Kampagne Bücher für Burkina Faso

Aguiara Sane (vorne) mit einigen Mitschülerinnen
© Goethe-Institut

Haben Sie schon mal etwas von Burkina Faso gehört? Es wäre nicht überraschend, falls Sie diese Frage mit „nein“ beantworten, denn das schöne Land im Herzen Westafrikas ist nicht sehr bekannt in Deutschland.

Umso erstaunlicher ist es, dass dort 77 000 Mädchen und Jungen ab der 9. Klasse in der Schule Deutsch lernen. Eine von ihnen ist Aguiara Sane. Sie geht in die 9. Klasse des Lycée Marien N’Gouabi in Ouagadougou. Sie lernt erst seit Kurzem Deutsch, doch sie ist schon jetzt begeistert von ihrer neuen Fremdsprache. "Nach dem Abitur möchte ich Germanistik studieren und als Deutschlehrerin arbeiten.“ Sie weiß auch schon ganz genau warum: „Ich würde sehr gerne nach Kiel gehen, denn die Stadt ist wunderschön!“, sagt Aguiara. Bisher kenne sie Kiel zwar nur aus dem Unterricht, doch eines Tages würde sie gerne selbst am Hafen stehen und den frischen Nordwind einatmen.

Auch Jean-Claude Ilboudo aus der Parallelklasse möchte später Deutsch studieren. Er weiß zwar noch nicht so genau wo, aber dafür ist er sich umso sicherer, was er danach machen möchte: „Übersetzten, das macht mir Spaß!“, sagt Jean-Claude. Vielleicht wird er wirklich einmal als Dolmetscher arbeiten.

Schwere Unterrichtsbedingungen

Unmöglich ist das nicht. „Einer meiner ehemaligen Schüler ist inzwischen als Germanistikstudent an der Universität eingeschrieben“, sagt Dia Dilma, die schon seit 15 Jahren als Deutschlehrerin am Lycée Marien N’Gouabi arbeitet. Zusammen mit ihren fünf Kolleginnen unterrichtet sie in 18 von insgesamt 44 Klassen Deutsch. Doch die Unterrichtsbedingungen sind alles andere als optimal. „Wir haben nicht genug Bücher. In den Klassen, in denen ich unterrichte, besitzt keine einzige Schülerin ein Buch“, sagt Dilma ernst. „Ich bin die Einzige, die über ein aktuelles Deutschbuch verfügt.“ Genau wie ihre Kollegen versucht sie, die wichtigsten Seiten aus dem Lehrbuch zu kopieren, um sie ihren Schülerinnen zur Verfügung zu stellen, doch die Qualität der Kopien ist oft schlecht und die Schule hat nicht genug Geld, um für alle Schülerinnen eine Kopie anzufertigen. „Wir können immer nur ein paar Seiten aus dem Buch kopieren und die müssen sich dann zwei oder drei Schülerinnen teilen“, sagt Seydou Outtara. Auch er ist Deutschlehrer an diesem Gymnasium, schon seit 31 Jahren.

Ein Grund für den Büchermangel ist die weit verbreitete Armut im Land. „Die Schüler an dieser Schule stammen oft aus armen Familien. Die Eltern können es sich einfach nicht leisten, ihre Kinder mit Deutschbüchern zu versorgen“, erklärt Dilma. Es sei für die Familien oft schon schwer genug, das Schulgeld aufzutreiben, damit ihre Kinder überhaupt zur Schule gehen können. Ganz kostenlos ist Bildung in Burkina Faso nämlich nicht. Immerhin seien die Gebühren an staatlichen Gymnasien wie dem Lycée Marien N’Gouabi nicht so hoch wie an privaten Schulen. Aber das habe den Nachteil, dass große Massen an die staatlichen Schulen drängen, auf die die Bildungseinrichtungen eigentlich nicht ausgelegt sind. „Die Klassen hier sind stark überfüllt“, sagt Dilma. „Eine durchschnittliche Klasse besteht hier aus 75 Schülerinnen“, ergänzt ihr junger Kollege Taiboké Some, der erst seit einem Jahr an der Schule unterrichtet. Ein Blick in die Akten des Schulleiters bestätigt dies. Es gibt sogar Klassen, die noch größer sind, aus bis zu 100 Schülerinnen können einzelne Gruppen bestehen.

