Drei Burkinabè nehmen München auf…

Ein Kommentar von Saïdou Alcény BARRY über die Fotoausstellung:
Nach München.
 

  •  © Goethe-Institut (Francois d'Assise Ouédraogo)
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Vivien Nomwindé Sawadogo, Harouna Marané, Issiaka Nikiéma. Das sind die drei Musketiere der Fotografie, losgelassen in der bayrischen Hauptstadt. Nach München aufgebrochen, um ihre Fotografien des Volksaufstands im Oktober auszustellen, die zeigen, wie die burkinische Jugend die Barrikaden erstürmt, die Nationalversammlung in Brand steckt und das Regime von Blaise Compaoré zu Fall bringt. Und Ouaga wird auf den Kopf gestellt. Hier hat eine Welt Platz gemacht für „eine gerechtere Welt“ („Un monde plus juste“), was übrigens auch der Titel des Fotobandes ist, welcher aus ihren Aufnahmen des Aufstandes am 29., 30. und 31. Oktober 2014 entstanden ist.

Aus München bringen uns unsere drei Fotografen Bilder von den Straßen einer ruhigen Stadt mit, so weit entfernt von Ouaga, der rebellierenden Stadt. Dort ist, wie der Dichter es sagen würde, „alles nichts als Ordnung, Luxus und Schönheit“. Die Schwarzweißbilder, ein Netz aus geraden Linien, die regelmäßige Architektur der Gebäude, gerade und saubere Bürgersteige. Und die Menschen gut in diesen Rahmen einfügend. Sitzend, stehend, brav im Rahmen der Fotografie und im Rahmen der Gebäude.

Nach dem Chaos in Ouaga konnten diese drei modernen Prometheushaften, ab nun Bilderdiebe, nicht anders, als von einer stabilen, geordneten und sterilen Stadt angezogen zu sein. Aber wie schon das Sprichwort sagt: Selbst, wenn zwei Personen auf der gleichen Matratze schlafen, träumen sie doch nicht den gleichen Traum. Die Fotos der drei sagen nicht das gleiche aus, erträumen nicht die gleiche Stadt, selbst wenn die Themen sich überschneiden. Der ivorische Kunstkritiker Mimi Eroll sagt gerne, dass jedes Werk ein Selbstportrait ist. Nehmen wir also diese Fotos als psychologische Selbstportraits der Fotografen in dem Moment. Lesen wir jedes Foto wie ihren inneren Wetterbericht…

Bei Vivien ist es das erhoffte Aufeinandertreffen. Seine Bilder drücken das Verlangen nach dem Anderen aus, dem flüchtigen Streifen des Randbereichs des Innersten des Anderen mit Blicken, ohne in ihn einzudringen. Wie die zwei von hinten aufgenommenen Personen, auf einer Brücke sitzend und in das Wasser blickend, die Gedanken zweifellos auf den Lichtreflexen der Wellen tanzend. Man würde gerne um sie herumgehen und ihnen gegenüberstehen, um unsere Blicke mit den ihren kreuzen zu lassen und ihr Glück zu teilen, zu zweit zu sein.

Harouna Marané sucht verzweifelt die burkinische Hauptstadt in München. Durch eine Fotoserie über Straßenkünstler und Gaukler. Vom Cellospieler bis zum Clown, über die Ballerina und die Performance-Künstlerin, um die sich einige Schaulustige tummeln. Sucht er in diesen vielen bayrischen Schaulustigen einen Ersatz der Ouagalais, die aus dem kleinsten Verkehrsunfall ein Spektakel machen?

Issiaka Nikiéma verfolgt die Einsamkeit in München: Er zeigt einsame, isolierte Menschen in der Stadt – so wie er. Wie diese Frau, die sich an eine Säule in einer leeren U-Bahn-Station anlehnt oder dieser Junge, der wie gebannt auf sein Smartphone guckt, während die Frau hinter ihm in ein leeres Nichts blickt. Oder diese alte Dame, die ihren Rollator eine menschenleere Straße entlangschiebt. Das Foto zwingt eine Dichotomie auf, da die Belichtung dieses einen Bereichs der Welt gleichzeitig die Zurückweisung der Welt bedeutet, die sich außerhalb dieses Rahmens befindet. Hier ist der Teil, der fehlt, das andere München, die interkulturelle Stadt. Wo sind die Afrikaner hin? Die Türken? Und die letzte Welle der Syrer?

Sagen wir, dass das andere München nicht auf dem Weg dieser drei Motivsucher lag. Oder dass sie es nicht gesehen haben, weil es sie nicht ansprach. Das Portrait, das sie uns anbieten, ist ebenso nicht das München der Reiseanbieter, es ist das fantasierte Gesicht einer Stadt, die sich ihnen gezeigt hat. Das ist es, warum dieses München, das sie uns zeigen, so einzigartig ist.