Filmreihe Heimkommen. Eine Tendenz in deutschen Filmen

"Alice in den Städten", Wim Wenders "Alice in den Städten", Wim Wenders

Sa, 03.12.2016 -
Di, 20.12.2016

Cinematek

Rue Baron Horta - Baron Hortastraat 9
1000 Brüssel

Mit Filmeinführungen am 03.12. & 10.12.

Unter dem Titel „Heimkommen. Eine Tendenz in deutschen Filmen“ präsentieren wir eine Reihe von 15 deutschen Filmen, die sich dem Motiv einer prekären, wenn nicht unmöglichen Heimkehr widmen. Wie sie dies tun, erzählt jeweils viel über die Veränderungen und Verwerfungen, die der deutschen Geschichte zu eigen sind. Die Reihe hat der deutsche Regisseur und Autor Christoph Hochhäusler kuratiert. Er wird am 03.12. in Brüssel sein, um „Abschied von gestern“ von Alexander Kluge vorzustellen.  Am 10.12. wird er die Filme „Der Verlorene“ von Peter Lorre und „Die Ehe der Maria Braun“ von Rainer Werner Fassbinder kommentieren.  
 
Berlin im Sommer 1945. Nelly (Nina Hoss) hat das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebt. Die Stadt liegt in Trümmern, und das spiegelt den inneren Zustand der Filmfigur wieder. Ob die komplizierte, vielschichtigen Rekonstruktionsarbeit, die sie an sich selbst verrichtet, Erfolg hat? Es bleibt bis zur letzten Szene offen. Christian Petzolds Phoenix aus dem Jahr 2014 ist der jüngste Film unserer Filmreihe.

Manchmal kehren die Figuren zurück, ohne je anzukommen; dies gilt für den Spätheimkehrer in Rainer Werner Fassbinders Die Ehe der Maria Braun (1979). Oder sie brechen auf, ohne eine Heimat zu finden. Anita G. zum Beispiel, die Heldin von Alexander Kluges Abschied von Gestern (1966), ist eine junge jüdische Deutsche, die aus der DDR in die BRD übersiedelt. Allein die Art und Weise, wie ein Richter am Anfang des Films ein Urteil über sie spricht, macht deutlich, wie sehr ihre Umgebung sich gegen sie verschließt. In anderen Filmen treten die Figuren umso ruheloser auf der Stelle, je weniger sie sich zwischen dem Bleiben und dem Gehen entscheiden können. Der junge Protagonist in Ulrich Köhlers Bungalow (2002), ist so ein Fall, ein Bundeswehrsoldat, der sich eine ungenehmigte Auszeit im Einfamilienhaus der Eltern nimmt.

Auf vielschichtige, bisweilen widersprüchliche Weise reflektieren die Filme die Umstände ihrer Entstehung. So stimmt der älteste Film der Reihe, Luis Trenkers Der verlorene Sohn (1934), in die den Nationalsozialisten eigene Skepsis gegenüber der Großstadt ein, da er Südtiroler Felsgipfel New Yorker Wolkenkratzern vorzieht. Zugleich war am Zustandekommen von Der verlorene Sohn der deutsche Ableger der US-amerikanischen Produktionsfirma Universal Film beteiligt. Der Produzent Paul Kohner, ein jüdischer Tscheche, war schon in den 20er Jahren der Arbeit wegen nach Hollywood gegangen. Mitte der 30er emigrierte er endgültig in die USA, und 1938 rief er dort einen Fonds für vertriebene europäische Filmkünstler ins Leben. Gustav Ucickys Heimkehr (1941) wiederum liefert ein Beispiel für die Perfidie nationalsozialistischer Propaganda, insofern all die Verbrechen, die die Deutschen zum Entstehungszeitpunkt des Films in Polen und der Sowjetunion verübten, hier kurzerhand auf polnische Täter projiziert werden.

Ganz anders Helmut Käutners Unter den Brücken aus dem Jahr 1944: Von Zerstörung, von Krieg, vom Nationalsozialismus ist hier nichts zu merken; die Figuren, zwei grundsympathische Flussschiffer und eine Kartoffelpuffer-Bäckerin, ist so frei von Ideologie, dass es in der Rückschau wirkt, als drehte der Film der 1944 omnipräsenten Ideologisierung Deutschlands eine lange Nase. Und vielleicht zeichnet sich im Schlussbild, einer glitzernden Totale der Havel, doch eine Art Ankunft ab: Im Unterwegssein liegt Glück, und das ist besser als jeder feste Wohnsitz.

