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Small is beautiful
Wundermittel Lokalwährung

Pêche-Geldscheine
Die Pêche ist eine lokale Währung, die man aktuell in fünf Arrondissements von Paris und im Vorort Montreuil findet. | Foto (Ausschnitt): © Lucas Rochette-Berlon

In Frankreich sprießt das Regiogeld. An die 60 Lokalwährungen existieren hier bereits, so wie in Paris seit Mai 2018 die Pêche (der Pfirsich). Lucas Rochette-Berlon studiert an der renommierten Science Po in Paris und ist Gründer und aktueller Co-Präsident des Vereins „Une monnaie pour Paris“. Im Interview erklärt er, warum es sich lohnt mit Regiogeld zu bezahlen und wie regionale Währungen globale Krisen lösen könnten.

Von Stefanie Eisenreich

Hallo Lucas. Ihr Verein hat die Pêche in Umlauf gebracht, eine lokale Währung, die man aktuell in fünf Arrondissements der französischen Hauptstadt und im Vorort Montreuil antrifft. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Lokalwährung zu erschaffen?
 
Ich habe 2015 an der COP 21 teilgenommen, die uns als Meilenstein der Klimarettung präsentiert wurde. Dass den Worten der Politiker kaum Taten folgten, war eine Enttäuschung für mich, also beschloss ich, nicht mehr auf Lösungen von oben zu warten, sondern selbst aktiv zu werden. Ich wollte sowohl auf die ökologische wie auch die soziale, wirtschaftliche und demokratische Krise reagieren. Das gemeinsame Problem dieser vier Krisen ist für mich die Währung, die das Verhalten, die Produktionsweisen und den Konsum unserer Gesellschaft, aber auch politische und wirtschaftliche Machtverhältnisse bestimmt. In diesem Sinne kann Regiogeld die lokale Wirtschaft stärken, indem es für kurze Wege sorgt, Verbindungen herstellt und die Leute motiviert, sich aktiver für ihre Region zu engagieren.

Lucas Rochette-Berlon im Interview mit dem Radiosender Radio Aligre Lucas Rochette-Berlon im Interview mit dem Radiosender Radio Aligre | Foto (Ausschnitt): © Lucas Rochette-Berlon
Rund 1.500 Personen nutzen die Pêche bei 150 Händlern und Unternehmen, die die Lokalwährung in ihren Geschäften akzeptieren. Noch ist das nicht besonders viel für eine Region wie die Île-de-France. Auf welche Schwierigkeiten stoßen Sie, wenn Sie Unternehmen oder Privatpersonen überzeugen wollen, die einer Lokalwährung skeptisch oder sogar ablehnend gegenüberstehen?
 
Das geht natürlich nicht im Handumdrehen, vor allem nicht bei den Unternehmen. Wir haben es mit einer sehr heiklen und komplexen Sache zu tun, der man viel Vertrauen entgegenbringen muss. So etwas braucht Zeit. Außerdem lassen sich manche Leute allgemein nichts sagen. Sie glauben weder an die Notwendigkeit einer ökologischen Kehrtwende noch an den Klimawandel oder eine biologische und lokale Landwirtschaft. Die Lokalwährung wird sie also wohl kaum interessieren.
 
Das Argument, dass Regiogeld den lokalen Markt und kurze Wege fördert, wird immer wieder betont. Aber wenn ich meine lokalen Produkte in Euro bezahle, sollte das doch dieselbe Wirkung haben, oder nicht?
 
Lokale Komplementärwährungen zirkulieren bis zu zehnmal schneller als der Euro und wirken sich viel stärker auf die Wirtschaft vor Ort aus. Nehmen wir als Beispiel das BIP [Anm. d. Red.: Das BIP ist ein wichtiger Wohlstandsindikator. Es gibt die Wirtschaftsleistung innerhalb eines Landes an und misst sein Wirtschaftswachstum.]. Wer arbeitet, gibt einen Teil seines Gehalts in der Region aus. Das schlägt sich am Ende des Jahres im lokalen BIP nieder. Eine Lokalwährung, die in einem ausreichend entwickelten Kreislauf ausgegeben wird, kann so für bis zu zehnmal mehr Geld in der Region sorgen als der Euro. Sie kann nicht zur Bank gebracht werden, um Zinsen zu generieren, sie kann nicht auf dem Finanzmarkt eingesetzt werden und man kann nicht damit spekulieren. Das Geld bleibt in der Region und zirkuliert folglich schneller. In Paris sind wir davon noch weit entfernt. Aber sehen Sie sich mal den Eusko im Baskenland rund um Bayonne an: Die Geldmenge hat gerade eine Million Euro überschritten, Angestellte erhalten ihr Gehalt in der Lokalwährung und lassen es durch ihren Konsum direkt wieder in den Kreislauf einfließen.
 
