Forensic Architecture
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Am 6. April 2006, kurz nach 17 Uhr wurde der 21-jährige Halit Yozgat am Schreibtisch des von seiner Familie geführten Internetcafés in Kassel ermordet. Sein Tod war der neunte von bundesweit zehn Morden, die zwischen 2000 und 2007 von einer Neonazigruppe namens "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) verübt wurden.
Erst 2011 wurde der NSU und seine Mordserie aufgedeckt, als zwei Mitglieder der Gruppe Selbstmord begingen, nachdem sie von der Polizei nach einem Banküberfall verfolgt wurden. In den folgenden Monaten und Jahren brachten mehr als ein Dutzend parlamentarische Anfragen und der längste deutsche Nachkriegs-Strafprozess das schockierende Ausmaß ans Licht, in dem die deutschen Sicherheitsdienste über den NSU Bescheid wussten. Bekannt wurde auch, dass sie in ständigem Kontakt mit vielen seiner Unterstützer*innen standen.
Diese Enthüllungen legten offen, was als "NSU-Komplex" bekannt wurde - der strukturelle Rassismus und die institutionelle Blindheit, die das Wissen und die Erfahrung der Migrant*innen des Landes ignorierte und es über mehr als ein Jahrzehnt hinweg nicht schaffte, eine gewalttätige Terrorzelle zu fassen, was zum Tod von zehn deutschen Bürger*innen führte.
Die siebenundsiebzig Quadratmeter des Internetcafés und die neuneinhalb Minuten, in denen sich der Vorfall abspielte, können als Mikrokosmos des NSU-Komplexes betrachtet werden.
Zum Zeitpunkt der Tötung saß im Nebenraum ein Geheimdienstmitarbeiter namens Andreas Temme. Temme war zu diesem Zeitpunkt Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes. Dass Temme an diesem Tag einen Computer im Café benutzte, brachte ihn mit dem Akt in Verbindung.
Temme wurde kurzzeitig festgenommen und verhört. Bei seiner Vernehmung durch die Polizei bestritt er, Zeuge des Vorfalls gewesen zu sein.
Insbesondere behauptete Temme, er habe die Schüsse nicht gehört, das Schießpulver nicht gerochen und Yozgats Leiche nicht gesehen. Später wiederholte er diese Aussagen vor Gericht und vor mehreren Befragungen.
Wenige Wochen nach dem Mord erklärte die ermittelnde Polizei, Temme sei kein Verdächtiger mehr. Jahre später sollten auch die deutschen Gerichte seine Aussage akzeptieren. Im Prozess gegen die verbliebenen Mitglieder und Unterstützer des NSU, der von 2013 bis 2018 lief, stellten die Richter fest, dass Temme zum Zeitpunkt des Mordes zwar im Hinterzimmer des Internetcafés anwesend gewesen sei, den Mord aber von dieser Position aus nicht beobachtet haben könne.
Im November 2016, ein Jahrzehnt nach dem Mord, beauftragte ein Bündnis zivilgesellschaftlicher Organisationen, bekannt als "Tribunal NSU-Komplex auflösen", Forensic Architecture (FA) mit der Untersuchung von Temmes Aussage.
Die Untersuchung von FA wurde möglich, als Ende 2015 Hunderte von Dokumenten aus der ursprünglichen polizeilichen Untersuchung des Mordes - Berichte, Zeugenaussagen, Fotos sowie Computer- und Telefonprotokolle - ins Internet gelangten.
Eines der wichtigsten Beweisstücke in diesem Leak war ein Video, in dem Andreas Temme seinen Weg aus dem Internetcafé in den Minuten nach dem Mord an Yozgat nachstellte. Im Kontext unserer Untersuchung ist Temmes Nachstellung nicht nur eine Darstellung eines früheren Ereignisses, sondern möglicherweise ein eigenständiges Verbrechen - ein Meineid.
Wir bauten ein physikalisches Modell des Internetcafés im Maßstab 1:1 und stellten Temmes Nachstellung nach, um seine Aussage zu untersuchen. Könnte er Beweise für den Mord gerochen, gehört oder gesehen haben?
Unsere Untersuchung ergab, dass Temmes Aussage mit großer Wahrscheinlichkeit nicht der Wahrheit entsprach. Aber rund um die Umstände dieser neuneinhalb Minuten stellen sich größere Fragen bezüglich der Art und Weise, wie die deutschen Sicherheitsdienste den wiederauflebenden neonazistischen Untergrund des Landes überwachen und sich darin einbetten.
Text: Forensic Architecture
Untersuchungsteam forensic architecture:
Hauptuntersucher
Eyal Weizman
Projekt- und Forschungskoordinatorin
Christina Varvia
Forschung
Stefanos Levidis
Omar Ferwati
Ortrun Bargholz
Eeva Sarlin
Nicholas Masterton
Filmemachen Postproduktion
Simone Rowat
Animation
Yamen Albadin
Recherche-Assistenz
Franc Camps-Febrer
Projekt-Unterstützung
Hana Rizvanolli
Sarah Nankivell
Berater
Lawrence Abu Hamdan
Chris Cobb-Smith
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