Freiraum

Freiraum © Sandra Kastl

Zum Workshop in Brüssel

„Europa und seine Institutionen haben sich Brüssel wie ein Fremdkörper eingepflanzt. Wie können wir den Fremdkörper integrieren und Brüssel wirklich zur Hauptstadt Europas werden lassen? Wie würde, wie könnte ein solches Brüssel aussehen?“:

Dies ist die Frage, die Ende September von Brüssel-Expertinnen und Experten im Rahmen des „Freiraum“-Workshops in der Beursschouwburg ausgearbeitet und vom Publikum bei einer öffentlichen Debatte ausgewählt wurde. 

Wie ist die Lage in Brüssel? Die europäischen Institutionen in Brüssel sind stetig gewachsen. Während sie in den sechziger Jahren eine Randposition einnahmen, beschäftigen sie heute über 40.000 Angestellte. Zahlreiche internationale Institutionen sind ihrem Beispiel gefolgt; insgesamt hat die Globalisierung fast 200.000 Expats in die Stadt gebracht. Zugleich ist Brüssel eine Stadt der Einwanderung aus der ganzen Welt, vor allem aus Nord- und Zentralafrika. Dieser demographische Wandel hat die Hauptstadt Belgiens zu einer kleinen Weltstadt gemacht. Fast zwei Drittel der Bevölkerung hat ausländische Wurzeln. Kurz gesagt, Brüssel ist eine extrem vielfältige Stadt.
 
Außerhalb Belgiens wird Brüssel jedoch hauptsächlich mit den EU-Institutionen identifiziert. „Brüssel hat entschieden“ ist eine gängige Bezeichnung dafür, dass Minister aus allen Mitgliedsstaaten bei einem Gipfel zu einem Schluss kommen. Zu oft wird die EU auf ihre bürokratischen Aspekte reduziert, und diese Zuschreibung gilt auch unsere Stadt. Es ist, als hätten sich die Mitgliedsstaaten zwar damit abgefunden, dass die Administration der EU in unserer Stadt angesiedelt ist. Doch die Chance, dass Brüssel das wahre Zentrum des europäischen Projekts sein könnte, bleibt ungenutzt.
 
In Wahrheit ist Brüssel eine Stadt mit vielen Gemeinschaften, Nationalitäten, Sprachen und Religionen - und außerdem die Hauptstadt eines Landes mit drei Sprachgemeinschaften. Diese Vielfalt hat sich aber noch nicht in der Idee einer gemeinsamen europäischen Bürgerschaft niedergeschlagen, einer Idee, die das Ansehen des europäischen Einigungsprozesses verbessern könnte.
 
Daher stellt sich die Frage: Wie können wir mit dieser Vielfalt besser umgehen, so dass Brüssel zum wahren Zentrum der EU wird? Wie würde ein solches Brüssel aussehen? Wie können wir uns von den Vorurteilen und den Zuschreibungen befreien und als urbaner Raum für alle Europäer in Erscheinung treten? Warum können wir Brüssel nicht als europäisches Laboratorium verstehen – als Freiraum – und eine weltoffene, europäische Stadt erfinden?
 
Zu unseren Freiraum-Experten und Expertinnen zählten:

  • Eric Corijn, Kulturphilosoph und Sozialwissenschaftler (VUB, Cosmopolis, Brussels Academy)
  • Philippe Van Parijs, Professor für Ökonomie und Sozialethik, Gründer des Basic Income Earth Network (UCL, KU Leuven, Oxford)
  • Tom Bonte, Leiter (Beursschouwburg)
  • Sophie Alexandre, Koordinatorin (Réseaux des arts de Bruxelles)
  • Leen de Spiegelaere, Koordinatorin (Brussels Kunstenoverleg)
  • Bie Vancraeynest, Programmleiterin Enter Festival (Demos)
  • An Descheemaeker, Koordinatorin (BRAL)
  • Cristina Nord, Programmleiterin (Goethe-Institut Brüssel)

Rückblick

  • Freiraum Workshop © Caroline Lessire
  • Freiraum © Caroline Lessire
  • Freiraum Workshop © Caroline Lessire
  • Freiraum Workshop © Caroline Lessire
  • Freiraum Workshop © Caroline Lessire

Zum Projekt

 

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AUSGANGSLAGE UND ZIELE

Europa ist im Begriff, sich zu ändern. Populistische und nationalistische Parteien erleben in vielen Ländern Zuspruch. Skepsis gegen die EU, wie sie sich zum Beispiel im Brexit-Referendum artikuliert, ist nicht auf Großbritannien beschränkt. Drastische Sparmaßnahmen suchen Portugal, Spanien oder Griechenland heim. Und der Integrationsprozess verläuft mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, so dass  Länder wie Rumänien oder Bulgarien eine Rolle am Rand einnehmen. Kurz, Europa ist auf vielen Ebenen herausgefordert und sucht nach Antworten.
 
