Ein Erzählfestival in Burkina Faso „Komm, wir erzählen“

  •  © Dörte Hentschel
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In Sissamba, einem kleinen Dorf in Burkina Faso, ungefähr 100 km von Ouagadougou entfernt, findet schon seit 13 Jahren das Erzählerfestival „Wa Tid Solem“ statt. „Wa Tid Solem“ bedeutet „Komm, wir werden erzählen“ auf Mooré, der Sprache der Mossi, eine der größten ethnischen Gruppen Burkina Fasos. Für ein Wochenende im März finden sich vornehmlich burkinische Geschichtenerzähler in Sissamba ein und beleben das Dorf mit Geschichten, dem berüchtigten Fußballspiel zwischen Künstlern und Dorfbewohnern und Besuchen bei den Alten des Dorfes.

Geschichten erzählen ist elementarer Teil der burkinischen Kultur. Als Form der Unterhaltung, Belehrung und Wissensvermittlung hat Geschichten erzählen einen wichtigen Platz in Burkina Faso. Seit jedoch Bücher, Fernsehen und Handys ihren Weg in den Alltag der Burkiner gefunden haben, ist diese Tradition ein wenig eingeschlafen. Mit der kleinen „Conteur“-Szene in Burkina Faso nimmt diese Praktik seit ein paar Jahren eine neue Form an. Sie entwickelt sich immer mehr zu einer Form der darstellenden Kunst und wandert vom familiären Innenhof auf die Bühne. Kaum eine Woche vergeht, ohne eine/n GeschichtenerzählerIn, der zu einer Eröffnung, im Theater oder in einer Bar ihre/ seine Geschichten zum Besten gibt. Die lebendige Künstlerszene Burkina Fasos ist heute ohne ihre Geschichtenerzähler unvorstellbar.

Ausschlaggebend in dieser Entwicklung war der kleine Kreis von Erzählern rund um „Le Roseau“, ein kleines Kulturzentrum in Ouagdougou, das seit über einem Jahrzehnt jeden letzten Mittwoch im Monat „die Nacht der Geschichten“ organisiert. Sie formen den Kern der ouagalaisischen Erzählergemeinschaft und sie sind es, die das Festival „Wa Tid Solem“ ins Leben gerufen haben. Ausgangspunkt war die Idee, einen entspannten Ort der Zusammenkunft für Erzähler zu schaffen; dort wo die Geschichten eigentlich herkommen, am Dorf.

Ungefähr 30 Künstler sind dieses Jahr aus Ouagadougou, Bobo-Dioulasso und sogar aus Deutschland angereist, um für ein paar Tage in Sissamba und in den umliegenden Dörfern Geschichten zu erzählen und sich in familiärer Atmosphäre auszutauschen. In kleine Gruppen verstreut verbringen sie die Tage miteinander unter den schattenspendenden Bäumen, scherzend und musizierend. Am Abend versammeln sich dann riesige Menschentrauben aus den Dörfern und lassen sich von den Erzählern in die unterschiedlichsten Geschichten entführen.

In die Geschichte von Amina, zum Beispiel, die zwar schön ist, aber das Geld zu sehr liebt. Sie weißt alle Männer des Dorfes ab und folgt schließlich einem Unbekannten, der ein teures Auto fährt und schicke Klamotten trägt. Wie es sich herausstellt, hat er all seine Utensilien nur geliehen, von Auto und Hut, bis zu seinen Beinen und Augen. Amina kehrt als dann schockiert in ihr Dorf zurück. Die vorgetragenen Geschichten sind Fabeln, mit mystischen Elementen, sprechenden Tieren und einer starken moralischen Botschaft. Oft interagieren die Erzähler mit dem Publikum, binden sie in die Geschichte mit ein, lassen sie klatschen, singen und tanzen.

Das begeisterte Publikum von „Wa Tid Solem“ besteht gänzlich aus Dorfbewohnern, hauptsächlich aus Frauen und Kindern. Doch sie sind nicht nur Zuschauer, sondern, im Gegenteil, aktiv in das Festival miteingebunden. Sie erkundigen sich telefonisch im Vorfeld, wann das Festival endlich stattfindet und unterstützen es finanziell, mit Lebensmitteln oder freiwilligem Engagement. Beim Festival selbst singen und tanzen die Frauen des Dorfes die Nächte durch, erzählen die Alten von Früher, verausgabt sich die Jugend beim Fußballtunier und die Kinder versuchen sich selbst im Geschichten erzählen.

Das ist das Schönste für Monsieur Ngonn, einem der Gründer des Festivals, „dass sich jetzt sogar die Kinder selbst organisieren, um Geschichten zu erzählen“. Kinder von erst sechs Jahren erzählen selbstbewusst und gekonnt Geschichten auf der Bühne vor einem unterstützenden Publikum. Durch die wiederkehrenden Workshops, Wettbewerbe und Erzählrunden ist ein eigenes kleines Zentrum von jungen Erzählern enstanden, die diese Tradition weiter beleben und über das Festival hinaus verbreiten.

„Wa Tid Solem“ zeigt, was Kunst erschaffen kann. Es bereichert mit den einfachsten Mitteln, durch Kontinuität und Bescheidenheit das Leben der Menschen vor Ort und erhält gleichzeitig eine uralte Tradition am Leben.

Burkina Fasos Künstlerszene ist äußerst lebendig und ambitioniert. Die Hauptstadt Ouagadougou ist überschwemmt mit Festivals und Kulturevents, die alle möglichen Menschen erreichen wollen und dann doch nur die immer gleiche Szene bedienen. Das Erzählfestival „Wa Tid Solem“ schafft jedoch genau das, es erreicht Menschen, die kaum Zugang zu Kunst haben, bindet sie aktiv mit ein und vermittelt ihnen Anerkennung und Wertschätzung.