Wiederentdeckung der Stadt Partizipation im/vom öffentlichen Raum

Im Rahmen des deutsch-französischen Projektes „Wiederentdeckung der Stadt“ fand am 26. Mai 2015 eine eintägige Konferenz zum Thema „Kunst im urbanen Raum“ statt. Die Konferenz bot erstmalig eine Möglichkeit der Begegnung und des Austausches zwischen Architekten, Stadtplanern, Künstlern und weiteren Akteuren der Zivilgesellschaft. Der Architekt und Stadtplaner Léandre Guigma präsentierte ein engagiertes Plädoyer für die stärkere Verknüpfung von Kunst und Stadtplanung. 

Partizipation im/vom öffentlichen Raum
Wenn sie in einigen Stadtvierteln bzw. informellen Siedlungsgebieten von Ouagadougou, über Kunst im öffentlichen Raum sprechen, werden sie manche Anwohner darum bitten sie nicht abzulenken. Ich habe die Erfahrung mit Jugendlichen in der informellen Siedlung Watinoma gemacht. Sie haben mir gesagt: „ Mit all diesen Problemen, die wir haben, Probleme mit Grundstücken, Arbeitslosigkeit, hohen Lebenshaltungskosten, glaubst du wirklich, dass uns die Kunst interessiert“?Und dennoch saßen sie auf einem schönen Baumstamm, und einer von ihnen bereitete Tee zu, sie luden mich auf einen guten „Premier“ ein. Unser Können und Sein zeichnet sich durch all diese simplen Gesten des Alltagslebens aus. Die uns umgebene urbane Landschaft scheint so banal und gewöhnlich, ist sie wirklich so unbedeutend?

Die Stadt ist zugleich Spiegelbild und Produkt der Kunst

Einerseits spiegelt die Stadt die Kunst wider, sie beherbergt die Kunst; sie gibt sie zu sehen, zu riechen, zu hören, anzufassen und zu probieren.
Andererseits formt die Kunst die Stadt und schafft ihre Einzigartigkeit. Die Kunst ist sogar der Ursprung der urbanen Entwicklung und Produktion, sowohl der räumlichen als auch der sozialen Verbindungen. Sie ist im Kern der Urbanität. Sie gestaltet die Eigenschaften und die Besonderheiten des Städters in seinen Beziehungen mit anderen und mit seiner Lebenswelt.
Anhand der Erfahrungen aus unserer beruflichen Praxis als Architekt und Stadtplaner in Ouagadougou, versuchen wir im Folgenden einige Verhaltensweisen des Städters in Verbindung mit seinem Lebensraum zu beschreiben und einige Ansatzpunkte für eine besseren Anerkennung und Aufwertung der Kunst im öffentlichen Raum zu skizieren.

Drei Feststellungen

Die erste Feststellung, die wir machen, ist der Mangel an öffentlichen Räumen in Bürgernähe.

In der Stadtplanung sind zwar Grünanlagen vorgesehen, aber diese sind vor Ort nicht immer sichtbar. Wenn die Grünanlagen angelegt werden, dann meist als abgegrenzte Kneipen, die so Anwohner ausschließen, die keine Mittel oder keine Lust haben, Alkohol und importierte Musik zu konsumieren.
Die restlichen Anwohner besetzen schließlich die freien Plätze, die noch nicht bebaut sind, ohne genau in Erfahrung zu bringen, wer der Grundstückseigentümer ist. Das Risiko besteht darin, dass Jugendliche, die sich beispielsweise eines Grundstücks bemächtigt haben, eines Tages zugunsten privater und wohlhabender Investoren vertrieben werden, die nicht unbedingt den sozialen Zusammenhalt des Viertels begünstigen.
Räume der Begegnung und der sozialen Interaktion etablieren sich so vorwiegend auf der Straße. Es gibt auch freie, unbebaute Plätze, die oft von den Stadtplanern als Risikozonen oder als nicht bebaubar betrachtet werden; zum Beispiel die so genannten „Bancotière“ oder überschwemmungsgefährdet Zonen.
Paradoxerweise besteht in diesen Risikoräumen ein Reichtum an sozialer Interaktion. Die „Bancotière“ ist multifunktionell. Sie ist zuerst eine Sandgrube zur Förderung von Erde. Sie ist auch ein Auffangbecken für Regenwasser, ein Ort der Herstellung von Ziegelsteinen, ein Handelsplatz für Lehm, aber gleichzeitig auch eine Mülldeponie und ein Schlupfloch von Straßenräubern, die in der Nacht agieren.
Es gibt somit eine Diskrepanz zwischen der geplanten und der gelebten Stadt: Die öffentlichen Räume aus der Stadtplanung sind weder angelegt noch belebt, während manche so genannte Risikozonen oder nicht anerkannte Zonen Orte des sozialen Lebens par excellence sind.

