Residenzprogramm Imagining Ecological Futures 2019

Residenz 2019 © Goethe-Institut Brüssel

Das Goethe-Institut Brüssel vergibt in Zusammenarbeit mit dem KIKK-Festival, dem Kreativzentrum TRAKK und dem Kulturzentrum Les Abattoirs de Bomel ein Stipendium für ein Residenz-Projekt mit dem Thema ECOLOGICAL FUTURES. Das Residenz-Programm wird in Namur vom 1. Juni bis zum 01. Juli 2019 stattfinden.
 
Das Projekt richtet sich an Künstler*innen, Studierende und junge Absolvent*innen im Bereich Kunst und/oder Design. Personen aus anderen Disziplinen sind ebenfalls ausdrücklich aufgefordert, sich zu bewerben. Insgesamt werden zwei Resident/innen eingeladen: eine/r aus Deutschland und eine/r aus Belgien. Kandidat*innen sollten (seit mindestens zwei Jahren) ihren Wohnsitz in einem der beiden Länder haben oder die belgische oder deutsche Staatsangehörigkeit besitzen.

Rückblick

Interview François Winants

François Winants © François Winants Was interessiert Sie an dem Thema – stellen Sie sich eine neue ökologische Zukunft vor, wie stellen Sie sich das vor?
 
In einem Kontext, in dem wir die Auswirkungen des Anthropozäns an uns selbst wahrnehmen können, fasziniert mich sowohl die Beziehung des Menschen zu seinem Umfeld als auch sein Verhältnis zur lebenden Welt. Ich interessiere mich dafür, welche kulturellen und technologischen Beziehungen wir im Laufe der Zeit und durch die Vielzahl an Umgebungsbedingungen, die wir auf der Erde vorfinden, unterhalten.

Welche Erfahrungen machen wir mit dem Raum? Warum verspüren wir angesichts der Größe und Tiefgründigkeit des Unbekannten starke Gemütsempfindungen? Welche sozialen und kulturellen Konstrukte befähigen uns dazu, das Gefühl einer räumlichen Erfahrung zu verspüren?

Durch die Beziehung zum Raum interessiere ich mich dafür, wie die moderne Zeit mit der Landschaftsdarstellung umgeht. Digitale und wissenschaftliche Werkzeuge nähren neue Darstellungsformen und können die Identität von Dingen sowie die Grenzen des Raums neu definieren. Die Geschichte der Veränderung des Umfelds wird zu einer wichtigen Information in der Begegnung mit der Natur und deren Interpretation. Ich beschäftige mich besonders mit der Erforschung jener Elemente, die uns eine Vorstellung von Zeitlichkeit und Dauer geben und konfrontiere unsere Zeitlichkeit mit jener des Raums und der Spuren der Zeit.

 
Was ist das Projekt, welches Sie in Namur entwickeln möchten?
 
Im Rahmen dieses Residenzprogramms habe ich die Möglichkeit, mein Zeicheninstrument-Projekt weiterzuverfolgen. Im Mittelpunkt der Arbeiten zum Thema Zeicheninstrumente steht die Verwirklichung von Projekten, bei denen Kräfte interagieren. Die meist aus einem feststehenden Stift und einer beweglichen Platte bestehenden Instrumente werden dabei in einer natürlichen Umgebung betätigt.

Ich befasse mich nun bereits seit mehr als zehn Jahren mit dem Einfluss des Gegenstands auf den Schaffensprozess eines Werks. Bei meinen ersten Zeicheninstrumenten ließ ich mich von der Empfindlichkeit inspirieren, die durch die digitale Revolution und die wissenschaftlichen Werkzeuge Einzug gehalten hat. Das Konzept des Instruments ist deshalb von Bedeutung, weil es sich vom Maschinellen und dem Konzept der Herstellung löst und damit Raum für die Resonanz schafft, die in einem bestimmten Rahmen und im Laufe einer bestimmten Zeit durch das Umfeld entsteht.

