Arbeitsmigration Wie findet ein Brüsseler eine Stelle in Berlin?

© EURES & Colourbox
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Als Beraterin des europäischen Netzwerks für berufliche Mobilität EURES kümmert sich Hilde Theunkens darum, Arbeitssuchende aus Brüssel ins Ausland zu vermitteln. Die wichtigsten Zielländer sind Frankreich, das Vereinigte Königreich und Deutschland. Doch trotz Krise lockt es viele auch in sonnigere Teile Europas. Und auch das internationale Flair der europäischen Hauptstadt wirkt sich auf die Mobilität seiner Bewohner aus.

EURES richtet sich prinzipiell an alle Bürger der Europäischen Union. Vermitteln Sie eher belgische Arbeitnehmer in andere europäische Länder oder EU-Bürger nach Belgien?

Brüssel hat eine hohe Arbeitslosenquote, sie liegt bei rund 20 Prozent. Die Kunden von Actiris International sind vor allem Menschen aus Brüssel, die im europäischen Ausland arbeiten möchten. Auch Arbeitssuchende, die aus anderen Ländern nach Brüssel kommen, erhalten bei uns erste Informationen, aber wir verweisen sie dann an andere Dienste von Actiris, dem öffentlichen Arbeitsamt der Region Brüssel.

In welche Länder zieht es die meisten Arbeitssuchenden aus Brüssel?

Wir arbeiten vor allem mit vier europäischen Ländern: Frankreich, Luxemburg, Deutschland und England. Viele Leute möchten nach Spanien, aber wegen der dortigen/hohen Arbeitslosigkeit ist es schwierig, Kandidaten dort eine Stelle anzubieten.

Warum sind diese Länder so beliebt?

Wenn jemand nach Frankreich oder England gehen möchte, dann ist das meistens wegen der Sprache. Nach Deutschland gehen die Leute, weil es dort viele freie Stellen gibt. Hier in Brüssel herrscht eine große Arbeitslosigkeit unter den Facharbeitern, die in Deutschland gesucht werden. Und die spanische Sonne hat sicherlich auch ihre Anziehungskraft!

Was für ein Profil haben die Menschen, die in anderen europäischen Ländern arbeiten möchten?

Die meisten Kandidaten sind höher gebildet. Der erste Schritt in Richtung Auslandserfahrung kann zum Beispiel ein Praktikum sein. Wir arbeiten mit den zwei europäischen Praktikumsprojekten Eurodyssée und Leonardo. Das sind Programme für sechsmonatige Berufspraktika im europäischen Ausland. Es ist eine erste internationale Erfahrung, die oft zu einem Arbeitsvertrag führt.

Aus welchen Ländern kommen die Menschen, die das Angebot in Brüssel am häufigsten in Anspruch nehmen?

Die meisten Neuankömmlinge kommen aus Frankreich. Spanien folgt an zweiter Stelle. Das hat natürlich mit der Wirtschaftskrise zu tun. Es gibt auch viele Anfragen aus Rumänien und Bulgarien, aber Menschen aus diesen Ländern brauchen bis Ende diesens Jahres/2013 noch eine Arbeitsgenehmigung, um in Belgien zu arbeiten.

Europaweite Suche nach dem idealen Profil

Wie verläuft ein Gespräch mit einem EURES-Berater normalerweise?

Erst sehen wir uns das Actiris-Dossier der Person an. Wir überprüfen, ob die Frage zur Mobilität ausgefüllt ist und welche Länder genannt werden. Als internationale Berater bestehen unsere Hauptaufgaben darin, die Arbeitssuchende zu informieren, sie zu begleiten und in Kontakt mit Arbeitgebern zu bringen. Für ein „Matching“ müssen wir für ein Stellenagebot den idealen Kandidaten finden.

Wie hoch ist die Erfolgsquote bei der Vermittlung?

Das lässt sich nur sehr schwer beziffern. Wenn die Arbeitnehmer erst einmal das Land verlassen haben und alles gut verläuft, hören wir meistens nichts mehr von ihnen. Es ist auch sehr schwer, von der Arbeitgeberseite mehr zu erfahren. Einmal im Jahr organisiert Actiris International so genannte „Jobdatings“ für Arbeitgeber, die mehrere Mitarbeiter suchen. Bei diesen Veranstaltungen bekommen wir immer eine positive Rückmeldung über die Vermittlungsquote.

EURES ist ein Netzwerk EU mit mehr als 850 Beratern. Wie sieht der Austausch innerhalb des Netzwerkes aus?

Wir sehen einander mehrere Male pro Jahr in kleinen Gruppen, wenn die Europäische Kommission Seminare oder Fortbildungen für uns organisiert. Jeder EURES-Berater hat mindestens eine Person im Ausland, mit der er regelmäßig in Kontakt ist.

Während es in manchen EU-Ländern, wie zum Beispiel Deutschland, einen Fachkräftemangel gibt, herrscht vor allem in den von der Krise betroffenen Mitgliedstaaten hohe Arbeitslosigkeit. Inwiefern kommt EURES der Auftrag zu, Arbeitskräfte in die Länder zu delegieren, in denen ihr Profil gesucht wird?

Innerhalb des EURES-Netzwerks wird in diesem Bereich sehr viel gemacht. In Brüssel haben wir momentan zwar keine bilateralen Projekte, aber es gibt zum Beispiel eine Initiative zwischen Deutschland und Spanien. Im Rahmen eines anderen Projekts wurden Ingenieure aus Portugal nach Norwegen vermittelt.

Der Krise mit Weltoffenheit begegnen

Inwiefern machen sich die Auswirkungen der Krise in Europa bei der Arbeitsvermittlung bemerkbar?

Wir bekommen sehr viele E-Mails aus Spanien und Griechenland. Aber wir müssen die Menschen in diesen Ländern auch darauf hinweisen, dass die Arbeitslosigkeit hier bei 20 Prozent liegt und dass Sprachkenntnisse sehr wichtig sind.

Wo können diese Leute Sprachen erlernen?

Wenn möglich, dann in ihrem eigenen Land. Arbeitssuchenden, die schon Aussicht auf eine Stelle haben und mindestens eine der zwei offiziellen Sprachen (also in Brüssel entweder Niederländisch oder Französisch) sprechen, bieten wir aber auch „Sprachschecks“ an. Damit können sie dann in einem Brüsseler Fortbildungszentrum einen Sprachkurs besuchen.

In Krisenzeiten nimmt die Zahl der Euroskeptiker wieder deutlich zu. Spüren Sie davon auch etwas bei Ihrer täglichen Arbeit?

Brüssel ist die Hauptstadt Europas, da fühlt man von Europaskepsis sehr wenig. Die Leute leben in einer internationalen Umgebung, daher ist es normal, dass sie auch einmal den Wunsch verspüren, ins Ausland zu gehen – entweder, weil sie arbeitslos sind oder einfach aus Neugierde. Wir sind Kosmopoliten und Weltbürger.

Das europäische Portal zur beruflichen Mobilität EURES richtet sich an europäische Bürger, die in einem anderen Mitgliedstaat bzw. Norwegen, Island, Liechtenstein und der Schweiz leben oder arbeiten möchten. Neben Informations- und Beratungsdiensten sind die EURES-Berater auch für die Vermittlung von Arbeitssuchenden in Berufe zuständig. Das 1993 gegründete Netzwerk bietet eine enge Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Kommission und den nationalen Arbeitsverwaltungen und Partnerorganisationen.