1989: Geschichten vom Umbruch

Aus Liebe zum Volk © Peter Badel/zero one film

Cinematek und Goethe-Institut Brüssel präsentieren eine Filmreihe zum 30. Jubiläum des Mauerfalls

„Aus Liebe zum Volk“, ein Essayfilm von Eyal Sivan und Audrey Maurion aus dem Jahr 2004, handelt von Herrn B., einem Stasi-Offizier. Im Spätherbst 1989 merkt er, dass seine Macht sich dem Ende zuneigt. Das System, das er mit aller Macht schützte, bricht in sich zusammen. „Darin liegt das Paradox der DDR“, sagt Eyal Sivan in einem Interview. „Man überwachte alles, man sah alles, aber dass die Wende kam, dafür war man blind.“

Der Filmemacher wirft damit eine Frage auf, die weit über die paradoxe Blindheit der Stasi hinaus- und auf ein erkenntnistheoretisches Problem verweist. Was kann man in dem Augenblick, in dem sich Ereignisse zutragen, sehen und begreifen, wenn man erst später weiß, dass diese Ereignisse Geschichte gemacht haben werden? Die Filme dieser Reihe umkreisen mit dem Jahr 1989 einen solchen Augenblick. Umbruch und Unklarheit fließen zusammen; denn dass die DDR im Oktober 1990 Geschichte ist, weiß im November 1989 niemand. Jean-Luc Godard, zum Zeitpunkt des Drehs vom Mauerfall überrumpelt, nutzt in „Allemagne année 90 neuf zéro“ (1991) die unübersichtliche Lage, um über das 20. Jahrhundert in Deutschland nachzudenken. Chantal Akerman beobachtet in „D’Est“ (1993) mal in Travellings, mal in langen, statischen Einstellungen die Umbrüche in der DDR, in Polen und in der sich auflösenden Sowjetunion. Gerd Kroske begleitet in seinem Film „Kehraus“ drei Leipziger Straßenkehrer, deren Metier und Lebenschancen sich analog zu den politischen Verhältnissen ändern. „Winter Adé“ von Helke Misselwitz, ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1988, lässt DDR-Bürgerinnen über ihre Lebenssituation sprechen; er trägt den Vorschein eines Aufbruchs in sich. Cynthia Beatts „Cycling the Frame“, im selben Jahr entstanden wie „Winter Adé“, schickt Tilda Swinton auf eine Radtour durch West-Berlin. Die Schauspielerin fährt die Innenseite der Mauer ab. Je massiver die Grenzanlagen erscheinen, desto weniger hat man den Eindruck, dass sich an der Teilung der Stadt jemals etwas ändern würde. 2009 fährt Tilda Swinton dieselbe Strecke noch einmal, der neue Film heißt „The Invisible Frame“: Was eben noch Beton für die Ewigkeit war, ist 20 Jahre später unsichtbar. 

Auch andersherum hat die Frage Sinn: Was kann man von der ursprünglichen Unübersichtlichkeit von Geschehnissen noch vermitteln, nachdem diese Geschehnisse Teil eines Narratives geworden sind und sich einem Begriff wie „Wiedervereinigung“ untergeordnet haben? Ein Film, der die grundlegende Offenheit des Augenblicks wiederherzustellen versucht, ist Thomas Heises „Material“ (2009). Zu einer fast dreistündigen Collage montiert Heise bis dato ungenutzte Aufnahmen, die aus der DDR der 80er Jahre und aus der Zeit unmittelbar vor und nach der Wende stammen. „Material“ vergegenwärtigt den historischen Augenblick so, dass die heute verschütteten Möglichkeiten, die Gefahren und das utopische Potenzial, die diesem Augenblick einst innewohnten, noch einmal zutage treten.