Mit den „Relief-Zeichnungen“ versuche ich, die experimentelle Darstellung von Landschaften zu ergründen. Sie entstehen durch das Verhalten des Fahrrads, das sich in die Umgebung mischt. Die Zeichnungen sind nummeriert und mit mehreren Fotos verknüpft. Sie stellen den durchquerten Raum dar und erinnern an natürliche oder geologische Zeitstrukturen und Zeitabläufe. Angesichts der zahlreichen Ereignisse, die auch ohne die Anwesenheit des Menschen eingetreten sind, soll mit den Fotos der Platz hinterfragt werden, den wir in unserer Welt einnehmen. Wann hat sich eine bestimmte Gesteinsformation herausgebildet und welche geologische Form könnte sie in der näheren Zukunft annehmen. Den Abschluss des Werks bildet ein Foto der mit dem Instrument erstellten Zeichnung, auf dem auch Gegenstände aus der Umgebung zu sehen sind. Auf diese Weise entsteht ein Dialog zwischen der Zeitlichkeit des von Menschenhand geschaffenen Werks und seinem natürlichen Gegenstand.

Mit meinen „Wipfel-Zeichnungen“ fange ich das Zeitalter und den Atem des Massivs ein. Die an Baumwipfeln herabhängende, bewegliche Platte schwingt im Rhythmus der spontanen Bewegungen des Waldes, der so zum Miturheber der Zeichnung wird. Der Papierkreis erinnert an die Vielzahl an Richtungen und Horizonten, die auf den an Aussichtspunkten angebrachten Panoramatafeln zu finden sind. Der Zeichnung liegt ein Foto des in die Umgebung eingebetteten Instruments bei.

 
Warum haben Sie die Residenz Namur gewählt und was sind Ihre Erwartungen?
 
Dieses Residenzprogramm bietet günstige Rahmenbedingungen für die Fortsetzung meines Projekts. Die Nähe zwischen dem Studio und den Naturräumen ist für dieses Projekt von großer Bedeutung. Zum ersten Mal kamen die Instrumente in den nur wenige Kilometer vom Studio entfernten Wäldern von Spa, am Rande des Hochmoors Fagne de Malchamps, zum Einsatz.

Ein besonderer Schwerpunkt des Projekts liegt auf stillgelegten Steinbrüchen, die zu Naturschutzgebieten umgewandelt wurden. Dabei handelt es sich um Räume, die tiefgreifenden Veränderungen und Statusänderungen unterworfen waren. Ich finde ehemalige Steinbrüche aufgrund ihres veränderten Selbstverständnisses besonders interessant: Eine stark industriell geprägte Vergangenheit, oftmals mit einer gemeinsamen Geschichte, wird von einer Gegenwart mit einer reichen biologischen Vielfalt abgelöst.

Interview Fara Peluso

Fara Peluso © Fara Peluso Warum interessieren Sie sich für ökologische Zukunftsszenarien?

Als Künstlerin und Designerin interessiert mich die praktische Anwendung einer Methodik, die eher zur Erforschung und Spekulation tendiert und kritische Fragen zu dem gegenwärtigen Zustand eines gesamten Systems aufwirft, in dem nicht nur die Menschen  präsent sind, sondern auch alle anderen Lebewesen. Spekulatives Design ist ein effektives Instrument zur Analyse der Gegenwart, unserer Wünsche und Probleme. Es hilft uns zu verstehen, wie unser Leben in einer möglichen Zukunft aussehen könnte. Ich finde es wichtig, in meiner Arbeit den künstlerischen Ansatz mit der Rolle eines gesellschaftlichen Fragestellers und Gestalters zu vereinen, denn Kunst bietet viel Raum für ästhetisches Experimentieren, bringt aber auch Tiefe in die Recherchen und deckt Bedeutungen auf, die mit einer Arbeit oder einem Alltagsgegenstand verbunden sind. Gegenstände sind Erweiterungen unserer selbst, sie können ausdrücken, wer wir sind, was wir denken und wie wir leben möchten. Ich sehe in ihnen gerne äußere Verbindungen unseres Körpers, die ihren Anfang in unserem Geist nehmen und in der Lage sind, die Welt, in der wir leben, zu verändern. Sie sind nicht nur mit unserer Gegenwart verbunden, sondern vor allem mit unserer Zukunft.

Welche Art von Projekt möchten Sie für die Residenz in Namur ausarbeiten?

