maß der Zeit. Und kein einziger Mensch sollte unter der Maske welcher Ideologie oder Religion auch immer die Tage eines anderen mit Beschlag belegen dürfen.

Nach Tagen, Wochen, Monaten und Jahren von Infektionswellen und Coronamaßnahmen stehe ich morgens noch immer mir selbst und der Welt entfremdet auf, im Zustand der Bereitschaft. Nach all der öffentlichen Dressur leide ich am Coronasyndrom, selbst Ursache und Folge meiner eigenen Mürbheit.

Doch in dem Krieg, der heute in der Ukraine ausgebrochen ist, werden weder Masken, noch Schutzkleidung, noch Selbsttests Menschenleben retten können. Mit einem Mal hat jeder Freunde, die in Kiew leben. Mit meinem Freund in Kiew, ein niederländischer Schriftsteller, telefoniere ich am Morgen über Whatsapp. Ich rufe ihn an, glaube aber zunächst nicht, dass er rangehen wird. Alle rufen ihn jetzt an, da bin ich mir sicher, um ihn Dinge zu fragen, auf die er keine Antwort hat. Seine panische Angst erschreckt mich. Ich höre mich sagen, die Situation könnte sich endlos hinziehen.

2014 habe ich für die Literaturzeitschrift nY den Aufruf von Juri Andruchowytsch übersetzt. Er schrieb damals: „Die neue Generation Ukrainer wuchs in postsowjetischen Zeiten auf und akzeptiert grundsätzlich keine Diktatur. Wenn die Diktatur siegt, wird Europa sich auf das Vorhandensein von einer Art Nordkorea an seiner östlichen Grenze und auf – je nach Schätzung – fünf bis zehn Millionen Flüchtlinge einstellen müssen. Das ukrainische Volk kämpft für die europäische Werte einer freien und gerechten Gesellschaft und bezahlt dafür, ohne Übertreibung, mit dem eigenen Blut.“ Während mein Freund in aller Eile versucht, Kiew zu verlassen, und die Berichte im Laufe des Tages immer alarmierender werden, versuche ich in Brüssel zu fühlen, was ich, jetzt da Krieg ist, fühlen könnte.

Angst beengt

Auf eine Café-Terrasse lese ich Texte, um mich auf ein Schreibatelier am Abend vorzubereiten. Die U-Bahn-Station Schuman ist wegen einer Dringlichkeitssitzung von europäischen Spitzenpolitikern gesperrt. Neben mir sitzt ein Niederländer, der sich eine Zigarette nach der anderen ansteckt und am Telefon mit dem Verkauf von Drohnen prahlt, ein Millionendeal, der seine Anwesenheit in Brüssel während des europäischen Gipfeltreffens erklärt. Ich überlege, das Gespräch mit meinem Smartphone aufzunehmen und online zu stellen.

Mir kommt der Gedanke, dass Angst beengt. Ich selbst bin auch beengt geworden. Beengter als einen erfüllten, gelebten Tag, behandele ich seit Corona jeden neuen Tag wie die schmale Gefängniszelle, die ich selbst geworden bin. Die Häuser, die in wenigen Sekunden von Bomben zerstört werden, müssen an vielen langen Tagen wieder aufgebaut werden. Die Menschen, die heute sterben, werden nie wieder aufstehen, um die Sonne aufgehen zu sehen.

Geflügelte Worte

Später, als ich Worte für die Gefühle suche, die ich jetzt, da Krieg ist, haben müsste, stoße ich im Internet auf das Skript einer Studentin, die sich auf die Suche nach den am häufigsten vorkommenden geflügelten Worten im Russischen gemacht hat. Manche stammen von Dichtern wie Puschkin, manche sind Entlehnungen aus anderen Sprachen. Ich füge sie aneinander und bastle einen Text daraus, in der Hoffnung, dass die russischen und ukrainischen Brüder und Schwestern alle geflügelten Worte als die ihren erkennen werden. Ich baue auch noch zwei Zeilen von Plato ein, denn wie Seneca in demselben Brief an Lucilius sinngemäß schreibt: Die besten Gedanken sind Gemeingut. Und selbst füge ich noch hinzu: Und so wie die friedvollen Tage werden sie uneigennützig geteilt. Dieses Gedicht ist wie ein neuer, erfüllter Tag, von dem ich hoffe, dass er kommen wird.

hier lässt uns die Natur einen Fuß europawärts
am Meer hier muss ein Fenster aufgemacht werden
diese Gegend unerschrockener Idioten kennt
Politik mit Peitsche und mit Zuckerbrot

von allen wilden Tieren ist der kleine Putin das
am schwersten zähmbare
was er hat bewahrt er nicht sondern
er weint wenn er es verloren hat

trauere nicht schrei nicht heul nicht
alles geht vorbei wie Rauch
der weißen Apfelbäume
wer ist in Russland glücklich?

der Fisch fault vom Kopf her
der Traum eines Idioten wurde wahr
nur die Toten werden das Ende
des Krieges erleben

du und ich Bruder wir gehören zum Fußvolk
und der Sommer ist besser als der Winter
mit dem Krieg haben wir abgerechnet
nimm deinen Mantel

lass uns nach Hause gehen



Mit Dank an Nele Peersman für ihre Studie „Een overzicht van actuele gevleugelde uitdrukkingen in het Russisch, hun afkomst en vertaling in het Nederlands“ (Eine Übersicht über aktuelle geflügelte Worte im Russischen, ihre Herkunft und Übersetzung ins Niederländische).

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