Selbstheilung durch Farbe

Im Rahmen einer Vernissage wurde die Kunstausstellung „Vom Schmerz zur Farbe“ von Pierre Garel am 9. März im KUNSTRAUM226 vor dem Stade Municipal in Ouagadougou eröffnet. Für den französischen Künstler war es die erste Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut / VB Ouagadougou.

  •  © Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  •  © Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  •  © Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  •  © Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  •  © Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  •  © Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  •  © Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
  •  © Pierre Garel
  •  © Pierre Garel
  •  © Pierre Garel
  •  © Pierre Garel
  •  © Pierre Garel
  •  © Pierre Garel
  •  © Pierre Garel
  •  © Pierre Garel
Am Anfang war die Farbe Gelb. Sie steht schon seit 23 Jahren im Zentrum der Arbeit von Pierre Garel. 1993, sieben Jahre bevor es den französischen Künstler zum Leben und Arbeiten nach Burkina Faso zog, entschloss er sich dazu, fortan nur noch diese eine Farbe zu benutzen. „Es war wie ein Spiel. Ich nahm mir vor, sie so lange zu verwenden, bis ich nichts mehr damit anzufangen wusste.“ Zu Beginn war er noch unschlüssig, ob es jemals dazu kommen würde. Mittlerweile sei er sich aber ziemlich sicher, dass er diesen Punkt niemals erreichen wird. Einmal Gelb, immer Gelb. So verwundert es nicht, dass sich diese Farbe in all ihren Facetten und Schattierungen auch dieses Mal wie ein roter Faden durch die Ausstellung zieht.

Doch warum eigentlich? Warum ausgerechnet Gelb und nicht zum Beispiel Rot? „Ich mag die Farbe. Mir gefällt die Wärme, die von ihr ausgeht“, sagt Garel. „Aber im Prinzip hätte ich auch jede andere Farbe wählen können“, fügt er überraschend hinzu. Wichtiger als die Entscheidung für eine bestimmte Farbe, sei die Entscheidung selbst. So müsse er nicht jedes Mal aufs Neue darüber nachdenken, sondern könne sich stattdessen auf andere Aspekte der Kunst konzentrieren.

In seiner Ausstellung „Vom Schmerz zur Farbe“ geht es jedoch um viel mehr, als um die Farbe Gelb. „Ursprünglich wollte ich eine Ausstellung über die Arbeit meines Vaters machen. Die Idee dazu kam mir bereits im Juni.“ Garels Vater war gestorben und der Künstler suchte einen Weg, seinen Schmerz zu verarbeiten. Er fand diesen Weg in seiner Kunst. Dann kam Carolin Christgau, die Leiterin des Goethe-Instituts / VB Ouagadougou auf ihn zu und bot ihm an, den KUNSTRAUM226 für seine Arbeit zu nutzen.

Beim KUNSTRAUM226 handelt es sich um ein temporäres Projekt des Goethe-Instituts, das nationalen und internationalen Künstlern eine Alternative anbietet, um über einen längeren Zeitraum hinweg an eigenen Ausstellungskonzepten zu arbeiten. Bis Ende April war der KUNSTRAUM226 ein vollständig aus Holzpaletten erbauter Raum, wodurch der experimentelle Bau selbst wie eine Art Kunstwerk wirkte.

Für einen Künstler wie Pierre Garel ist diese Umgebung wie geschaffen, um kreativ tätig zu werden. Er nahm die Einladung an. Was folgte, war ein Prozess des künstlerischen Schaffens. Garel dachte über seine Arbeit als Kunstlehrer nach, die ihn mit großer Freude erfüllt und über seinen Platz in der Gesellschaft. Er hatte das Gefühl, mit mittlerweile 50 Jahren zwischen zwei Generationen zu stehen. Er fragte sich, was ein Vater seinem Sohn und was ein Lehrer seinen Schülern weitergeben kann. „Da waren mein Vater, meine Schüler und die Farbe Gelb“, sagt Garel. „Ich überlegte, wie ich das in einer Ausstellung verbinden könnte.“

