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Mein Garten, mein Salat, mein Solar Panel
Selbstversorgung als Ausweg aus der Krise?

Bewohner von Eotopia ernten Kartoffeln
Eotopia — ein Experimentierraum für Selbstversorger, der auf einer Ökonomie des Tauschens und Teilens basiert | Foto (Zuschnitt): © Eotopia

In Folge der Finanzkrise, die im Herbst 2008 ihren Anfang nimmt, steht die internationale Wirtschaft an einem Wendepunkt und mit ihr die Frage nach dem endlosen Wachstum. Doch welche Möglichkeiten haben wir, um zukünftige Krisen zu vermeiden? Die Antwort könnte lauten: Selbstversorgung. Oder?
 

Von Stefanie Eisenreich

Birnen aus Südafrika, skandalöse Massentierhaltung, Wasser aus den Quellen ferner Regionen: Immer mehr Menschen fordern lokale Alternativen – ohne Pestizide und zu erschwinglichen Preisen. Neben dem Klimawandel, der die globalisierte Agrarwirtschaft an ihre Grenzen bringt, sind es auch die Folgen der Wirtschaftskrise, die unser Ressourcen verschwendendes Konsumverhalten in Frage stellen.

Bereits in den 1970er-Jahren entwickelten Visionäre wie Rob Hopkins Ideen für eine nachhaltigere Zukunft. Der Engländer gilt als Gründervater der Transition Towns, der sogenannten Städte im Wandel. Im Zuge der Wirtschaftskrise kamen Ideen wie diese und Themen wie Selbstversorgung statt industrielle Landwirtschaft wieder in Mode. Seit einem Jahrzehnt sprießen Blogs von Selbstversorgern in Deutschland und Österreich aus dem Boden. Sie verabschieden sich aus der „Konsum-Gesellschaft“, um Obst und Gemüse für den Eigenkonsum anzubauen und autark zu leben.

Die Selbstversorger-Bewegung in Frankreich: Top oder Flop?

In Frankreich sind Blogs zum Thema bisher rar, Initiativen Einzelner wenig sichtbar. Manche haben jedoch das große Ganze im Blick: Seit 2014 setzen in Frankreich gleich ganze Städte auf das Prinzip Selbstversorgung und die damit verbundene Permakultur. Im südlichen Albi wie im nordfranzösischen Rennes möchte man beispielsweise bis 2020 soweit sein, die gesamte Stadt aus lokaler Produktion zu ernähren. In einem Umkreis von 60 Kilometern will man in Albi die lokale Landwirtschaft stärken, kurze Wege schaffen und damit die Umwelt schonen. Im Falle einer Lebensmittelkrise soll die Versorgung der Stadt gesichert sein. Eine ambitionierte Aufgabe.

Nach dem Vorbild der internationalen und aus England stammenden Bewegung Incredible Edible, die sich in Frankreich Les Incroyables Comestibles nennt, sollen im gesamten städtischen Einzugsgebiet Gemeinschaftsgärten entstehen. An der Universität, vor dem Krankenhaus oder auf kleinen terrassenartigen Vorgärten großer Wohnhäuser – überall dort, wo der Boden genutzt werden kann, will die Gemeinde Platz für Obst und Gemüse schaffen. Auch im Umland sollen Parzellen für den Gemüseanbau entstehen. Wer diese bewirtschaftet, verpflichtet sich gleichzeitig, das angebaute Gemüse auf dem lokalen Markt anzubieten. So der Plan.
Ausschließlich von der eigenen lokalen Produktion leben: Kann das funktionieren? Ausschließlich von der eigenen lokalen Produktion leben: Kann das funktionieren? | Foto (Zuschnitt): © Eotopia

Kann das funktionieren?

Im Jahr 2018 scheint man leider weit entfernt von der Selbstversorgung Albis. Laut einer Studie des französischen ThinkTank Utopies könnte die Stadt ihr Ziel zu 95 Prozent erreichen, wenn man die lokale Produktion gänzlich an die lokale Nachfrage anpassen würde. Bisher liegt die Selbstversorgung hier jedoch bei gerade mal 1,56 Prozent. Wie die Stadt die Selbstversorgung erreichen kann, geht aus der Studie allerdings nicht hervor. Auch ob dafür genug Land zur Verfügung steht ist unklar. Es fehlt zudem an konkreten Zahlen, die das Projekt untermauern könnten. Im Rathaus heißt es lediglich, man wolle 2020 auf einem guten Weg sein. Ob und wie die Selbstversorgung in Albi also erreicht werden kann, liegt derzeit noch im Dunkeln.