Insgesamt werden 15 Filme gezeigt:
 
Abschied von gestern, Alexander Kluge (1966, 85‘) - OV, UT FR/NL
Q&A Christoph Hochhäusler - EN
03.12.,  21:00
Phoenix, Christian Petzold (2014, 98‘) - OV, UT FR 04.12., 17:00
Decision Before Dawn, Anatole Litvak (1951, 115‘) - OV, UT FR/NL 07.12., 18:00
Ich war neunzehn, Konrad Wolf (1968, 115‘) - OV, UT FR/NL 07.12., 20:00
Paul, Klaus Lemke (1974, 75‘) - OV DE 09.12., 20:00
Der Verlorene, Peter Lorre (1951, 98‘) - OV, UT FR/NL
Q&A Christoph Hochhäusler - EN
10.12., 17:00
Die Ehe der Maria Braun, Rainer Werner Fassbinder (1979, 118‘) - OV, UT FR/NL
Q&A Christoph Hochhäusler - EN
10.12., 19:00
Paul, Klaus Lemke (1974, 75‘) - OV DE 11.12., 18:00
Unter den Brücken, Helmut Käutner (1944, 99‘) - OV DE 11.12., 21:00
Alice in den Städten, Wim Wenders (1974, 111‘) - OV, UT FR 13.12., 19:00
Sabine Kleist_ 7 Jahre..., Helmut Dziuba (1982, 73‘) - OV, UT FR 13.12., 21:00
Stroszek, Werner Herzog (1977, 107‘) OV, UT FR/NL 14.12., 19:00
Der Verlorene Sohn, Luis Trenker (1934, 107‘) - OV DE 14.12., 21:00
Die Unerzogenen, Pia Marais (2007, 95‘) OV, UT EN 15.12., 21:00
Ich war neunzehn, Konrad Wolf (1968, 115‘) - OV, UT FR/NL 18.12., 18:00
Decision Before Dawn, Anatole Litvak (1951, 115‘) OV, UT FR/NL 18.12., 20:00
Urlaub auf Ehrenwort, Karl Ritter (1938, 87‘) - OV DE 20.12., 19:00
Bungalow, Ulrich Köhler (2002, 87‘) OV, UT FR 20.12., 21:00
 
  • Urlaub auf Ehrenwort von Karl Ritter (DR 1938) — spielt 1918
Ende des 1. Weltkriegs: Ein Zug deutscher Soldaten passiert die Stadt Berlin. Vier Ortsansässige erhalten „auf Ehrenwort” Urlaub. Jeder der Männer muss einen Grund finden, das Versprechen zu halten. Propagandistischer Episodenfilm, in der die Abstraktion „Heimat” über die Konkretion „Zuhause” siegt.
  • Der verlorene Sohn von Luis Trenker (DR / USA 1934) – spielt 1934
Trenker spielt Tonio, der nach einem Bergunglück nach New York geht, im Schatten der Hochhäuser aber erkennt, dass die Dolomiten seine wahre Heimat sind. Die mit versteckter Kamera gedrehten Elendsszenen waren laut Rossellini „wegbereitend” für den Neorealismo und Grund für das Verbot des Films ’45.
  • Unter den Brücken von Helmut Käutner (1944) – spielt 1944
Der Film handelt von der Unmöglichkeit der Heimkehr auch insofern, als die deutschen Städte während der Dreharbeiten schon Ruinen waren, was sich aus der Perspektive „unter den Brücken” gerade noch verbergen liess. Man drehte weiter, um gegen den Krieg zu träumen und um nicht kämpfen zu müssen.
  • Decision before dawn von Anatole Litvak (1951) — spielt 1944
Oskar Werner lyrisch ernst als Kriegsgefangener, der sich der US-Army zur Verfügung stellt, Stellungen in der Heimat auszukundschaften. Der Blick auf Deutschland, der so entsteht, ähnelt einem Tauchgang. Gerade weil die äussere Handlung eher unspektakulär bleibt, erscheint jeder Blick gefährlich.
  • Ich war neunzehn von Konrad Wolf (1968) — spielt 1945
Konrad Wolf erzählt entlang ähnlicher, eigener Erfahrungen, wie ein junger Deutscher mit der Roten Armee nach Deutschland zurückkehrt. Jaeckie Schwarz gibt „Gregor Hecker” überzeugend brüchig als eine Art kulturelles Waisenkind, das nur zögernd begreift, was ihn dieses verheerte Land angeht.