Seit 2014 konzentriere ich mich in meiner künstlerischen Recherche hauptsächlich auf algenartige Organismen, ihre Ökosysteme und ihre Beziehungen zum Menschen. Für die Residenz in Namur werde ich an einem Kunstprojekt namens Memory Matter arbeiten, das Teil meiner Recherche zum Phänomen der Algenblüte ist, mit der bewussten Absicht, die Gründe für Algenblüten darzulegen. Algenblüten entstehen bei Nährstoffüberschüssen im Wasser (insbesondere Phosphor und Stickstoff). Diese höheren Konzentrationen verursachen ein verstärktes Wachstum von Algen und Grünpflanzen, was zu einer Verringerung des Sauerstoffgehalts führt, was wiederum Schäden und völlig abgestorbene Zonen bewirken kann. Die Ursachen dieser Ereignisse hängen mit der Produktion und dem Konsum des Menschen zusammen, mit menschlichen Aktivitäten wie Landwirtschaft, Industrie, städtisches Leben und Klimawandel, mit steigenden Temperaturen und Kohlendioxidmengen. Während meiner Residenz werde ich dieses Thema erforschen und anhand von Experimenten versuchen, im Atelier und in einem geschlossenen Ökosystem eine Algenblüte hervorzurufen. Dieses Material werde ich als Inspirationsquelle nutzen, um eine künstlerische Installation für das Publikum auszuarbeiten, eine Gelegenheit, über ein Umweltproblem und seine Ursachen zu sprechen. Ich werde dieses Phänomen in Berufung auf das benachbarte Gebiet rund um Namur untersuchen, und sie in 3D-Printmodellen als Bestandteil mehrerer Totems reproduzieren. Ein weiteres wissenschaftliches Instrument wird als „Do-it-Yourself-Biologie“ konzipiert, wobei als chromatographische Technik der Prozess dienen wird, der die Verdunstung der Algenpigmente erlaubt, die so auf die Oberfläche der 3D-Modelle gelangen können. Memory Matter wird das öffentliche Bewusstsein für den Klimawandel, die Veränderung unserer Landschaften und für die grundlegende Bedeutung der Bildung eines kollektiven Gedächtnisses für ein gemeinsames Verstehen und Handeln anregen. Das Gedächtniskonzept teilt sich auf zwei Wegen mit, zum einen in Verbindung mit dem kollektiven Gedächtnis der Zuschauer und zum anderen in Verbindung mit der beinahe unsichtbaren Verwandlung einer flüssigen Materie. Es wird dem Publikum die Bedeutung wissenschaftlicher Forschung nahebringen und warum es nun wichtig ist, ein kollektives Gedächtnis zusammenzustellen: als grundlegender Ansatz, als Mittel zur Diskussion, um künftige Klimaveränderungen zu verstehen und zu erkennen, wie die drastischen Konsequenzen vermieden werden können.

Warum haben Sie sich für das Residenzprogramm in Namur beworben und was erwarten Sie sich davon?

Das Projekt Memory Matter für das Residenzprogramm in Namur wird einen Diskurs etablieren und eine Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Forschungsfeldern - dem wissenschaftlichen und dem künstlerischen - herbeiführen. Eine Gruppe Wissenschaftler der Universität Namur, die 2006 an dem Algenblüten-Forschungsprojekt „B-BLOOM“ beteiligt war, wird zur Mitwirkung mit Beiträgen und Feedback zur derzeitigen Situation in der Wallonischen Region hinzugezogen. Memory Matter wird sich hauptsächlich auf die Gegend von Namur konzentrieren und Inspiration aus einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt ziehen, das vom Forschungsbereich Umwelt- und Evolutionsbiologie der Universität Namur durchgeführt wird. Im Fokus des auf Forschung und neuen Experimenten basierenden Projekts wird der See Falemprise stehen. Dieser ist von besonderem Interesse, da es sich um eine offizielle Badezone in den Stauseen Eau d‘Heure handelt, wo vielfältige Freizeitaktivitäten stattfinden. Deshalb habe ich beschlossen, dieses Projekt für die Residenz in Namur auszuarbeiten und damit zur Schaffung neuer Verbindungen zwischen Kunst, Design und Wissenschaft beizutragen.