Das Goethe-Institut versteht sich als Institution mit europäischem Auftrag. Es tritt für die Vision der europäischen Integration ein, macht sich für einen gemeinsamen europäischen Kulturraum stark, der auf kultureller Vielfalt und Eigenständigkeit basiert, und verpflichtet sich einem entsprechenden Wertekanon, der Inklusion, Offenheit, Freizügigkeit und Gerechtigkeit einschließt. Zugleich ist es sich der oben skizzierten Prozesse und des als krisenhaft empfundenen Status Quo bewusst. Blind am bisherigen Narrativ vom vereinten Europa festzuhalten, kann vor diesem Hintergrund leicht wie Realitätsverweigerung wirken. So wie Europa die Herausforderung annehmen muss, so muss auch das Goethe-Institut sein bisheriges europapolitisches Engagement akzentuieren. Nicht naiver Enthusiasmus, sondern die Bereitschaft zu produktiven, auch spannungsgeladenen Dialogen sollte dabei wegweisend sein.

Ein Beitrag zu dieser Neupositionierung ist das Großprojekt „Freiraum“, das 2017, 2018 und Anfang 2019 stattfinden soll. Im Mittelpunkt steht der Begriff der Freiheit, da er spätestens seit der Aufklärung für die europäische Kulturgeschichte und das europäische Selbstverständnis enorme Relevanz hat. Doch das Versprechen, das der Begriff birgt, hat an Glanz verloren. Seine Ambivalenz tritt heute deutlich zutage, und dies längst nicht nur, weil beispielsweise in Ländern wie Polen oder Ungarn – ausgerechnet dort also, wo die erzwungene enge Bindung an die Sowjetunion noch nicht lange zurückliegt, - ein antiliberaler Politikstil dominiert. Angesichts solcher Entwicklungen sind viele Partner des Goethe-Instituts verunsichert, manche sind tatsächlich bedroht. Ihnen möchte das Goethe-Institut Plattform zum Austausch und stabiler Partner sein. Es sucht zudem bewusst nach neuen Zielgruppen, seien es marginalisierte junge Menschen mit Migrationshintergrund, seien es diejenigen, die skeptisch und kritisch auf dieses Europa schauen, aber noch genügend Offenheit an den Tag legen, in einen Dialog einzutreten. Schließlich sollen auch diejenigen motiviert werden, die Europa und der EU gegenüber aufgeschlossen sind, aber dies für selbstverständlich nehmen und ihre Stimme nicht erheben.

VORGEHEN

Grundlegend für das Projekt ist der Netzwerk-Gedanke, der die Arbeit des Goethe-Instituts maßgeblich bestimmt. Damit er sich konkret manifestieren kann, werden  jeweils zwei der teilnehmenden Institute eng zusammenarbeiten und dabei ihre Partner einbeziehen. Bis Ende September 2017 entwickelt jedes teilnehmende Institut gemeinsam mit mehreren Partnern vor Ort eine Fragestellung zum Begriff der Freiheit, eine Fragestellung, die sich auf die oben genannten Themenfelder bezieht und dabei diejenige Problemlage identifiziert, die für den jeweiligen Standort große Relevanz besitzt. 
 
Im Dezember 2017 treffen sich die 38 Institute, bzw. Institutsduos mit jeweils einem oder zwei Vertreter des Partnernetzwerks. Ziel des Treffens ist es zum einen, die Fragestellungen zu kommunizieren, zum anderen, zwei Institute füreinander zu bestimmen. Warum diese Paarungen? Weil wir darauf vertrauen, dass eine Außenperspektive hilft, scheinbar festgefahrene Situationen neu und anders einzuschätzen. In der Verschiebung, in der Irritation der Wahrnehmung steckt ein erster Schritt hin zu einem kreativen Umgang mit der als problematisch empfundenen Lage. Außerdem sind wir davon überzeugt, dass die Expertise der einzelnen Institute es wert ist, geteilt zu werden, und dass genau dieser Austausch die Chance birgt, den als abstrakt empfundenen europäischen Gedanken mit Leben zu füllen. Aus jeder dieser Paarungen gehen zwei Projekte hervor, die an beiden Orten präsentiert werden. Der Zeitrahmen hierfür spannt sich bis Frühjahr 2019.