Die Armut ist auch der Grund dafür, warum der Altersunterschied in einzelnen Klassen so groß ist. Aguiara ist fünf Jahre älter als Jean-Claude, obwohl beide in die 9. Klasse gehen. „Kinder aus armen Familien bleiben häufiger sitzen, weil sie zu Hause viele Pflichten haben und oft nicht genug zu essen bekommen, um sich im Unterricht wirklich konzentrieren zu können. Wenn das Geld zu knapp wird, müssen sie manchmal auch ein paar Jahre pausieren“, erläutert Schulinspektor Ivo Finle. Mädchen seien davon viel stärker betroffen als Jungen, weil die Eltern ihren männlichen Nachwuchs oft bevorzuge würden. „In den Dörfern ist die Situation noch viel schlimmer als hier in der Hauptstadt. Auch der Büchermangel ist dort ein noch größeres Problem“, erklärt Finle. Dorfschulen verfügen in aller Regel nicht über technische Ausstattung. Dann können nicht einmal Kopien angefertigt werden und die Lehrerinnen müssen alle Beispieltexte mühsam mit Kreide an die Tafel schreiben. „Dann ist ein effektiver Unterricht gar nicht mehr möglich.“

Kleiner Betrag, große Wirkung!

In einigen anderen Schulfächern, wie Mathe, Französisch und Englisch sehe die Situation hingegen etwas besser aus. Bücher für diese Fächer werden vom burkinischen Staat bezuschusst. Auch durch Spenden aus Frankreich wird die Anschaffung entsprechender Schulbücher in der ehemaligen französischen Kolonie unterstützt. Doch bei den Deutschbüchern ist das anders. Zwar unterstützt das Goethe-Institut / Verbindungsbüro Ouagadougou im Rahmen der Bildungskooperation Schulen, die Deutschunterricht anbieten, mit Fortbildungen, Stipendien, Lehrmittelspenden und Projektmitteln, aber um alle Schulen im Land flächendeckend mit Büchern zu versorgen, fehlt das Geld.

Dabei sind die Kosten für die Lehrwerke, die gemeinsam mit dem Goethe-Institut für die speziellen Bedürfnisse in der Region entwickelt wurden, eigentlich nicht hoch. Ein Lehrbuch kostet 5 Euro, das dazugehörige Arbeitsheft ebenfalls. Für eine arme burkinische Familie ist das sehr viel Geld.

Wenn Sie unser Projekt unterstützten, ermöglichen Sie es Schülerinnen wie Aguiara oder Jean-Claude, ihrem Traum ein Stück näher zu kommen.

Deutsch als Weg aus der Armut

Doch warum lernen burkinische Schülerinnen eigentlich Deutsch? „Gute Noten im Deutschunterricht können den Schülerinnen helfen, im Abitur besser abzuschneiden. Damit qualifizieren sie sich für ein Studium an der Universität, das ihnen bessere Bildungschancen verschafft“, erklärt Finle. Außerdem werden den Schülerinnen durch Deutschkenntnisse ganz neue Karrierewege ermöglicht. Das beste Beispiel dafür ist der Deutschinspektor Ivo Finle selbst. Er wuchs in sehr armen Verhältnissen in einer Kleinstadt in der Elfenbeinküste auf. Schon als Grundschüler musste er seinem Vater bei der Arbeit auf einer Kakaoplantage helfen. Als er neun Jahre alt war, verstarb sein Vater. Fortan musste sich seine Mutter allein um ihn kümmern. Sie tat alles dafür, um ihm den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Mit Erfolg, wie sich später herausstellte: Nach dem Abitur zog Finle nach Burkina Faso und begann dort ein Deutschstudium, danach arbeitete er fünf Jahre lang als Lehrer, ehe er sich später zum Schulinspektor weiterbilden ließ. In diesem Beruf arbeitet er bis heute.

Vielleicht gelingt es auch Aguiara, ihren Traum vom Deutschstudium irgendwann zu verwirklichen. Falls sie Zugang zu Deutschbüchern erhält und damit in Zukunft regelmäßig lernen kann, erhält sie vielleicht irgendwann einmal ein Stipendium vom Goethe-Institut und kann tatsächlich nach Deutschland reisen. Und dann – wer weiß das schon? – läuft sie Ihnen womöglich in Kiel oder anderswo über den Weg und begrüßt Sie mit einem herzlichen „Guten Tag!“. Spätestens dann erscheint das ferne Burkina Faso plötzlich nicht mehr so fremd.

Spendenaufruf: Bücher für Burkina Faso