"Phoenix", Petzold © Schrammfilm
  • Phoenix von Christian Petzold (2014) — spielt 1945
Wie das Überleben überleben? Die Jüdin Nelly kehrt aus dem Lager mit einem anderen Gesicht zurück in ihre alte Welt. In einer Art Frankenstein-Technik setzt der Film seine Fragen an die Geschichte zusammen, so dass die Geister anderer Geschichten, realer, geträumter, gefilmter, in ihr aufscheinen.
  • Der Verlorene von Peter Lorre (1951) — spielt 1943/1945
Peter Lorre spielt in seiner einzigen Regiearbeit Dr. Rothe, einen Serumforscher, der seine Verlobte im Affekt tötet, aber nicht verurteilt wird, weil seine Arbeit als „kriegswichtig” gilt. Sein quälendes Schuldgefühl überlebt den Krieg – und wird umso mehr als ansteckend und unerwünscht empfunden.
 
  • Die Ehe der Maria Braun von Rainer Werner Fassbinder (1979) — spielt 1943-1954
„Es ist eine schlechte Zeit für Gefühle“ sagt Maria Braun (Hanna Schygulla). Im Glauben, ihr Mann sei gefallen, geht sie pragmatische Allianzen ein, die sie materiell absichern. Aber Herrmann kommt zurück. Fassbinders Geschichten sind immer schon Historienfilme: sie interessieren sich dafür, woher die Gewalt kommt – und wie sie sich fortsetzt.

"Abschied von gestern", Alexander Kluge "Abschied von gestern", Alexander Kluge
  • Abschied von gestern von Alexander Kluge (1966) – spielt 1966
Ein Kaleidoskop der Widersprüche: Anita G. (Alexandra Kluge), als Kind jüdischer Eltern in Leipzig geboren und in der DDR aufgewachsen, versucht in der Bundesrepublik Fuß zu fassen. Doch das Land spricht eine andere Sprache. „Uns trennt von gestern kein Abgrund, sondern die veränderte Lage“ (Kluge).
  • Paul von Klaus Lemke (1974) – spielt 1974
Aus einer ganz und gar formelhaften Situation – ein Gangster wird aus dem Knast entlassen und will alte Rechnungen begleichen – entwickeln Klaus Lemke und sein wunderbarer (Selbst-) Darsteller Paul Lyss das Maximum an lustvoller, wahnsinniger Unberechenbarkeit. 
  • Alice in den Städten von Wim Wenders (1974) – spielt 1974
Wim Wenders’ zärtlichster Film beschreibt die Rückkehr von Philip Winter (Rüdiger Vogler) nach Deutschland als eine tastende Bewegung. Das ihm anvertraute Kind – und dessen nur ungefähre Kenntnis der Heimat, auf der Suche nach dem Haus ihrer Großmutter – ist dabei Katalysator der (Selbst-) Findung.
  • Stroszek von Werner Herzog (1977) – spielt 1977
Bruno Stroszek (in Variation seiner selbst), Straßensänger, verläßt Berlin, um sein Glück in Amerika zu suchen. Zusammen mit der Prostituierten Eva (Eva Mattes) und seinem Nachbarn landet er in Wisconsin. Doch das Glück bleibt aus. Karge, herzzerreissende Moritat zwischen Dokument und Erfindung.
  • Sabine Kleist, 7 Jahre von Helmut Dziuba (DDR 1982) – spielt 1982
Bei einem Unfall verliert Sabine ihre Eltern. Im Kinderheim wird die Erzieherin Edith ihre wichtigste Bezugsperson. Als Edith schwanger wird und den Beruf aufgibt, reagiert Sabine verzweifelt und reißt aus dem Heim aus. Was Dziubas Kinderfilme hervorhebt ist ihre Offenheit für die Möglichkeiten seiner Darsteller.
  • Bungalow von Ulrich Köhler(2002) – spielt 2002
Köhlers Debüt hat die Schönheit eines Popsongs. Wie Bartleby bei Melville ist auch Paul weniger Verweigerer als Verzögerer. Er entfernt sich „unerlaubt von der Truppe”, aber geht nicht nur dem Kriegsdienst, sondern jeder Festlegung aus dem Weg. Doch auch Zuhause ist kein Platz für Ausweichbewegungen.
  • Die Unerzogenen von Pia Marais (2007) – spielt 2007
Stevie (C. Chuh) wächst ohne festes Zuhause auf. Mit wechselnden Freunden driftet ihre Familie durch Europa. In einem Kölner Vorort kommt die Karawane plötzlich zum Stehen. Ein Film über Eltern, deren Rebellion von Tag zu Tag kindischer, und über ein Kind, deren Sehnsüchte immer erwachsener werden.
 
Eine Initiative des Goethe-Instituts Brüssel in Zusammenarbeit mit der Cinematek

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