Thema der Residenz sind ökologische Zukunftszenarien

Die Residenz gibt rechercheorientierten Künstler/-innen und Designer/innen die Möglichkeit, an der Schnittstelle von Kunst, Design und Ökologie zu arbeiten. Ziel der Residenz ist es, mittels interdisziplinärer Forschungsmethoden und künstlerischer Arbeiten kritisch-visionäre Denkansätze für eine ökologische Zukunft zu entwerfen. Die Ausschreibung umfasst die Forschungsfelder Klimawandel und Erderwärmung, das Zusammenleben von menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen und die Beziehungen verschiedener Ökosysteme, in Zusammenhang mit den folgenden Fragen: Wie kann die Natur dekolonisiert und eine sozial-ökologische Transformation in Richtung des post-fossilen Zeitalters eingeleitet werden? Wie können neue Modelle der menschlichen und nicht-menschlichen Koexistenz aussehen? Welche zukunftsweisenden Ideen ermöglicht die Biotechnologie? Und wie kann ein neues Bewusstsein bezüglich des Ungleichgewichts zwischen Natur und Kultur geschaffen werden?

Drei Partnerinstitutionen arbeiten für die Residenz zusammen: Das Goethe-Institut Brüssel, das weltweit tätige Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland, Les Abattoirs de Bomel, ein interdisziplinäres Kulturzentrum mit Ausstellungs- und Residenzmöglichkeiten in Namur, und das KIKK-Festival. Bei diesem jährlichen Festival zu kreativer und digitaler Kultur wird erforscht, wie sich neue Technologien in den Bereichen Kunst, Wissenschaft und Design auswirken werden. Zugehörig zum Festival ist das Kreativzentrum TRAKK, ein Raum gemeinsamer, multidisziplinarer Gestaltung, das sein Labor (Fab Lab: LABoratoire de FABrication) den Resident/-innen zur Verfügung stellt.
 
Der Fokus des Aufenthalts soll für die Resident/-innen vor allem darauf liegen, sich im TRAKK-Labor neuen Technologien zu nähern und diese mit fachlicher Unterstützung auszuprobieren. Ein finales Produkt ist nicht obligatorisch. Die Resident/-innen sind frei in der Umsetzung und Gestaltung ihrer Projekte. Es besteht die Möglichkeit, ein Projekt gemeinsam mit dem/der anderen Residenten/in zu entwerfen. Das Projekt kann nach Rücksprache mit dem KIKK-Team außerdem auf dem KIKK-Festival im November präsentiert werden.
 
Während des Aufenthalts sollten die Künstler/-innen eine Veranstaltung gestalten, die einen Austausch mit dem Publikum von Abattoirs de Bomel über die Inhalte ihrer Arbeit oder die Erkenntnisse ihrer Nachforschungen ermöglicht. Das Format der Veranstaltung kann ein Workshop, eine Vorlesung, eine Diskussion oder etwas ähnliches sein. Das wird mit den Resident/innen während ihres Aufenthalts in Namur abgestimmt.
 

Das Stipendium beinhaltet:

  • Ein Budget von 5.000 € pro Resident/-in. Dies beinhaltet Materialkosten, Verpflegung und Reisekosten für einen Zeitraum von vier Wochen.
  • Eine eigene Wohnung (39 bis 47m²) mit Bad, Kochecke, Schlaf- und Arbeitsplatz sowie Internetanschluss.
  • Zugang zum Fab Lab TRAKK, inklusive Nutzung aller Maschinen (3D-Drucker, Schneideplotter, Fräsmaschine mit digitaler Steuerung, Laserschneidemaschine, Holzbearbeitung und andere Technik), und Betreuung vor Ort.
  • Nutzung der Ateliers im Abattoirs de Bomel (Werkstatt für Holz- und Eisenbearbeitung, Siebdruck; Unterstützung- und Einführung durch die technische Leitung). 

Bewerbung:

Bitte schicken Sie Ihre Bewerbung bis zum 31.03.2019 mit folgenden Unterlagen an Jana J. Haeckel (jana.Haeckel@goethe.de):  
  • Lebenslauf auf Englisch oder Französisch.
  • Motivationsschreiben auf Englisch oder Französisch.
  • Projektskizze mit Bildern und technischen Zeichnungen, wenn vorhanden (auf Englisch oder Französisch). Wir akzeptieren auch nicht-fertiggestellte Projekte, denen das Budget zur Fertigstellung fehlt oder bereits realisierte Vorhaben, denen das Budget zur Verbesserung dienen kann. In letzterem Fall ist eine Begründung notwendig, die ersichtlich werden lässt, wie zusätzliche Gelder das Projekt verbessern können.
  • Budget-Planung auf Englisch oder Französisch. 
Die Jurysitzung findet Mitte April statt. Die Bewerber/innen werden in der 16. Kalenderwoche über die Entscheidungen informiert.