Die zweite Feststellung ist die Schwierigkeit der Darstellung der Trennung zwischen öffentlichem Raum und Privatraum der Stadtbewohner.

Je nach Fall ist die Ausprägung sehr verschieden. Manchmal wünschen sie den öffentlichen Raum zu privatisieren, besonders die Vorderseiten ihrer Wohnungen oder die gesamte Straße anlässlich gesellschaftlicher Ereignisse … [A.d.R. z.B. Hochzeiten, Beerdigungen, …]. Auf der anderen Seite des imaginierten privaten Raumes, der sich ausschließlich auf den Innenhof und das Grundstück begrenzen kann, nehmen manche Stadtbewohner den öffentlichen Raum als unpersönlich wahr. Sie fühlen sich für ihn nicht mitverantwortlich und bedenken ihn in keiner Weise mit Sorge oder Pflege. Manchmal tragen sie sogar zu seiner Degradierung bei, indem sie ihn zur Mülldeponie, Abwasserentsorgung und jeglicher anderer Art von Abfallentsorgung umwandeln.
Diese doppelte Tendenz zwischen Aneignung und Vernachlässigung ist wahrnehmbar und zeigt eine sehr individualistische und reduzierte Vorstellung des privaten Raumes in Beziehung zum öffentlichen Raum. Manche Anwohner sind sich dessen nicht bewusst, dass ihr Privatraum an der Gestaltung des gemeinsamen öffentlichen Raums teilnimmt. Jeder Versuch der Reglementierung in diesem Sinne wird als Einmischung und Reduzierung ihrer Freiheit wahrgenommen.

Die dritte Feststellung ist die wachsende Präsenz spezifischer Kunst in der Stadt Ouagadougou, der lebendigen öffentlichen Kunst, die sich immer mehr öffentlich und im öffentlichen Raum ausdrückt.

Häufig findet man entlang der Straße oder an einer Kreuzung „DJs“, Verkäufer verschiedenster Produkte, die mit Hilfe von Mikros und Lautsprechern ihre Ware anpreisen und verbreiten.
Die Kommunikationsform aus Autos oder von Mopeds via Lautsprecher zu beschallen, das so genannte “hallo hallo“, wird vor allem in informellen Stadtvierteln durchgeführt.
Nicht zu vergessen sind die verschiedenen kulturellen und künstlerischen Veranstaltungen, die in den letzten Jahren den öffentlichen Raum Ouagadougous in Beschlag nehmen.

Welche Ansatzpunkte gibt es in Bezug auf diese Feststellungen für eine bessere Anerkennung und Aufwertung von Kunst im öffentlichen Raum?