Seine erste Arbeit war eine Installation, die nun den Namen „Plan de travail d’un artiste-scientifique“ trägt. In ihr verarbeitet sind einige Fotos seiner Schüler, die nach und nach künstlerisch verändert wurden. Er hat diese Gruppe einige Jahre lang als Kunstlehrer an einem Gymnasium begleitet. Nun trennen sich ihre Wege, doch er ist sehr stolz auf das, was sie zusammen erreicht haben. Aus diesem Grund hat er sich dazu entschieden, einige von ihnen an seiner Ausstellung teilhaben zu lassen. Fünf Schüler haben eigene Kunstwerke erstellt, die nun ebenfalls im KUNSTRAUM226 gezeigt werden. „Die Möglichkeit, mein Wissen an meine Schüler weiterzugeben“, sagt Garel, „ist für mich eine Art Selbstheilung“. Genau wie die Farbe Gelb. Die Arbeit mit dieser warmen Farbe helfe ihm, seinen Schmerz zu verarbeiten und sich selbst zu heilen. Beliebig war die Wahl damals also doch nicht.

Inspiriert wurde Garel dabei von  Joseph Beuys. Der deutsche Künstler hatte ebenfalls den Anspruch, mit Kunst zu heilen. Nicht sich selbst, sondern die moderne westliche Gesellschaft, die aus Sicht des Künstlers von krankhaften Wirkungsmechanismen durchsetzt sei. Beuys hat Garel in seinem eigenen Wirken so sehr beeinflusst, dass er ihm eine eigene Vitrine innerhalb seiner Ausstellung widmet. Darin zu sehen sind Fotos von ausgewählten Werken des deutschen Künstlers, unter anderem von den Installationen „Schmerzraum“ und „Lieu de travail d’un scientifique-artiste“. Die dort verarbeiteten Ideen spiegeln sich auch in Garels eigener Ausstellung wider. Das Thema „Schmerz“ ist in seiner Ausstellung omnipräsent.

Der Begriff „artiste-scientifique“ indes wurde von Hervé Fischer geprägt und beschreibt einen Künstler, der sich von der gesellschaftlich immer wichtiger werdenden Rolle der Wissenschaften, in seiner kreativen Arbeit inspirieren lässt.

Auch Garel hat sich künstlerisch mit der Wissenschaft auseinandergesetzt oder, um genauer zu sein, mit der Arbeit eines ganz bestimmten Wissenschaftlers: mit der seines eigenen Vaters. Dieser war Biochemiker und seine Arbeit hat ihn schon immer fasziniert, da er sich mit Dingen beschäftigt hat, für die sich viele andere Wissenschaftler gar nicht interessierten, mit der Kupferchloridkristallisation zum Beispiel. Er schätzte natürliche und ästhetische Prozesse. Nun stellt auch er eine Verbindung zwischen Natur und Ästhetik her, nicht als Wissenschaftler, sondern als Künstler.  Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang in seiner Installation „Portrait d’un chercheur“. Sie besteht aus einer großen, retuschierten Fotografie, die seinen Vater an einem Schreibtisch zeigt und aus einem kleinen schwarzen Beistelltisch, auf dem verschiedene Objekte aus dem Arbeitsalltag des Wissenschaftlers positioniert sind. Beide Elemente sind durch den gelben Faden eines Seidenkokons miteinander verbunden. Er entspinnt sich von einem Reagenzglas auf dem Tisch bis zum darüber hängenden Porträt des Vaters.

Der kreative Schaffensprozess ist für Garel ebenso wichtig wie das Ergebnis selbst. „Das ist auch Kunst“, sagt er und erklärt den Weg zum Kunstwerk damit selbst zur Kunst. Und der verläuft freilich nicht immer geradlinig. Viele seiner ursprünglichen Ideen haben sich im Laufe des Arbeitsprozesses verändert. „Eigentlich hatte ich geplant, die Ausstellung in zwei Abschnitte einzuteilen. Ich wollte in Anlehnung an Beuys einen ‚Schmerzensraum‘ kreieren und antagonistisch dazu einen ‚Farbenraum‘.“ Am Ende kam dann aber doch alles ganz anders. Sein Vater, seine Schüler und die Farbe Gelb, sie sind nun in allen Kunstwerken irgendwie verarbeitet. Nur in der Musik, die in den Ausstellungsräumen zu hören ist, hat sich seine ursprüngliche Idee gehalten. In einem Teil der Ausstellung ertönen die rauen Klänge moderner Industrialmusik und in einem anderen Teil wird Bach gespielt. „Vom Schmerz zur Farbe“, kann man bei Pierre Garel also auch mit den Ohren erleben.