Peyo Ein Zeichner mit kommerziellem Gespür

Peyo
© IMPS & Gianfranco Goria via flickr.com

Es gibt sie schon mehr als fünfzig Jahre – die Schlümpfe. Alles begann mit einem Comic, in dem sie nicht einmal die Hauptrolle spielten. Bald sollte sich daraus ein gigantisches Imperium entwickeln. Der neueste Coup ist eine amerikanische 3D-Verfilmung.

Es ist nicht übertrieben, die Schlümpfe als einen der erfolgreichsten Ableger der Geschichte und eins der erfolgreichsten belgischen Exportprodukte aller Zeiten zu bezeichnen. Ihren ersten Auftritt hatten die blauen Männchen 1958 in La Flûte à six schtroumpfs (Die Schlümpfe und die Zauberflöte), eine Abenteuergeschichte aus der Comic-Serie Johann und Pfiffikus. Darin spielten sie lediglich eine Nebenrolle. Es sollte ein kurzer aber beeindruckender, einmaliger Auftritt sein. Doch der Zeichner Pierre Culliford (1928–1992) erkannte anhand der Reaktionen der Leser des Wochenblatts Spirou (in dem der Comic als Fortsetzungsgeschichte publiziert wurde) sofort, dass mehr in den Figuren steckte. Culliford, der das Pseudonym Peyo gebrauchte, war nicht nur ein hervorragender Zeichner und Erzähler, er hatte auch ein sehr gutes kommerzielles Gespür. Und so bekamen die Schlümpfe ihre eigene Comic-Serie.

Blaue Figuren aus deutscher Produktion

Es dauerte nicht einmal ein Jahr, bis die Schlümpfe auch für Werbekampagnen eingesetzt wurden. Die erste große Aktion verlief in Zusammenarbeit mit Kellogg’s. Das Unternehmen verteilte kleine Schlumpf-Figuren, um Reklame für seine Cornflakes zu machen. Der Erfolg war überwältigend. Als Bully Figuren, der deutsche Hersteller der Figuren, Peyo vorschlug, die Produktion auch ohne Kellog’s fortzusetzen, war der Zeichner sofort einverstanden und stellte den Plan seinem Herausgeber Dupuis vor. Der reagierte eher unglücklich: „Herr Culliford, wir verkaufen bedrucktes Papier, kein Plastikspielzeug“. Peyo machte daher auf eigene Faust weiter ; er sollte in den nächsten dreißig Jahren 300 Millionen Plastik-Schlümpfe verkaufen. Bis heute gehen sie zu Zehntausenden über den Ladentisch. Wenn bei Dupuis gelacht wurde, dann nur aus Galgenhumor. Peyos guter Freund und Fachkollege André Franquin, der Mann hinter Gaston, sagte einmal: „Pierre hat nicht um das ganze Merchandising gebeten. Aber als es einmal da war, hat er sofort die Kuh bei den Hörnern gepackt. Er ist einer der wenigen Comic-Macher mit einem Sinn für das Kommerzielle.“

Peyo machte nicht alles selbst, er ging auf die Suche nach Mitstreitern – und fand sie auch. Bully Figuren gehörte zum Beispiel dazu, aber auch Raymond Leblanc. Der flamboyante Brüsseler Herausgeber des Wochenblatts Tintin–Kuifje und Direktor des Verlages Lombard war der größte Konkurrent von Dupuis und dem Wochenblatt Spirou. Leblanc hatte in Brüssel das Zeichentrickfilmstudio Belvision gegründet und wollte animierte, auf Comics basierende Filme produzieren. Die bekanntesten Helden aus seinem eigenen Verlag waren allerdings meist realistische Figuren, die für die Darstellung in Zeichentrickfilmen weniger geeignet waren. Leblanc fasste daher die Schlümpfe ins Auge. Nach kurzen Verhandlungen machte dieses Mal auch Dupuis mit. Der Film Die Schlümpfe und die Zauberflöte wurde schließlich ein großer Erfolg.

Von Vater Abraham bis Hanna-Barbera

Der Comic, der Zeichentrickfilm, das Merchandising und die Werbekampagnen – alles fügte sich zu einem großen Ganzen zusammen, das Peyo ein beträchtliches Einkommen lieferte. Die Schlümpfe wurden vor allem in den niederländisch- und französischsprachigen Teilen Europas sehr bekannt. Doch das war noch nicht das Ende: der niederländische Schlagersänger Pierre Kartner machte unter dem Pseudonym Vader Abraham eine Platte mit dem Lied der Schlümpfe. Erst wurde es ein Hit in Holland und Flandern, später auch im Rest der Welt. Auf den Schultern von El Padre Abraham (für die spanische Version), Vater Abraham (in Deutschland) und Father Abraham (in der englischsprachigen Welt) eroberten die Schlümpfe die Welt. Keine Marketingkampagne hätte erfolgreicher sein können. Als der amerikanische Fernsehsender NBC kurze Zeit später den Vorschlag unterbreitete, eine Zeichentrick-TV-Serie über die Schlümpfe zu machen (die von den Hanna-Barbera Studio produziert werden sollte), war das letzte Puzzlestück gelegt: Peyo hatte um seine eigenen Figuren herum eine vielseitige kommerzielle Welt erschaffen. Den Schlümpfen war damit auf Anhieb gelungen, was Tim und Struppi nie wirklich geschafft hatten – sie eroberten Amerika.

Heute, zwanzig Jahre nach Peyo, ist ein Ende des Erfolges nicht in Sicht. Dank des ehrgeizigen Rundumansatzes tauchen die Schlümpfe in allen Medien auf. Sohn Thierry Culliford kümmert sich um die künstlerische Seite des Nachlasses und beaufsichtigt unter anderem die Albenproduktion. Tochter Veronique Culliford hält die Zügel der kommerziellen Verwertung sehr straff. Der Familienbetrieb IMPS (International Merchandising Promotion and Services) verwaltet den Nachlass und betreut neue Projekte, wie beispielsweise den amerikanischen Kinofilm. Der kam im Sommer 2011 heraus und soll der erste von drei Filmen sein. Die Kritik zeigte sich wenig angetan, aber das Publikum kam massenweise und amüsierte sich köstlich. Der Comic, mit dem alles angefangen hatte, ist inzwischen zu einem kleinen Rädchen im Großen und Ganzen geworden.