Multikulturelle Metropolen Brüssel – Insel internationaler Mobilität

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Die Durchlässigkeit der Branchen in Brüssel ist im europäischen Vergleich einzigartig. Mit ihrem hohen Anteil ausländischer Arbeitnehmer, die fast die Hälfte aller Beschäftigten der Stadt ausmachen, sowie den zahllosen, international bedeutenden Arbeitgebern aus dem öffentlichen und privaten Bereich ist die Joblandschaft in der „Hauptstadt der EU“, selbst in Zeiten der Krise attraktiv.

„Der Arbeitsmarkt hat sich auch hier verschlechtert,“ sagt Astrid Grunert. Sie ist gebürtige Deutsche und arbeitet seit elf Jahren in der belgischen Hauptstadt. „Die Jugendarbeitslosigkeit ist sehr hoch und es besteht die Gefahr, in einer Endlosschleife schlecht bezahlter Praktika zu landen. Trotzdem ist Brüssel für all diejenigen, die im internationalen Bereich arbeiten möchten und gern mobil bleiben, vermutlich die beste Stadt Europas.“ Astrid weiß, wovon sie spricht. Sie hat vorher in Paris und in Wien gelebt – zwei Städte, die ebenfalls für ihre internationale Ausrichtung bekannt sind. In Brüssel brachte ihr beruflicher Werdegang sie zunächst zur Thüringischen Landesvertretung, dann in die Privatwirtschaft zur Vertretung von BMW bei der Europäischen Union, wieder zurück in den behördlichen Bereich zur Deutschen Botschaft und schließlich in die Welt der Verbände. Heute ist sie bei der International Association of Classification Societies, einem Verband für maritime Qualitätskontrolle, als Kontaktperson zur EU beschäftigt.

Mobiler Einstieg

EU-Institutionen sind längst nicht mehr der einzige Magnet für globale Kompetenzen. Internationale Organisationen wie die NATO oder Eurocontrol, die Agentur für Flugsicherung, haben ihre Hauptquartiere in Brüssel. Die World Customs Organisation beschäftigt allein über 150 Angestellte und bietet unter anderem Fortbildungsprogramme für Frachtkontrolle und Drogenbekämpfung an. Diese richten sich an Zollbeamte, deren klassisches Profil im zusammenwachsenden Europa immer weniger gefragt ist und die auf diese Weise eine zukunftsfähigere Berufschance erhalten.

Weitere Organisationen wie die International Labour Organisation (ILO) oder die International Organisation for Migration (IOM) haben große Zweigstellen in Brüssel und suchen regelmäßig Mitarbeiter für ihre Expertenpools. „Unsere Büros in Brüssel beschäftigen Personal aus vier Kontinenten und spiegeln so die Vielfalt der Menschen, die in dieser Stadt leben und arbeiten,“ bemerkt Annelie Mertens, Personalkoordinatorin bei IOM Brüssel.

Auch die internationale Industrielandschaft kann sich in Brüssel sehen lassen. Neben zahlreichen anderen Unternehmen haben Marktführer wie Toyota, Levi Strauss und Boeing ihre europäischen Zentralen in und um die belgische Hauptstadt postiert und fragen mittel- und hochqualifizierte Fachkräfte aus der ganzen Welt nach. Die Arbeitssprache ist dabei meist Englisch, was einen Einstieg für all diejenigen, die Französisch oder Niederländisch noch nicht meistern, zusätzlich erleichtert.

Eine der beliebtesten Stellenportale ist die Website Eurobrussels.com, die sich auf europäische und internationale Jobs in Belgien und anderen Ländern spezialisiert hat. Der Löwenanteil der Anfragen geht von Bewerbern ein, die Englisch als ihre Hauptsprache angeben und dabei in Belgien ansässig sind.

Die EU-Institutionen beschränken sich bei der Personalauswahl nicht nur auf Auswahlverfahren, den sogenannten „Concours“, um Funktionäre unbefristet einzustellen. Vielmehr bieten sie alternative Zugangsmöglichkeiten für befristet eingestellte nationale Experten durch Abordnung der Mitgliedsstaaten an oder sie schließen Beraterverträge für eine bestimmte Projektlänge ab.

Moderne Arbeitgeber

Weitere mobilitätsfördernde Arbeitgeber sind die internationalen Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs). Brüssel beherbergt mehr als 1.200 NGOs, deren Aufgabengebiete von Lobbyarbeit über Entwicklungshilfe bis zu Dokumentarfilmen reichen. Weltweit einflussreiche Organisationen wie Oxfam oder Caritas sind prominent vertreten und stabilisieren somit den Standort Brüssel als Trendsetter für zukunftsfähige Arbeitsstellen im Non-Profit-Bereich. Viele NGOs haben sich dezidiert in Brüssel angesiedelt um in der Nähe der EU-Institutionen zu sein. Jose Antonio Arranz, der Leiter für internationaler Beziehungen bei ACCEM, einem Wohlfahrtsverband für Flüchtlinge, drückt es so aus: „Hier werden Entscheidungen getroffen. Es ist unabdingbar für uns, ganz nah dran zu sein.“

Brüssel ist mit seinem reichen Angebot an heterogenen, global ausgerichteten Arbeitgebern und Möglichkeiten zu Quereinstiegen sowie Branchenwechseln eine echte „Insel“ der internationalen Mobilität. Gleichwohl kann der Eintritt in das Brüsseler Berufsleben beschwerlich sein, da auch hier, wie in vielen Ländern bereits üblich, nur ein geringer Teil der zu besetzenden Stellen öffentlich beworben wird und die internationalen Netzwerke zunächst einmal erobert werden wollen. Falls ein Bewerber den Sprung in den heimischen Arbeitsmarkt der europäischen Hauptstadt wagen möchte, sei auf die relativ hohe Arbeitslosigkeit von über 20 Prozent in Brüssel-Stadt hingewiesen. Außerdem können die lokalen Nettolöhne, insbesondere bei Facharbeitern, bis zu einem Drittel niedriger ausfallen als in Deutschland.

Astrid Grunert empfiehlt all jenen, die ihren Fuß gern auf diese Insel setzen möchten, nicht auf gut Glück loszusegeln, sondern sich vor dem Umzug genau zu überlegen, wo sie arbeiten möchten. „Kontakte sind notwendig“, fügt sie hinzu. „Nirgendwo kann man besser netzwerken als in Brüssel.“

Apropos Netzwerken: Brüssel besitzt auch ein hervorragendes Netz für selbstständige Künstler. Die Interessenvertretung SmartBE leistet nicht nur Rechts- und Vertragsberatung für Künstler, sondern bietet auch Schulungen, Projektdatenbanken, einen Minibus-Service für den Kunsttransport und eine wechselnde Online-Ausstellung an. 2011 half SmartBE beim Abschluss von über 140.000 Verträgen im Kunstbereich und wirkte in mehr als 7.000 Aktivitäten mit.

Astrid zeichnet und schreibt in ihrer Freizeit. Vielleicht eröffnet sich da noch eine weitere Brüsseler Berufsmöglichkeit für sie.