Flucht vor Digitalisierung und Geldwirtschaft

Aktuelle Gesellschaftsanalysen legen nahe, so schreibt die Soziologin und Ernährungswissenschaftlerin Claudia Neu, wie verunsichert die urbane Mittelschicht heute ist. Von Statuspanik geplagt, sei sie auf der Jagd nach der Work-Life-Balance. Eine erschöpfte Gesellschaft, die auf der Suche ist nach Entschleunigung, authentischen Erfahrungen und echter Natur. Die Suche nach Alternativen zum klassischen Konsummodell ist demnach nicht nur der Finanzkrise zu verdanken. Für Claudia Neu ist die Sehnsucht nach Nahraumerfahrungen, lokalen Produkten und zwischenmenschlichem Kontakt eng verknüpft mit der Digitalisierung und einer Welt am Bildschirm.

Selbstversorger und städtische Gemeinschaftsgärtner sind für die Soziologin die Aktivisten der neuen Ländlichkeit. Zu einem der wenigen und bekanntesten Vertreter zählt in Frankreich Benjamin Lesage. Der junge Mann geht sogar noch einen Schritt weiter als er mit zwei Freunden im Jahr 2010 auf Reisen geht, ganz ohne Geld. Seither hat er keinen Geldschein mehr in die Hand genommen. Er lebt heute in Südfrankreich und möchte gemeinsam mit anderen das Ökodorf Eotopia aufbauen, das auf einer Ökonomie des Tauschens und Teilens basiert. Selbstversorgung ist für ihn Teil einer noch größeren Idee – einer Gesellschaft ohne Geld.
Frauen machen Yoga In Eotopia werden Yoga-Kurse als Gegenleistung für Lebensmittel oder andere Dienstleistungen angeboten. | Foto (Zuschnitt): © Eotopia

Ohne Reformen geht es nicht

„Empirisch betrachtet sind die Aktivisten […] wohl eher eine kleine Gruppe, die aber – medial gehypt – das Grundrauschen einer neuen gesellschaftlichen Stimmung liefern können, die im besten Fall den Weg zu mehr Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Solidarität weist,“ schreibt Claudia Neu am Ende ihres Artikels über die neue Ländlichkeit. Auch Ökonomen wie der Hamburger Steffen Lange gehen davon aus, dass die Zeit des Wirtschaftswachstums einem Ende entgegen sieht.

Die Selbstversorgerbewegung mag in Frankreich derzeit keinem Trend folgen. Stattdessen zeigt der Erfolg anderer Initiativen, dass die Suche nach Konsumalternativen in Frankreich stetig zunimmt, so zum Beispiel die Zero-Waste-Bewegung, die sich für mehr Bewusstsein im Umgang mit Müll einsetzt. Laut einer Studie des französischen Umweltministeriums aus dem Jahr 2013 produziert ein Franzose im Durchschnitt knapp 570 Kilo Müll pro Jahr. Und die Zahlen sinken seit einigen Jahren. Zum Vergleich: Deutschland liegt europaweit mit 611 Kilo an der Spitze! Tausch- und Flohmärkte sind stark im Trend, der Kauf von gebrauchten Gegenständen ist in den letzten Jahren angestiegen. Die Entstehung zahlreicher „Repair-Cafés“ und deren Erfolg zeigen, dass ein Umdenken stattfindet. Allein in Frankreich gibt es mittlerweile 75 solcher Orte, die Unterstützung für die Reparatur von Gegenständen aller Art bereitstellen. Der Wunsch nach Veränderung und einer Alternative zum klassischen Konsummodell zeigt sich also auch in Frankreich im zunehmenden Engagement der Zivilgesellschaft. Doch Vereine und Einzelpersonen alleine können das Umdenken einer Gesellschaft nicht stemmen. Sie können es ankurbeln. Was folgen muss, ist die dazu passende Politik. Und um die Gefahr einer nächsten Krise tatsächlich zu bannen, müssen Reformen kommen, möglichst heute, hier und jetzt. Denn wie ein indianisches Sprichwort besagt: „Der beste Moment, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren. Der zweitbeste Moment ist heute.“

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