Einige Experten sind der Meinung, dass eine Lokalwährung die Preise steigen lässt und die Region isoliert, was den Handel auf überregionaler Ebene erschwert – den Handelsverkehr, den die Regionen für ihr Überleben und eine florierende Wirtschaft brauchen. Ist das nicht ein Argument gegen eine Lokalwährung?
 
Unser Ziel ist nicht, den Euro komplett abzulösen, im Gegenteil. Das aktuelle Problem unseres heutigen Wirtschaftssystems ist nicht der Euro. Das Problem ist die Monokultur der Währung. Da wir nur einheitliche Währungen haben, die völlig voneinander abhängig sind, reicht eine Krise auf dem Immobilienmarkt der Vereinigten Staaten 2007, damit wir zehn Jahre später noch immer zehn Millionen Arme und fünf Millionen Arbeitslose in Frankreich haben. Uns geht es darum, eine Vielfalt an Währungen zu fördern. So kann man wahre Resilienz aufbauen.
 
Geldscheine verschiedener Lokalwährungen in Frankreich (MLCC) Geldscheine verschiedener Lokalwährungen in Frankreich (MLCC) | Foto (Ausschnitt): © Lucas Rochette-Berlon
Also kann die Lokalwährung vor Wirtschaftskrisen schützen?
 
Die Lokalwährung ist eine Präventivmaßnahme. In der Schweiz erschufen einige kleine Unternehmen nach der Krise von 1929, die den gesamten Westen erfasste, untereinander eine lokale Komplementärwährung, durch die sie vom Dollar und vom Schweizer Franken unabhängig wurden. Heute, mehr als 80 Jahre später, wird der WIR noch immer von mehreren zehntausend Unternehmen in der Schweiz verwendet. Die kleinen Schweizer Unternehmen gehören seit jener Krise zu den widerstandsfähigsten der Welt. Sie haben die Wirtschaftskrise 2007/2008 viel besser überstanden. Lokalwährungen sind also wirtschaftliche Schutzwälle gegen die Folgen von Krisen.
 
Das klingt wunderbar, aber wie wird eine Lokalwährung kontrolliert? Sind die Scheine nicht leichter zu fälschen?
 
Wir verwenden verschiedene Verfahren mit unsichtbarer Tinte, Prägungen und Hologrammen, um die Scheine fälschungssicher und in den Geschäften leicht überprüfbar zu machen. Die ACPR (autorité de contrôle prudentiel et de régulation), eine Behörde der französischen Zentralbank, prüft, ob die Scheine das erforderliche Sicherheitsniveau erreichen, und unsere sind gültig.
Lucas Rochette-Berlon erklärt Interessierten die Funktionsweise der Pêche während des Events Le Chant des colibris im Parc de la Villette in Paris. Lucas Rochette-Berlon erklärt Interessierten die Funktionsweise der Pêche während des Events Le Chant des colibris im Parc de la Villette in Paris. | Foto (Ausschnitt): © Lucas Rochette-Berlon
Wie funktioniert es konkret, wenn ich Euro in Pêches umtauschen will?
 
Konkret läuft das so: Wenn Sie 100 Euro in einer Wechselstube, zum Beispiel in der REcyclerie [Anm. d. Red.: ein alternativer Ort in Paris, der die Öffentlichkeit für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt sensibilisieren will], oder während einer Veranstaltung an unserem Stand umtauschen möchten, werden Sie zunächst Mitglied unseres Vereins, und wir zahlen Ihnen dann 103 Pêches aus (Zuschuss von 3 Prozent: Sie erhalten 100 Pêches und bestimmen, wo die 3 Prozent hingehen sollen – Spende an einen Verein / Spende für solidarische Pêches / Bonus für Ihre Kaufkraft). Danach legen wir Ihre 100 Euro in den Garantiefonds bei der NEF, einer ethischen, genossenschaftlichen und lokalen Bank. Mit diesem Fonds könnten wir den Mitgliedern ihr gesamtes Geld erstatten, wenn alle es am selben Tag zurücktauschen oder wir das Projekt beenden würden.
 
Wir sehen Sie also die Zukunft der Pêche?
 
Langfristig ist das Ziel, dass die Pêche zur Relokalisierung und zu einer energetischen und sozialen Wende in der Region Île-de-France und in Paris beiträgt. Ich sehe die Zukunft der Pêche und der Lokalwährungen allgemein sehr optimistisch, auch wenn es heute noch sehr kompliziert ist. Für mich steht fest, dass Regiogeld in zehn Jahren eine wichtige Rolle spielen wird. Heute haben wir vielleicht noch Schwierigkeiten damit, aber wir werden es immer dringender brauchen. Wir sind dabei, die Zukunft zu gestalten. In zehn, zwanzig Jahren werden Lokalwährungen nicht mehr wegzudenken sein.

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