Zwei Ansatzpunkte

Der erste Ansatzpunkt: die Rückkehr zu menschlichen Werten

Die Standardisierung oder Internationalisierung unseres Lebensraumes unter dem Vorwand der Modernisierung ist eine ständige Gefahr für die Qualität des öffentlichen Raums und dessen Aneignung durch die Städter. Die Standardisierung der Gestaltung, Architektur oder der Straße, der blinde Werbeeifer, der die Einwohner permanent zum Konsum ausländischer Produkte einlädt, dies alles vernichtet unsere Fantasie und unseren Gestaltungswillen. Es trägt dazu bei, unser Wissen, unser kulturelles und traditionelles Know-How zu diskreditieren, zugunsten von Marken, Modellen und internationalen Standards. Die urbane Ausdehnung von Ouagadougou durch die Aneinanderreihung von Siedlungen trägt zur Monotonie einer schlafenden Stadt bei. In dieser zählen nur die eigenen vier Wände auf Kosten der Qualität des öffentlichen Raums, der sozio-kollektiven Gestaltung und der öffentlichen Infrastrukturen. Die Einwohner von Ouagadougou leben zunehmend allein, verbarrikadiert hinter großen Zäunen und Toren. Ruhe bitte, hier wird geschlafen…!

Der zweite Ansatzpunkt: Die Erfahrung der Partizipation der Bevölkerung

Es ist entscheidend Brücken zwischen Künstlern, Stadtplanern und Bewohnern zu schlagen, die tagtäglich mit der Stadt leben. Wir haben nicht auf der einen Seite die Produzenten und Hersteller und auf der anderen Seite die Konsumenten und Zuschauer. Der absichtliche oder unabsichtliche Ausschluss der Anwohner bei der Gestaltung öffentlicher Räume führt oft zur Veruntreuung oder einfach zur Nichtnutzung. Die Erfahrung von gemeinnützigen Projekten während der Zeit der Revolution [AdR: Hier ist die Zeit der Präsidentschaft Thomas Sankara von 1983-87 gemeint] zeigt lehrreich die Stärke und die Heldentat gemeinschaftlicher Arbeit. Manche Baustellen sind seit dreißig Jahren verlassen, wurden bisher noch nicht weiter fortgesetzt.
Mitbestimmte Bauvorhaben ermöglichen den Anwohnern, ihre Meinungen zur Zukunft ihres Stadtviertels, ihrer kollektiven Räume auszudrücken. Es erlaubt ihnen gemeinsam zu träumen, gemeinsame Werte und Symbole zu teilen.

Wie kann die Stadt neu gedacht werden, ohne die Menschlichkeit neu zudenken,
ohne sich Zeit zum Rumlaufen zu nehmen, in traditioneller Art und Weise „Guten Tag“ zu seinem Nachbar zu sagen, das heißt, sich nach dem Befinden der Eltern, der Kinder, der Arbeit, der Transition [AdR: die Zeit des Übergangs zwischen der Revolution im Oktober 2014 bis zu den Neuwahlen im Oktober 2015] zu erkundigen, indem man seinem Nachbarn direkt in die Augen schaut, und ihm die Hand schüttelt (solange uns Ebola verschont). Wenn wir nicht mal mehr sensibel gegenüber unserer Kultur, unseren Werten sind, nicht nur den afrikanischen sondern einfach den menschlichen, worauf werden wir unsere Kunst zu Leben dann bauen?

Wie kann die Stadt neu gedacht werden, ohne am Spektakel teilzunehmen, 
teilzunehmen am urbanen Theater mit dem Bewusstsein gleichzeitig Schauspieler, Zuschauer und manchmal auch Regisseur zu sein?

Und schließlich, wie kann die Stadt neu gedacht werden, ohne Urbanität neu auszudenken und nicht nur die Städteplanung,
ohne zu lernen zu beobachten und nicht nur zu sehen, ohne zu lernen zuzuhören und nicht nur zu hören, ohne zu lernen zu spüren und nicht nur zu fühlen, ohne zu lernen zu berühren und nicht nur zu nehmen, ohne zu lernen zu genießen und nicht nur zu probieren… und vor allem ohne zu lernen zu träumen, zu ersinnen, zu gestalten jeden Tag eine andere Stadt für Morgen ausgehend von unserem täglichen Erlebten?